Zum Inhalt springen

Header

Video
«Es geschah am …»: Der Postraub des Jahrhunderts
Aus Es geschah am... vom 25.04.2020.
abspielen
Inhalt

Jahrhundertpostraub Andrea Pfalzgraf: «Ich dachte, das darf ja wohl nicht wahr sein»

Am 1. September 1997 kam es in Zürich zum Postraub des Jahrhunderts. Beute: 53 Millionen Franken innerhalb von vier Minuten. Die TV-Journalistin Andrea Pfalzgraf staunte nicht schlecht, als sie einen der Täter bei seiner Verhaftung wiedererkannte: Sie war einst seine Betreuerin.

SRF: Der Postraub ist lange her. Die Räuber haben Sie in Ihrer journalistischen Tätigkeit über Jahre nie losgelassen. Sie standen mit den Ganoven immer wieder in Kontakt. Wie kam es dazu?

Andrea Pfalzgraf: Angefangen hat alles am 27. September 1997, vier Wochen nach dem Postraub, als wieder einer der Täter in Spanien verhaftet wurde. Ich hatte Aktuelldienst bei «10vor10», als die Bilder der Verhaftung auf der Redaktion über die Bildschirme flimmerten. Ich dachte, das darf ja wohl nicht wahr sein - das ist einer der Posträuber und ich kenne ihn.

Zoran V. war der jüngste in der Posträuberbande und ich habe ihn im Schlupfhaus kennengelernt, als ich dort für kurze Zeit tätig war. Er kam als 13-Jähriger im Schlupfhaus unter und ich war damals seine Bezugsperson. Das weckte mein Interesse am Postraub und den Tätern noch mehr.

Andrea Pfalzgraf

Andrea Pfalzgraf

TV-Journalistin / Autorin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Andrea Pfalzgraf, geboren 1960 in Zürich. Sie arbeitet seit 2009 im «DOK»- und «Reporter»-Team. Bis 2010 als Teamleiterin Dokumentarfilm. Sie studierte Sozialpädagogik/Sozialarbeit an der Fachhochschule Luzern sowie Journalismus an der Journalistenschule St. Gallen. Nach einem Praktikum bei der NZZ publizierte sie als freie Printjournalistin für verschiedene Schweizer Medien.

Hier geht es zum Porträt von Andrea Pfalzgraf.

Sie waren auch am Berufungsprozess und haben dort alle Angeschuldigten studiert. Was ist Ihnen aufgefallen?

Die Posträuber sassen auf der Anklagebank und zwischen jedem der Männer sass ein Polizist. Bei diesem Bild trieb mich die Frage um, weshalb wird einer Polizist und ein anderer Posträuber? Die angeklagten Posträuber sahen sich alle sehr ähnlich. Sie trugen die gleichen Frisuren und auch in der Kleidung unterschieden sie sich kaum. Sogar die Gerichtszeichnerin Linda Grädel konnte die Posträuber kaum auseinanderhalten. Sie zeichnete am Prozess prompt einen Falschen.

Gerichtszeichnung der Posträuber.
Legende: Die Posträuber vor dem Zürcher Bezirksgericht (am Rednerpult Bezirksanwalt Rolf Jäger) gezeichnet von Linda Grädel am 19. Oktober 1999. Keystone

Fanden Sie eine Antwort auf die Frage, weshalb die damals jungen Männer Posträuber und nicht Polizist wurden?

Eine Antwort habe ich nicht aber es gibt Parallelen, die eine Erklärung liefern könnten. Bis auf einen, der Schweizer mit spanischen Wurzeln ist, kommen alle Posträuber aus anderen Ländern. Alle wurden relativ früh und unfreiwillig aus ihrem Umfeld herausgerissen. Die Eltern sind migriert oder haben ihre Kinder ins Ausland geschickt.

Mir kommt es so vor, als wären alle zu früh aus dem Nest gefallen. Keiner der Männer konnte Wurzeln schlagen. Jeder wollte etwas sein, reich und erfolgreich und weil keiner es auf dem normalen Weg geschafft hat, schlugen sie den kriminellen Weg ein.

«Es geschah am...Postraub des Jahrhunderts»

Die TV-Dokumentation strahlt SRF 1 am Samstag, 25. April um 20.10 Uhr aus.

Was sagen Sie jemandem, der sich durch diese Geschichte in seiner Ansicht bestätigt fühlt, dass meist Ausländer kriminell sind?

Ich glaube nicht, dass das mit dem Ausländerstatus oder dem Pass zu tun hat. Mehr mit der Tatsache, dass die jungen Männer als Kinder nie die Möglichkeit hatten, Wurzeln zu schlagen, Freundschaften zu schliessen oder verlässliche Beziehungen zu haben. Mir scheint das ein wesentlicher Punkt, egal was für ein Pass sie haben. Das ist keine Entschuldigung aber der Versuch einer Erklärung.

Sie begleiten die Posträuber seit Jahren und haben bereits diverse Dokumentarfilme über sie gemacht. Was hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Eher verwundert als überrascht hat mich, dass bis auf ein Posträuber alle wieder straffällig geworden sind. Nach dieser Erfahrung sollte doch jeder wissen, dass alles nur noch schlimmer wird und das stimmt mich etwas ratlos.

Wie naiv und gutgläubig sich damals die Post verhalten hat, das hat mich auch überrascht. Es gab kaum Schranken und das hat es den Posträubern leicht gemacht. So etwas wäre heute nicht mehr möglich. Selbst die Posträuber waren überrascht.

Den Postraub haben die Täter minutiös geplant und trotzdem waren sie überrascht?

Dass niemand im Hof, wo das Geld für den Abtransport in die Nationalbank bereit lag, bewaffnet war, hat selbst die Posträuber überrascht. Der Insider hat ihnen zwar versichert, dass dem so ist, aber der Chef der Posträuber hat kürzlich wieder gesagt, dass sie Mühe hatten, dies zu glauben.

Nur weil sie wussten, dass in der Post niemand bewaffnet ist, konnten die Posträuber den Überfall mit Waffenattrappen durchführen. Wäre es eng geworden, wären sie einfach davongebraust.

Offenbar waren die Posträuber auch über die Höhe der Beute überrascht. Das heisst, sie haben nicht damit gerechnet, 53 Millionen zu erbeuten?

Der Insider und Tippgeber sagte: Wenn ich anrufe und sage, kommt um fünf Kaffee trinken, heisst das, dass 50 Millionen bereitstehen, wenn ich sage, kommt um sechs Kaffe trinken, liegen 60 Millionen bereit. Und als er dann anrief und sagte, kommt um sieben Kaffee trinken, wussten die Kumpel, dass 70 Millionen für den Transport auf die Nationalbank im Innenhof der Post bereitstehen.

Zoran V. misstraute diesem Code. Was, wenn der Insider falsch informiert ist oder sich in den Kisten keine Tausendernoten sondern Fünfliber befinden? Dann wäre es einfach weniger, als sie gedacht haben und das war seine Sorge.

Video
Fraumünster-Posträuber: Das geschah in den ersten Minuten nach dem Coup
Aus Radio SRF 1 vom 01.04.2020.
abspielen

Der Coup ist gelungen und viele hegten auch eine gewisse Bewunderung für die Posträuber, da beim Überfall niemand verletzt wurde. Ging es Ihnen auch so?

Ein gewisses Amüsement hatte ich schon über eine Handvoll Jungs, die als Kleinganoven einen solchen Coup landen. Da kann man schon eine gewisse Sympathie entwickeln.

Aber es ist natürlich falsch, wenn man sagt, dass niemand zu Schaden kam. Im Nachhinein weiss man, dass zwei oder drei Postangestellte sehr traumatisiert wurden beim Überfall. Wer eine Pistole an den Kopf gedrückt kriegt, auch wenn es keine echte ist, was man zu dem Zeitpunkt nicht wusste – dieses Trauma, der Schock wurden die Betroffenen kaum mehr los.

Eines der Opfer ist in der Zwischenzeit gestorben und seine Witwe sagte mir, ihr Mann hätte sich nie mehr erholt von diesem Ereignis. Bevor er gestorben ist, habe ich noch mit ihm sprechen können. Er hätte eher noch etwas in die Kaffeekasse der Post gelegt, als dass er nur einen Fünfer rausgenommen hätte, versicherte er mir. Der Postangestellte war so erschüttert, dass man das Geld einfach stehlen kann. Das hat er nie verkraftet. Es war schon etwas brutal, die Anwesenden mussten sich auf den Boden legen und das darf man nicht schönreden.

Gibt es etwas, das Sie verwundert hat?

Verwundert hat mich, dass die Posträuber keinen Plan hatten für die Zeit nach dem Überfall. Das zeigt, dass sie selber nicht daran geglaubt haben, dass es klappen könnte. Sie hatten den Überfall nicht zu Ende gedacht und sie hatten auch zuviele Mitwisser. Das ist der Grund, weshalb alle relativ schnell verhaftet wurden und ein Teil der Beute sichergestellt werden konnte.

Ein Teil ist bis heute aber nicht aufgetaucht. Interessant finde ich, dass keiner es ausgehalten hat, die Sache für sich zu behalten. Diesen Fehler machen die meisten, die einen grossen Überfall machen. Irgendwann müssen sie es mit jemandem teilen, weil sie es emotional nicht aushalten. Das ist dann der Zeitpunkt, wo alles auffliegt.

Domenico S. hatte zum Beispiel so Sehnsucht nach seiner Freundin, dass er sie kommen liess. Für ihn war das der Anfang vom Ende, weil sie es auch nicht für sich behalten konnte.

Domenico S. hat sich ja auch ein Pseudonym zugelegt und sich so eine neue Identität verschafft. Ist das der Grund, weshalb er am längsten noch auf freiem Fuss war?

Domenico S. setzte sich nach dem Überfall mit einem neuen Namen und Pass nach Miami ab und war tatsächlich am längsten auf freiem Fuss. Als ich kürzlich für die neue TV-Dokumentation mit ihm Kontakt hatte, erzählte er mir über diese Zeit.

Krass sei, dass ihn unter dem falschen Namen niemand vermisst hätte, wenn er bei einem Unfall ums Leben gekommen wäre. Mit neuem Namen hatte er keine Vergangenheit und keine Geschichte. Diese Erkenntnis habe ihn plötzlich fertig gemacht. Schlussendlich sind ihm die Schweizer auf die Spur gekommen, weil seine damalige Freundin der Polizei Hinweise lieferte. Domenico S. lebt heute in Deutschland und ist mit einem Einreiseverbot belegt. Dies, weil auch er nach dem Postraub wieder kriminell wurde.

Viele rätseln immer noch, wo die fehlenden 23 Millionen geblieben sind. Haben Sie eine Idee?

Die Posträuber haben teilweise grosszügig Geld an ihre Helfershelfer verteilt. Da sind ein paar Hunderttausend an verschiedenste Leute geflossen. Sie haben auch in Immobilien investiert, haben Autos gekauft und sich in Spielcasinos vergnügt. Das weiss ich, aber über den Rest kann auch ich nur spekulieren.

Ich denke, dass auch die Mafia ihre Hände im Spiel hatte und ein Teil des Geldes nach Italien und in den Libanon geflossen ist. Das Geld dürfte längst gewaschen und investiert sein. Ich glaube nicht, dass die fehlenden Millionen irgendwo vergraben sind. Das bestätigte bei den neuesten Recherchen auch der damals zuständige Bezirksanwalt Rolf Jäger.

Haben Sie den Posträubern immer geglaubt, was sie erzählt haben?

Ich glaube im Detail haben die Posträuber sicher viel geflunkert aber das ist Ehrensache, wenn man in einer solchen Gruppe ist. Man deckt sich oder lügt zum eigenen Schutz.

Was man bis heute weiss, sind ihre Aussagen aber soweit stimmig. Das einzige, was ich bisher nicht gewusst habe und bei den erneuten Recherchen für die TV-Dokumentation an den Tag gekommen ist, betrifft den Waffeneinsatz beim Überfall.

Man hat lange darüber spekuliert, ob die Waffen echt waren oder nicht. Die Polizei ging davon aus, dass sie echt waren und die Posträuber sagten, es seien Attrappen gewesen. Nun hat mir der Chef der Posträuber Elias Allabdullah gestanden, dass die Waffen nicht echt waren, er jedoch eine geladene Pistole bei sich hatte. Zu seinem Schutz, weil er seinen Kollegen nicht traute.

Es ging um soviel Geld und er hatte Angst, dass er plötzlich von einem Kumpel bedroht wird, weil dieser alles Geld haben will. Deshalb mussten sich vor der Geldverteilung auch alle bis auf die Unterhosen ausziehen. So konnte er sicherstellen, dass keiner bewaffnet ist.

Haben sich die Posträuber seit dem Überfall auf die Fraumünsterpost verändert?

Ich glaube, dass der Chef der Bande, Elias Allabdullah damals ein echt gefährlicher junger Mann war, der wohl auch viel Drogen konsumiert hat, heute vieles anders sieht. Gemäss unseren Informationen sitzt er seit elf Jahren in Syrien in Haft.

Für die aktuelle Recherche konnte ich mit ihm telefonieren und ich habe den Eindruck, dass er sich schon verändert hat. Alle sind sie ältere Herren geworden und haben eine Entwicklung durchgemacht. Die einen sind einsichtig, glaube ich - andere nicht.

Bei Zoran V. beispielsweise lange ich mir an den Kopf, dass er wieder für sechs Jahre im Knast sitzt, wegen eines Überfalls. Er scheint ein hoffnungsloser Fall zu sein. Die Posträuber werden als Täter, als Gangster wahrgenommen. Selbst wenn es eine negative Wahrnehmung ist, ist es zumindest eine. Vom Ruhm, den die Posträuber erlangten, leben sie heute noch.

Gab es auch lustige Momente, wo Sie lachen mussten?

Urmenschliches bringt mich zum Lachen. Beispielsweise als ich hörte, dass der jüngste Zoran V. eingeschlafen ist, während sie auf den Einsatz warteten. Es war ein heisser Tag der 1.9.1997, im Lieferwagen war es eng und Zoran V. versteckte sich unter einer Decke, wo er «eingenuckelt» ist.

Es gab einige absurde Situationen. Auch als er nach der Geldverteilung mit einem Abfallsack voller Tausendernoten auf den Bus wartete, um ins Hotel zu gelangen. Auf dem Hotelbett zählte er dann seinen Anteil. Irgendwann habe er aufgehört zu zählen, weil er merkte, dass es doch recht viel ist. Vier Millionen waren es insgesamt.

Ein Posträuber steht mit einem Abfallsack, gefüllt mit Tausendernoten an der Busstation. (Filmausschnitt)
Legende: Zoran V. war überrascht, wie schwer sein Beuteanteil von vier Millionen wiegt. (Ausschnitt TV-Dokumentation) SRF

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.