Julia Onken und Thierry Carrel: Verantwortung und Narrenfreiheit

Das Herz steht bei beiden Persönlich-Gästen von Dani Fohrler im Zentrum. Psychologin und Autorin Julia Onken und Herzchirurg Thierry Carrel erzählen in der dritten Jubiläumssendung aus ihrem Leben.

Ihre Kindheit hätte unterschiedlicher nicht sein können: Thierry Carrel kam 1960 in Freiburg zur Welt und ist in einer kleinen Dreizimmer-Wohnung behütet aufgewachsen. Eine unspektakuläre Kindheit ohne Konflikte, sagt der 55-Jährige rückblickend.

Ganz anders Julia Onken: Als sie 1942 im Kanton Thurgau am Bodensee zur Welt kam, war ihr Vater 64 Jahre alt. Ein Deutscher, von dem sie später das Fluchen lernen sollte. Ihre Mutter, eine Bauerntochter aus dem Hinterthurgau, war 30 Jahre jünger als er ­– und somit sogar jünger als die vier Töchter ihres Vaters aus erster Ehe. «Meine Mutter und meine Halbschwestern haben sich natürlich nicht verstanden, es war ein Krieg», erinnert sich Julia Onken. Als Kind habe sie gebetet, dass die Eltern wenigstens am Heiligabend verträglich miteinander umgehen würden.

Wenn das Schicksal mit am Tisch sitzt

«Ich habe früh gelernt, mich mit schwierigen Situationen anzufreunden und sie spannend zu finden.» So überrascht es nicht, dass sich Julia Onken für ein Psychologie-Studium entschieden hat. In ihrem ersten Job als Psychologin in einem Männergefängnis musste sie jedoch auch lernen, dass nicht alles so läuft, wie man es sich wünscht. Ein Bild hat sie aus dieser Zeit mitgenommen: Im Therapiezimmer stellte sie sich jeweils vor, dass das Schicksal schon am Tisch platzgenommen hatte. Es verkörperte das, was sie als Psychologin nicht beeinflussen konnte.

Mit Misserfolgen umgehen muss auch der Herzchirurg Thierry Carrel. Wenn man Menschenleben verantwortet, eine schwierige Aufgabe, würde man meinen. «Misserfolg ist für jeden in seinem Bereich ein Misserfolg», relativiert Thierry Carrel. Aber natürlich sei der Erfolgszwang durch den Machbarkeitswahn der heutigen Gesellschaft hoch.

Gelingt eine Operation nicht und der Patient stirbt, sei das eine ungewöhnliche Situation und erschüttere das ganze Team. Die Bearbeitung des Teams braucht dann auch manchmal etwas mehr Zeit. Dabei unterstützen die älteren Mitarbeiter die jüngeren Kollegen.

«Liebe Frauen, freuen Sie sich!»

Thierry Carrel trägt im Spital seit 18 Jahren die allerletzte Verantwortung. Vielleicht deshalb hat er sich in einer Freizeit Aufgaben mit weniger Verantwortung geschaffen. Im Sport quält er sich nicht, sondern geniesst auch mal die Landschaft. Und in der Musik steht er als Posaunist in einem wohltätigen Orchester-Projekt in der hintersten Reihe.

Das Gefühl von Narrenfreiheit sogar erlebt Julia Onken im Bezug aufs Älterwerden: Die Psychologin, Autorin und Feministin feiert bald ihren 74. Geburtstag. Es sei eine neue Freiheit zu merken, dass man niemandem gefallen müsse, sagt die dreifache Grossmutter. Ihre Botschaft ans Publikum: «Liebe Frauen, freuen Sie sich. Es wird immer besser!»

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