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Radio SRF 1 Post von Sepp Blatter – ein FIFA-Kenner kommentiert

Der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni kommentiert die Antworten im Brief des FIFA-Präsidenten. 13 Jahre hat er mit Sepp Blatter zusammengearbeitet, ist heute aber einer der grössten Kritiker. Der Bündner über ein prophetisches Mitteilungsbedürfnis, Rücktritts-Gedanken und Korruption.

Guido Tognoni im Studio.
Legende: Guido Tognoni kommentiert im Studio die Antworten von Sepp Blatter. SRF

In einem Brief haben Hörerinnen und Hörer von Radio SRF 1 dem FIFA-Präsidenten Sepp Blatter fünf Fragen gestellt. Die Themen sind für die Organisation nicht nur angenehm: Menschenrechte, Steuern, die Weltmeisterschaft in Katar oder auch der Rücktritt des Präsidenten Sepp Blatter.

Nun hat der FIFA-Präsident Sepp Blatter die fünf Fragen beantwortet. Für eine bessere Einordnung der Antworten hat der ehemalige FIFA-Direktor Guido Tognoni erzählt, wie die FIFA funktioniert und wie Sepp Blatter als Person tickt.

Sepp Blatter kennt das Wort Rücktritt nicht
Autor: Guido TognoniEhemaliger FIFA-Direktor

Tognoni hat 13 Jahre lang bei der FIFA gearbeitet. 1995 kam der Bruch mit Sepp Blatter – Tognoni wurde entlassen. «Wir hatten eine hervorragende Arbeitsbeziehung», sagt der Bündner. Doch Trennungen seien ein Teil des Systems von Blatter. Man müsse damit rechnen, dass man irgendwann entlassen würde. «Blatter redet viel von Ethik, Fairplay und Loyalität – aber das ist meistens eine sehr einseitige Einbahnstrasse. Er übt das nicht so aus», sagt der ehemalige FIFA-Direktor. Dazu sei Sepp Blatter viel zu machtbewusst und machtbessen und ambitiös.

Die Frage, die Antwort, der Kommentar

Sepp Blatter hat die fünf Fragen der Hörerinnen und Hörer von Radio SRF 1 beantwortet. Guido Tognoni erläutert die Antworten, erklärt die Hintergründe und reichert sie an mit persönlichen Anekdoten und Erfahrungen aus seiner FIFA-Zeit.

Die Frage: Warum vergeben Sie Weltmeisterschaften an Länder, von denen man weiss, dass sie Menschenrechte mit Füssen treten?

Die Antwort: «Wir vergeben die FIFA WM an Länder, die sich für die Austragung bewerben. Die FIFA WM wird nach dem Prinzip der Rotation vergeben; jeder Kontinent soll eine WM austragen. Falls es tatsächlich Verletzungen der Menschenrechte gibt, dann ist die WM auch eine Chance, dass sich die Zustände im Gastgeberland verbessern. Wenn Sie jetzt zum Beispiel an Katar denken, dann kann ich Ihnen sagen, dass es bereits Verbesserungen bezüglich der Menschenrechte gibt, die ohne die Fussball-WM nie passiert wären.»

Die Frage: Die reiche FIFA bezahlt in ihrer Rechtsform als Verein fast keine Steuern. Warum nimmt die FIFA ihre soziale Verantwortung nicht wahr?

Die Antwort: «Die FIFA nimmt ihre soziale Verantwortung durchaus wahr. Erstens haben wir auch für 2013 wieder USD 17 Millionen an Steuern ausgewiesen. Und vor allem fliesst der grosse Teil unserer Einnahmen wieder zurück in den Fussball. Die FIFA investiert in das Programm Football for Hope und unterstützt dabei 26 Nichtregierungsorganisationen in Brasilien. Dazu gehört auch die Organisation des Football-for-Hope-Festivals in Rio de Janeiro während der FIFA Fussball-WM 2014, bei dem Delegationen aus 32 benachteiligten Gemeinden rund um die Welt zu einem einmaligen kulturellen Austausch und einem Fussballturnier zusammenkommen. Die Details zum Programm finden Sie auf FIFA.com. Wir haben in den Jahren 2011 bis 2014 jeden Tag über 550.000 Dollar für Sozial- und Entwicklungsprojekte ausgegeben und für den nächsten Zyklus 2015 bis 2018 werden es sogar über 600.000 Dollar sein. Insgesamt hat die FIFA seit 1998 über zwei Milliarden Dollar für Entwicklungsprojekte ausgegeben.»

Die Frage: Welche Konsequenzen werden nun gezogen, nachdem Sie die WM-Vergabe an Katar als Fehler eingestanden haben?

Die Antwort: «Ich habe nicht gesagt, dass es ein Irrtum war, die WM nach Katar zu geben. Ich sage aber, es ist ein Fehler, die WM in Katar im Sommer zu organisieren. Der technische Bericht zu Katar hat eindeutig gesagt, dass die Temperaturen im Sommer zu hoch sind. Ein Entscheid, wann die WM 2022 gespielt wird, wird erst nach der WM in Brasilien fallen, nachdem wir alle involvierten Parteien wie Konföderationen, Mitgliedsverbände, Ligen, Klubs, Spieler, Lizenznehmer von Medienrechten und Marketingpartner angehört haben werden.»

Warum spenden Sie nicht die Hälfte des zu erwartenden Riesengewinnes an das WM-Veranstalterland Brasilien, das bekanntlich mit grossen finanziellen Problemen zu kämpfen hat?

Die Antwort: «Die FIFA organsiert in einem Zyklus von vier Jahren 30 verschiedene Turniere. Von diesen ist nur die FIFA WM gewinnbringend. Wir brauchen die Einnahmen, um die anderen Turniere zu finanzieren. Und wie ich schon vorher ausgeführt habe geben wir einen Grossteil des Geldes wieder für Entwicklungs- und Sozialprojekte aus. Die FIFA WM ist im Prinzip die einzige Einnahmequelle der FIFA; sie hilft uns, den Fussball auch in anderen Regionen zu entwickeln.

Und betreffend Brasilien: Als Schwellenland mit 200 Millionen Einwohnern ist Brasilien gemessen am Bruttoinlandsprodukt im Moment die siebtgrösste Volkswirtschaft auf der Welt. Brasilien ist auch Mitglied der sogenannten BRICS-Staaten – mit Russland, Indien, China und Südafrika. Das FIFA-Exekutivkomitee hat der Schaffung des «2014 FIFA World Cup Legacy Trust» zugestimmt. Der Frauenfussball, Jugendwettbewerbe und die Fussball-Infrastruktur werden zu den Schlüsselbereichen gehören, die von der Initiative profitieren. Der «Legacy Trust» umfasst auch «FIFA 11 für die Gesundheit», das fussballbasierte Programm zur gesundheitlichen Erziehung und zur Aufforderung, Sport zu treiben. Das wird in den zwölf FIFA WM-Städten bereits umgesetzt.»

Wann treten Sie als FIFA-Präsident zurück?

Die Antwort: «Die Frage ist so nicht korrekt, weil ich als FIFA-Präsident bis 2015 gewählt bin und mein Mandat auch ausführen werde. Meine Mission ist dann aber noch nicht beendet. Mehr werde ich erst nach dem Kongress sagen können.»

5 Kommentare

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  • Kommentar von Andreas Mathis, Felsberg
    Abwesend hin oder her, Sepp Blatter wird sowieso nie konkret. Er soll lernen, sich nicht so wichtig zu nehmen und spätestens nächstes Jahr abtreten. Ich finde es super, was Herr Tognoni gesagt hat, gut, dass ein Insider die Wahrheit spricht.
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  • Kommentar von Markus Leuenberger, Rüegsauschachen
    Da hecheln alle den sensationsgeilen Medien nach. Blatter hin oder her. Ich finde es daneben, dass einem Mann wie Tognoni eine Plattform gegeben wird, um sich auf derartige Art über einen Abwesenden zu äussern. "Ich hätte noch ganz brisante Informationen, die Herrn Blatter zu Fall bringen". Ich bezahle nicht Konzessionsgebühren, um einem frustrierten Mann eine solche Plattform zu geben. Bewegt sich SRF1 Richtung Boulevardjournalismus? Ich finde nach wie vor, über Abwesende spricht man nicht.
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  • Kommentar von Kurt Baumann, Reinach
    Das Gefühl kommt auf, als Herr Blattner der einzige ist, der die FIFA führen kann. Es gibt genug intelligente Köpfe, die diesen Job erfüllen könnten. Das ganze Exekutiv Komitee ist sowieso überaltert. Also machen Sie Platz für jüngere, denn Ihre Mission kann ein anderer ebensogut machen wie Sie. (Sie äussern sich nicht mal über diese Mission)
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