«Ab und zu freut man sich doch über etwas Ablenkung»

Was früher die «letzte Seite» der Tageszeitung oder Gusti Brösmelis Witztelefon waren, sind heute die Hunde-, Kinder- und Scherzvideos im Internet. Und damals wie heute versuchen Anbieter aus unserem Interesse an Ablenkung Kapital zu schlagen. «Echo der Zeit» hat geschaut, ob es funktioniert.

Bild aus dem Video mit dem kleinen Luca vor dem Mikrofon.

Bildlegende: Der jüngste Bluessänger der Welt: Mit im Internet zusammengesuchten Videos locken einige Webseiten heute mehr Menschen an als bekannte Nachrichtenseiten. Storyfilter

Der zweijährige Luca steht vor dem viel zu grossen Mikrofon und quakt den Blues – oder so ähnlich. Angetrieben wird er vom Vater hinter der Kamera, der dazu Gitarre spielt. Das Filmchen ist ein Hit im Internet. Fast zwei Millionen Mal wurde es bisher angeschaut. Mitverantwortlich dafür ist Bernhard Brechbühl, Gründer des Zürcher Internetportals Storyfilter. Er hat das Video im weltweiten Netz entdeckt und über Storyfilter bekannt gemacht.

Porträt von Bernhard Brechbühl, er hat ein Tablet in der Hand, dass das Logo "Storyfilter.com" zeigt.

Bildlegende: Storyfilter-Gründer Bernhard Brechbühl: Früher war er Mitarbeiter der Gratiszeitung «20 Minuten». Storyfilter

«Ich surfe bis zu vier Stunden pro Tag durch verschiedene Social-Media-Kanäle, Webseiten et cetera», erzählt Bernhard Brechbühl, «aus dieser Erstauswahl pflücke ich dann die fünf bis sieben besten Stücke heraus». Seine Entdeckungen teilt er mit seinen Abonnenten auf Facebook, auf Twitter und via Email-Newsletter. Und er tut das sehr erfolgreich: Pro Monat erreicht er bis zu einer halben Million Menschen mit seinen Internet-Trouvaillen.

Mit solchen Videos und knackigen Schlagzeilen buhlen derzeit verschiedene Webseiten um Klicks. Via soziale Medien wie Facebook und Twitter präsentieren sie den Besuchern lustige Filmchen und Fotoserien, die sie im Internet zusammengesucht haben – und locken so mehr Interessierte auf ihre Seiten als bekannte Nachrichtenseiten.

Ablenkung vom Ernst des Lebens

Es sei nicht überraschend, dass seichte Filmchen beim Publikum ankommen, sagt Brechbühls Konkurrent Markus Bucheli: «Man ist den ganzen Arbeitstag eingespannt, hat vielleicht einen harten Job, ein ernstes Leben. Und ab und zu freut man sich doch über etwas Unterhaltung und Ablenkung.»

Bucheli ist Geschäftsführer von Likemag – vier Millionen Besucher konnte seine Webseite alleine im April anziehen, ein überwältigender Erfolg. Im Gegensatz zum Einmannunternehmer Brechbühl hat Bucheli eine seit längerer Zeit bestehende Werbefirma in Zürich im Rücken.

Knackige Schlagzeilen für die Werbekunden

Branchenführer im deutschsprachigen Raum ist das Portal heftig.co, das zwei deutsche Jungunternehmer betreiben. Ihr System: Sie versehen die Filmchen und Bilderserien mit knackigen Schlagzeilen bevor sie sie über die sozialen Medien teilen. Zum Beispiel: «Sein Handy klingelte mitten im Konzert, was das Orchester daraufhin tat, hat alle mitgerissen.»

Die Pointe ist dann oft eher schal. Im Beispiel spielt das Orchester den Handy-Klingelton nach. Teilweise geistern die Videos auch schon seit Jahren durchs Interne, doch das scheint heftig.co nicht zu stören. Das Portal kann damit viel Publikum anlocken – und das ist oberstes Ziel. Denn Heftig, Likemag und Storyfilter verdienen ihr Geld mit Werbung, die sie auf ihrer Internetseite schalten.

Ansprechen wollen die Anbieter vor allem junge, mobile Kunden, erklärt Markus Bucheli: «Es sind Leute zwischen 18 und 34 Jahren. Es sind die Leute, die unterwegs sind, die sich über Smartphones oder iPads auf dieser Seite einloggen.»

Hoffen auf den Durchbruch

Trotz der vielen Besucher auf der Webseite – das grosse Geld verdienen die beiden Schweizer Jungunternehmer noch nicht. Im Moment können sie mit Werbung die Kosten in etwa einspielen. Sie hoffen aber, dass der Erfolg bald grössere Werbeauträge bringt. So sagt Brechbühl: «Was ich das Spannendste finde, ist das Native Advertising. Das ist ein moderner Begriff, für etwas, das man früher vielleicht Publireportage genannt hat. Damit kann man auch substantiell Geld verdienen, im Vergleich zu Bannerwerbung, die die Leute nicht mehr wahrnehmen und auf die sie nicht mehr so klicken.»

Und dies trotz der starken Konkurrenz, gegen die Likemag und Storyfilter ankämpfen müssen. So tauchen Filmchen, wie das über den zweijährigen Blues-Sänger Luca, mittlerweile auch bei etablierten Boulevard-Medien auf – wie Blick am Abend, 20 Minuten oder dem noch jungen Newsportal Watson.

Problem Urheberrecht?

Das Kerngeschäft der Seitenbetreiber ist Zusammensuchen und Aufbereiten. Dass sie dabei Urheberrechte verletzen könnten, befürchten sie nicht. Material, bei denen das Copyright klar ersichtlich sei, verbreite man nicht, sagt Bucheli. Bei vielen Youtube-Videos habe der Absender ein Interesse daran, das sie verbreitet werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

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