Das Internet wird zur Sprachschule

Das Angebot an Online-Sprachkursen ist überwältigend. Wir zeigen, worauf man achten soll.

Ein Mann mit Head-Set sitzt vor einem Bildschirm, darauf eine asiatische Frau, die beiden unterhalten sich.

Bildlegende: Sprachaustausch im Internet: Über Skype lernen geht erstaunlich gut. Die Vorteile gegenüber einem physichen Treffen überwiegen. Retor Widmer/SRF

Unzählige Webseiten bieten Sprachkurse an oder vermitteln Lehrinnen und Partner für mündliche Konversation übers Internet. Die Art, wie man online eine Sprache im Selbststudium lernen kann, lässt sich grob in drei Kategorien unterteilen:

  • Strukturiert lernen und üben: Erklärungen zur Grammatik mit Übungen dazu
  • Die Online-Schule: privater Sprachunterricht über Audio und Video mit Lehrperson.
  • Der Online-Austausch: mündliche Konversation über Audio und Video mit einem Muttersprachler

Oft sind die Übergänge fliessend. Es gibt auch Anbieter, die eine Kombination aus diesen drei Sparten zur Verfügung stellen.

Aller Anfang ist schwer: Struktur und Übung

Generell gilt: Je weniger Kenntnisse man von einer Sprache hat, desto wichtiger sind vorgegebene Strukturen. Konversation mit einem Muttersprachler hilft Anfängern wenig, zuerst muss man sich die grammatikalischen Grundlagen einer Fremdsprache aneignen und bestimmte Muster einüben. Das geht nur nach einem ausgearbeiteten Lehrplan.

Viele Webseiten bieten strukturierte Basis-Kurse mit Übungen an: Busuu etwa bietet derzeit Anfängerkurse für zwölf Sprachen. Vorteil: Wörterbücher stehen in verschiedenen Kombinationen zur Verfügung – zum Beispiel Französisch - Spanisch – und auch die Oberfläche erscheint in einer der zwölf Sprachen – keine Selbstverständlichkeit, denn viele Angebote gibt es nur auf Englisch. Die Seite wurde von der EU unterstützt und arbeitet heute mit grossen Verlagen zusammen.

Livemocha bietet ebenfalls Basis-Kurse an. Speziell an dieser Seite ist ein ausgeklügeltes System der Zusammenarbeit unter den Lernenden. Möchte ich eine Übung durcharbeiten, die ein anderer Benutzer geschrieben hat, und diese Übung anschliessend von einem Muttersprachler korrigieren lassen, so kostet mich das eine gewisse Anzahl Punkte. Solche Punkte kann ich mir verdienen, in dem ich selber Aufgaben korrigiere oder mir Übungen für Lernende meiner Muttersprache ausdenke.

Livemocha wurde kürzlich von Rosetta Stone gekauft, einem erfolgreichen Saurier unter den Anbietern im Sprachenlern-Business, der schon lange Kurse fürs Selbststudium anbietet. Die Firma scheint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und will mit dem Kauf den Anschluss an den Trend zur Zusammenarbeit im Internet nicht verpassen.

Lernen im Stil von Computer Games

Auch auf Duolingo komme ich als Anfänger auf meine Kosten – und wie! Die Kurse für Anfänger vermitteln nur das notwendige Minimum an Theorie und Grammatik, setzen dafür mehr auf spielerische Übungen mit Mitteln, die aus Computer Games übernommen wurden. Das Spielerische motiviert zu mehr Lernen und Üben. Nachteil: Das Angebot an Sprachen ist mit sechs zurzeit noch sehr beschränkt.

Dafür fasziniert die Idee hinter diesem Projekt um so mehr: Die Lernplattform stellt Übungen zur Verfügung, darunter für Fortgeschrittene auch Übersetzungen, die als Teil eines Übersetzungsprojektes unabhängig vom Kurs genutzt werden. Im Business-Model von Duolingo soll es dank dieser Synergien möglich sein, alle Kurse gratis anzubieten.

Aktiv kommunizieren motiviert ...

Sind die ersten Sprach-Hürden erst einmal genommen, soll die Auseinandersetzung mit der Sprache nicht auf die Grammatik und den Schulbuch-Drill beschränkt bleiben. Austausch mit Muttersprachlern ist zwar auch eine Art Üben, gleichzeitig aber mehr als blosser Selbstzweck, denn schliesslich lerne ich eine Sprache, damit ich mit jemandem sprechen kann. Wenn ich mich endlich mit einem Muttersprachler unterhalten kann – und verstanden werde! – ist das ein echtes Erfolgserlebnis. Das ist hervorragend für die Motivation.

Auf My Language Exchange findet man Partner für den Sprachaustausch. Man gibt dazu seine Muttersprache an, zusammen mit der Sprache, die man lernen möchte.

Italki vermittelt ebenfalls gratis Sprech-Partner rund um die Welt. Zudem können Lehrpersonen ihre kostenpflichtigen Dienste über diese Plattform anbieten. Doch aufgepasst: Nicht jeder selbsternannte Lehrer ist ein ausgebildeter Lehrer! Jemand, der einfache seine Muttersprache fehlerfrei spricht, genügt vor allem für Anfänger meist nicht, weil es gerade am Anfang wichtig ist, Regeln und Grammatik gut erklärt zu bekommen.

Podcasts sind gute Sprachlehrer

Nicht nur aktives Sprechen, auch passives Zuhören hilft beim Spracherwerb. Optimal sind Podcasts, die speziell für Lernende produziert werden und den verschiedenen Lernstufen angepasst sind. Perfekt macht das schon seit Jahren Chinesepod, ein Erfolgreicher Anbieter von Chinesisch-Kursen. Diese Podcasts sind interessant und professionell präsentiert: Das Schulbuch tritt in den Hintergrund, man vergisst, dass man am Lernen ist, weil man durch den Inhalt unterhalten wird. Diese Inhalte sind wirklich interessant im Gegensatz zu den vielen banalen Geschichten, die für viele Schulbuch-Lektionen erfunden wurden. Nach dem gleichen Prinzip verfährt auch Spanishpod, ein beliebter Podcast zum Spanisch lernen und Anbieter von Online-Kursen.

Austausch übers Internet oder persönliches Treffen?

Aus eigener Erfahrung weiss ich: Sowohl Online-Sprachunterricht mit einer Lehrerin als auch informeller Sprachaustausch über Skype funktionieren problemlos. Der Charakter meines Gegenübers scheint viel entscheidender zu sein als das Medium, über das wir kommunizieren: Eine geduldige, motivierte Lehrerin über Skype bringt mir mehr als eine ungeduldige, die mir direkt gegenüber sitzt. Dass ich dabei dank Internet über sechs Zeitzonen hinweg um die halbe Welt mit einer Chinesin kommuniziere, geht schnell vergessen.

Eine kleine, informelle Umfrage unter Freunden bestätigt diesen Eindruck. Selbst Lernende, die den neuen Technologien skeptisch gegenüber stehen, sehen in der Kommunikation über das Internet zwecks Sprachaustausch viele Vorteile: Man verliert keine Zeit, um sich zu treffen. Das scheint vielleicht banal, aus eigener Erfahrung weiss ich jedoch, dass man sich online viel öfter trifft, weil es bequemer ist. Zudem ist man über das Internet flexibler und kann spontan mal eine Stunde einschalten. Und nicht zuletzt: Meist sitzt man dabei zuhause, wo es leichter fällt, sich zu konzentrieren, als wenn man sich in einem Café trifft.

Diese Form des Lernens und Austauschens kann deshalb guten Gewissens weiterempfohlen werden, denn: Die nächsten Ferien kommen bestimmt – und damit auch eine Gelegenheit, Gelerntes vor Ort anzuwenden.