Digital am Sonntag, Nr. 4: Platzende Träume

Am Wochenende hat man Zeit zum Lesen. Deshalb stellen wir hier jeden Freitag die Artikel zu Digital-Themen zusammen, die wir lesenswert finden.

Entspanntes Lesen in bequemen Sesseln.

Bildlegende: Es muss nicht immer Zeitung sein. Gaetan Bally/Keystone, Montage

Das digitale Gefängnis

Eine Illustration von Felipe Luchi (ein iPhone als ein Gefängnis) veranlasst Jesus Diaz zu einem Kommentar, der wohl das Empfinden vieler trifft: In den letzten zwei Jahren haben wir das Smartphone entdeckt und gierig die Möglichkeiten erkundet, die «immer online» bringen. Doch nach der Party kommt zuverlässig der Kater, und wir beginnen, auch die Schattenseiten zu erfahren. Diaz benutzt eine für meinen Geschmack etwas grobe Sprache und drastische Beispiele, aber seine Diagnose ist absolut zutreffend:

« Instead of using our phones […] as tools of empowerment, we are increasingly turning them into prisons that consume our time and attention. […] These devices were designed to be windows, yet we insist on turning them into walls. »

Keine Information

Statt mit zu viel Information beschäftigt sich Craig Dennis mit der Leere. Anhand von Beispiel-Apps zeigt er, wie man die Abwesenheit von Information darstellen kann. Er unterschiedet verschiedene Zustände, die zu Leere führen. Weil das meist Ausnahmen sind, werden sie im Design-Prozess oft vernachlässigt. Um der Leere mehr Beachtung zu schenken, schlägt er vor:

« Guide people on how to add data when there is none. […] Don’t scare users with errors. »

Cybertrottel

Im ewigen Katz- und Mausspiel der Internet-Sicherheit entsteht oft der Eindruck, wir seien den bösen Jungs hoffnungslos ausgeliefert. Politiker, Journalisten und Consultants zeichnen gern ein bedrohliches Bild, weil man damit Wähler, Leser oder Kunden gewinnen kann. Dass aber auch Cyberkriminelle nur mit Wasser kochen, beschreibt Nate Anderson. In dem Beispiel geht es um einen Mann, der in Facebook-Profile eingebrochen sein, sich dort anzügliche Fotos beschafft und damit die Opfer erpresst haben soll. Das FBI hat den Mann verhaftet, nachdem sie ihn mit einer äusserst simplen Methode identifizieren konnten: Sie fragten einfach bei Facebook nach. Anderson kommentiert:

« I've covered a lot of computer crime, and the one thing that never ceases to amaze me is how few precautions most criminals take. »

Proto-Hacker

Früher war dieses Hacken ja noch viel komplizierter. Dazu hat Phil Lapsley ein Buch geschrieben («Exploding the Phone») und Wired hat einen Auszug abgedruckt. Es geht um die ersten Teenager, die Ende 60er-Jahre das Telefon-System zu hacken begannen, mit mysteriösen blauen Kästchen. Doch wie baut man so eins, ohne Schaltkreise zu kennen? Man gaukelt einem Physik-Studenten vor, ein Biologie-Student mit sonderbarem Forschungsgebiet zu sein:

« «What do you need them for?» the grad student asked. Be confident and self-assured and act like you know what you're doing. «I'm a biology major and I'm studying the effects of high-­frequency audio oscillations on fruitfly germination.» »

GTA vs. Finanzkrise

Tom Bramwell freut sich, wie ich, sehr auf die nächste Version von «Grand Theft Auto» (am 17. September soll sie erscheinen). Und zwar, weil GTA schon immer bissige satirische Kommentare zum Zustand des amerikanischen Traums ablieferte, und es heute etliche Themen gäbe, die eines solchen Kommentars bedürften. Bramwell zählt auf: die Immobilien-Blase und die folgende Finanzkrise; das Geplapper auf allen Kanälen, sei es Broadcast oder Social Media; uneingeschränkter Celebrity-Kult; «thermonuclear war» zwischen Apple und Google; Lohn-Exzesse neben Regierungen, die ihre Länder kaputtsparen; Occupy und Wikileaks. Er ist sich sicher, dass GTA das alles thematisieren wird und auch muss:

« Our press, our governments and our social networks do not put the world into context the way they used to do […], but GTA always does. The thing about everything I've described […] is that it already sounds like something out of Grand Theft Auto. »