Der Spion mit der Hightech-Hose

Trenchcoat, Gerät zum Stromkreise Hacken, Hightech-Hosen: In «Gunpoint» dringst du in Gebäude ein und klaust geheime Unterlagen. Ein Game für alle, die das Spionieren nicht der NSA überlassen wollen.

Spielszene aus «Gunpoint»

Bildlegende: Bang bang, he shot me down: Ein Schuss genügt und Miet-Agent Conway ist tot. Suspicious Developments

In «Gunpoint» kannst du 44 (!) Achievements gewinnen. Auszeichnungen für bestimmte Spielweisen oder für das Ausprobieren neuer Gadgets. Eines dieser Achievements erhältst du, wenn du irgendwann im Spiel jemanden mit vorgehaltener Waffe bedrohst – «to hold at gunpoint», wie der Engländer das nennt. Bloss hast du kaum Gelegenheit, jemanden so einzuschüchtern, denn Waffen spielen bei «Gunpoint» kaum eine Rolle. «Title finally relevant» heisst der Titel des Achievements denn auch passend.

Das Beispiel zeigt: «Gunpoint»-Macher Tom Francis hat Humor. Und als langjähriger Games-Journalist hat er sich intensiv mit der Mechanik von Computerspielen auseinandergesetzt. Darum ist «Gunpoint» für einen Erstling überraschend ausgereift, von der Menüführung über die Steuerung bis hin zu kleinen Extras wie Gags und Achievements, die den Spieler bei Laune halten.

Bewegungssensoren und anderer Schnickschnak

Die Story (die sich im Übrigen gut mit der Spielmechanik verträgt!): Du spielst Richard Conway, einen Miet-Spion, der sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen muss – vor allem, seit er selbst in einen Fall von Industriespionage verwickelt ist, in dem auch alle seine Klienten irgendwie mit drin zu hängen scheinen.

Spielszene aus «Gunpoint»

Bildlegende: Chatten mit dem Auftraggeber: SMS-Konversationen mit – oft zwielichtigen – Auftraggebern sind gespickt mit launischen Dialogen. Suspicious Developments

Als Conway wirst du angeheuert, in Häuser und Bürogebäude einzudringen, und dort belastendes Material zu finden. Problem nur: Die Gebäude sind durch Überwachungskamerasm Bewegungssensoren und anderen Sicherheits-Schnickschnack geschützt. Und sie werden von Wachmännern patroulliert, die erst schiessen und dann fragen – beziehungsweise gar nicht zu fragen brauchen, denn ein Schuss genügt und du bist tot.

Hightech-Hosen und der Crosslink

Zum Glück besitzt du einige Gadgets, die dir das Leben – und Überleben – leichter machen. Ein paar Hightech-Hosen (kicher) etwa, dank denen du hoch und weit springen kannst. Zum Beispiel an den Wachen vorbei aufs Dach eines Hauses, um von oben ins Innere zu schleichen. Oder, nicht ganz so elegant: Du springst einfach durch ein Fenster hindurch auf einen Wachmann, reisst ihn zu Boden und knockst ihn mit ein paar Schlägen aus.

Spielszene aus «Gunpoint»

Bildlegende: Mit und ohne Crosslink: Mit dem Mausrad lässt sich zwischen normaler Sicht und Crosslink-View umschalten, um elektrischen Schaltungen zu zeigen. Suspicious Developments

Dein wichtigstes Arbeitsgerät ist aber der sogenannte «Crosslink»: Ein Apparat, mit dem du dich in den Stromkreis einen Gebäudes hackst und Schaltungen umprogrammierst. Etwa so, dass ein Lichtschalter nicht mehr das Licht aktiviert, sondern einen Stromstoss durch die Steckdose im Stock über dir jagt. Steht dort ein Wachmann in der Nähe, dann: Bzzzz! – ein Wachmann weniger.

Türe auf, Wachmann K.O.

Mit dem Crosslink machst du jedes Gebäude zu einer Art Maschine, die auf Knopfdruck deine Befehle ausführt. Lichtschalter -> Steckdose ist dabei noch das einfachste Beispiel. Bald bastelst du die verrücktesten Schaltpläne, bei denen eine Aktion automatisch die nächste auslöst, bis am Ende irgendwo eine Türe aufgeht und den Weg frei gibt zum geheimen Material, das du beschaffen sollst.

Beispiel gefällig? Du kannst eine Überwachungskamera so umprogrammieren, dass sie nicht mehr Alarm auslöst, sondern einen Lift in den höher gelegenen Stock schickt. Dort bemerkt ein Bewegungssensor das Öffnen der Lift-Türe, löst aber auch keinen Alarm aus, weil du ihn neu mit einer Türe kurzgeschlossen hast, die sich prompt beim Eintreffen des Lifts öffnet und nicht nur den Weg zu einem neuen Raum freimacht, sondern gleich noch einen daneben stehenden Wachmann K.O. schlägt.

Eine Auszeichnung, für die man sich schämen muss

So gibt es nie nur einen Weg, der dich schliesslich zum Ziel bringt; ob du dich nun entschliesst, lautlos wie ein Geist ins Gebäude einzudringen und ebenso spurlos wieder zu verschwinden oder ob du die Wachmänner gleich reihenweise zu Boden reisst und deine Fäuste sprechen lässt. Auch dafür gibt es übrigens eine Auszeichnung (wenn auch eine, auf die du nicht stolz sein kannst, wie das Spiel dir sagt).

Spielszene aus «Gunpoint»

Bildlegende: Bang bang, he shot me down: Ein Schuss genügt und Miet-Agent Conway ist tot. Suspicious Developments

Wenn du einen am Boden Liegenden mit Faustschlägen traktierst, erscheint bald der Hinweis, dass ein Wachmann schon nach wenigen Schlägen bewusstlos sei. Machst du trotzdem weiter, fordert dich das Spiel auf, jetzt doch bitte aufzuhören. Schlägst immer noch zu, kriegst du schliesslich eine Auszeichnung – aber nur, damit du endlich aufhörst, den am Boden Liegenden zu verprügeln.

Bei jedem weiteren Schlag merkt das Spiel dann bloss lakonisch an, es gebe keine weitere Belohnung. Und irgendwann wird bloss noch die Zahl der Schläge gezählt und gefragt, welcher Verrückte denn so oft auf einen Bewusstlosen einschlage (ich kann übrigens bestätigen, dass auch nach mehr als 300 Schlägen kein weiteres Achievement folgt – aber vielleicht habe ich bloss zu früh aufgegeben).

Zurück in Sicherheit

Neben solchen Gags halten auch neue Gadgets die Spielfreude aufrecht. Nach ein paar Missionen hast du genug Geld zusammen, dein Arsenal an Gadgets aufzustocken. Wie wäre es etwa mit einem Mechanismus, der dich auch die Waffen deiner Gegner neu verschalten lässt? Ein Druck auf den Lichtknopf löst dann die Pistole eines Wachmannes aus. Im richtigen Moment eingesetzt, erschiesst der seinen Vordermann und du lachst dir in Deckung ins Fäustchen.

Spielszene aus «Gunpoint»

Bildlegende: Schaltkreise: Um ans Ziel zu kommen kann manchmal auch ein Kurzschluss wie hier helfen. Suspicious Developments

Es fällt schwer, an «Gunpoint» etwas auszusetzen. Schade höchstens, dass das Game nach drei, vier Stunden schon zu Ende ist. Was auch daran liegt, dass es «Gunpoint» dir nicht sonderlich schwer macht. Die logischen Rätsel – wie dringe ich ins Gebäude ein, welcher Schaltplan öffnet mir die Türen? – werden zwar zunehmend kniffliger. Weil stets verschiedene Lösungsansätze möglich sind, stellt dich aber keines vor unüberwindbare Hindernisse.

Und selbst wenn du einmal stirbst zeigt sich «Gunpoint» grosszügig: Du hast nicht nur die Wahl, einen Level noch einmal von vorne zu beginnen, du kannst dich auch eine bestimmte Sekundenzahl zurückversetzen lassen. Zurück zu dem Zeitpunkt also, an dem du noch im Sicheren, hinter einer Wand versteckt, deine Pläne schmiedetest.

30 Dollar in 64 Sekunden

Zu schnell vorbei und zu fair – es gibt üblere Kritikpunkte. Bleibt also zu hoffen, dass «Gunpoint» nicht Tom Francis' erstes und einziges Game bleibt. Doch die Gefahr ist gering, hat «Gunpoint» doch als Download auf der Game-Plattform Steam in nur 64 Sekunden (!) seine Entwicklungskosten wieder eingespielt.

Die waren zwar nicht besonders hoch – Francis, der «Gunpoint» während drei Jahren in Eigenregie entwickelt hat, macht bloss 30 Dollar für die Design-Software Game Maker 8 geltend –, aber «Gunpoint» hat Francis schon so reich gemacht, dass er seinen Job an den Nagel hängen und in Zukunft nur noch an neuen Games tüfteln kann.

«Gunpoint» gibt es für PC und kann über die Steam-Plattform heruntergeladen werden.