Die Schweiz an der Gamer-WM in Bukarest

Die Weltmeisterschaft der «International E-Sports Federation» (IESF) fand dieses Jahr erstmals ausserhalb Südkoreas statt, in Rumänien. Wir haben die Schweizer Delegation begleitet, ein «League of Legends»-Team. Hier ist unser Bericht.

Wir landen in der topfebenen Walachei im fahlen Herbstlicht. Die kleine Schweizer Delegation wird per Bus am Flughafen abgeholt. Gleich ein Problem: Die Schranke am Parkplatz geht nicht hoch, weil der Bus zu lang ist. Ein schnittiger Parkwächter mit grau melierten, kurzen Haaren, gewissermassen ein rumänischer George Clooney, löst das Problem. Nicht sonderlich pressiert, dafür umso charmanter.

Auf der Fahrt ins Zentrum von Bukarest passieren wir neben eng verschachtelten lottrigen Wohnblöcken und verfallenen alten Villen die üblichen europäischen Hotelketten, hastig hochgezogene Banken und einen Ferrari-Showroom. Doch was nicht neu ist, hat seit Jahrzehnten keine Fassadenauffrischung mehr gekriegt.

Nach dem Arcul de Triumf, einer Kopie des Pariser Originals, ein Boulevard gesäumt von Botschaften. Rechts die Amerikaner, links auf der anderen Strassenseite die Russen. Praktisch! Da mussten sie nur schnell über die Strasse, um sich gegenseitig auszuspionieren. Wir passieren die Banca Transilvania. Ich kann mir einen stillen Dracula-Witz nicht verkneifen.

Die Schweizer Delegation

Hinter mir sitzen die fünf Spieler der Schweizer Delegation. Sie sind zwischen 19 und 21 und verbergen allfällige Emotionen oder Nervosität hinter einer coolen Fassade. Es begleitet sie eine kleine Delegation der Swiss E-Sports Federation (SESF): Präsident, Vize und Kassier.

Das Schweizer Team überbrückt den Röstigraben. Was bei anderen Nationalmannschaften normal ist, ist im E-Sport eher ungewöhnlich. Denn normalerweise spielt man Online-Spiele auf Servern der Sprachregion, um in einer gemeinsamen Sprache kommunizieren zu können. Deutschschweizer spielen darum in erster Linie mit Deutschen und Österreichern; Romands mit Franzosen.

Captain Koala

Dennis «Koala with a Hat» Berg, Clément «Swissmoney» Chappot und Daryl «shacol0l» Brandi sind auch abseits der Weltmeisterschaft ein Team; Remo «Sakrod» Bollhalder und Michael «Bioholic» Metzger ergänzen sie nun. Man spricht Englisch. Team-Captain Dennis Berg sagt mir, das sei kein Problem, er habe auch schon in einem englischen Team gespielt. Dass man als Gruppe nicht eingespielt ist und sich nicht auf Automatismen verlassen kann, könnte sich als der grössere Nachteil herausstellen.

Die Weltmeisterschaft im E-Sport findet erstmals ausserhalb Südkoreas statt. Computerspiele wurden zur Sport-Disziplin in den späten 90er-Jahren in den USA und Deutschland. Doch die Professionalisierung des Sports trieb kein Land so voran wie Südkorea. Heute gibt es weltweit Profi-Spieler mit Sponsoren; Ligen und Turniere schütten Preisgelder aus. Die Profiliga von «League of Legends» beispielsweise zahlt jährlich über zwei Millionen Dollar aus.

Sponsoren, Preisgelder

Nach koreanischem Vorbild gibt es auch in Europa mittlerweile E-Sport-Teams, die gemeinsam wohnen, trainieren und von Sponsoren- und Preisgeldern nicht nur leben können, sondern auch einen Staff bezahlen: Trainer oder Medienleute, die Nachrichten und Videos ihres Teams verbreiten.

Diesen Grad von Professionalität sehe ich in Bukarest allerdings nicht. Die Nationalmannschaften sind eher adhoc zusammengestellt und bestehen aus Amateuren. Nur das Team der Südkoreaner beeindruckt mit Sponsoren-bedruckten Trainingsanzügen und Helfern, welche die Spieler umsorgen. Auch Journalisten treffe ich kaum. Ein rumänisches Kamerateam ist da. Die Moderatorin wirkt etwas gelangweilt.

Männer und Frauen im Turnier

Gespielt werden vier «Disziplinen»: Die Männer spielen «League of Legends» und ein Schiessspiel, das man nur in Asien kennt. Die Frauen spielen «Starcraft» und «Tekken». Weil es hierzulande kaum Frauen gibt, die auf diesem Niveau kompetitiv wären, schickt die Schweiz nur ein «League of Legends»-Team nach Bukarest.

Die Schweiz erhält in den Gruppenspielen Portugal, Russland und Rumänien zugelost. Captain Berg analysiert mit seinem Team die Gegner und setzt ein selbstbewusstes Ziel: Einzug ins Viertelfinal mit Gruppensieg. Portugal und Rumänien müssten klar zu schlagen sein; das Spiel gegen Russland werde die Gruppe entscheiden.

Das Team steckt Peripherie ein und installiert Treiber.

Bildlegende: Die erste Stunde am Freitag nutzt das Team, ihre eigens mitgebrachten Tastaturen, Mäuse und Headsets zu installieren. Guido Berger/SRF

Am Freitag treffen sich die Athleten in der Sala Polivalenta im südlichen Zentrum Bukarests. Der Hauptsaal ist bestuhlt, mit Blick auf eine Grossleinwand. Dort werden einzelne Partien für das Publikum gezeigt und von zwei rumänischen «Castern» fachmännisch kommentiert.

Die Athleten sitzen in einem abgetrennten Raum, an zwei langen Tischreihen. Die PCs werden gestellt; die Athleten bringen aber fast alle ihre eigenen Tastaturen, Mäuse und Headsets mit. Diese einzurichten und die entsprechenden Treiber zu installieren, ist denn auch das erste, was das Team am Freitagmorgen tut. Dennis Berg vergleicht das mit einem Tennis-Racket – da sei ein Profi ja auch ein ganz Bestimmtes gewohnt und könne nicht ohne weiteres auf ein anderes umsteigen.

Die Disziplin: «League of Legends»

«Swissmoney» vor seinem Monitor.

Bildlegende: «Swissmoney» konzentriert im entscheidenden Spiel der Gruppenphase gegen Russland. Guido Berger/SRF

In «League of Legends» stehen sich zwei Teams gegenüber, auf einem Spielfeld, das wie ein verwunschener Märchenwald aussieht. Jeder Spieler steuert einen «Champion», ein Fabelwesen mit magischen Kräften. Ziel ist, die Basis des gegnerischen Teams zu zerstören. Eine Partie kann 15 Minuten oder eine Stunde dauern; meist ist sie nach einer halbe Stunde vorbei.

Man punktet, indem man gegnerische Champions besiegt. Dazu hat jedes Team vom Computer gesteuerte «Vasallen» oder Verteidigungstürme. Wenn Champions diese zerstören, können sie ihre Fähigkeiten verbessern, werden also im Verlauf der Partie stärker. Die Wahl der Helden und der Aufbau der Fähigkeiten sind taktisch zentral. Ebenso braucht ein Team gute Koordination, um das ganze Schlachtfeld im Auge zu haben und eine gute Balance aus Angriff und Verteidigung zu finden. Wie im Fussball: Hinten keins kriegen, vorn eins machen.

Die Gruppenphase

Die erste Partie gegen Portugal verfolge ich gewissermassen am Spielfeldrand und schaue den Spielern über die Schulter. Es wird ein Arbeitssieg: Es sieht lange knapp aus, besonders nachdem die Portugiesen vorlegen und so Selbstvertrauen aufbauen. Doch die Schweizer setzen taktisch auf Helden, die erst gegen Ende der Partie ihre volle Stärke entfalten. Das geht auf: Kurz vor Schluss drehen sie das Spiel und fahren den Sieg sicher ein. Das Team zeigt kaum Emotionen: Es gibt ein kurzes «Guet gsi» vom Captain, dann steht das Team auf und geht zu den enttäuschten Portugiesen zum fairen Shakehands.

Auch im Spiel ist es auffallend ruhig: Die Spieler sind konzentriert, die Absprachen per Headset knapp. Ich höre in erster Linie ununterbrochenes, schnelles Klicken der Mäuse, mit denen die Spieler ihre Figuren ständig in Bewegung halten.

Im zweiten Spiel trifft die Schweiz auf Rumänien. Ich erwarte lautstarke Unterstützung des Heimpublikums und gehe deshalb in den grossen Saal, um das Spiel auf der Grossleinwand zu verfolgen. Rumänien macht den ersten Punkt, das Publikum klatscht und johlt ausgelassen. Doch schon bald ersticken die Schweizer die einheimische Freude im Keim: Sie dominieren die Rumänen und siegen schnell und deutlich.

Weil auch Russland beide Partien gewonnen hat, ist das dritte Spiel das um den Gruppensieg. Das ist den Veranstaltern egal: Sie zeigen auf der grossen Leinwand lieber das Spiel mit einheimischer Beteiligung. Ich gehe wieder zu den Spielern. Die Schweiz startet gut – eine am Vorabend geplante Sondertaktik gegen die Russen zahlt sich aus.

Die fünf Schweizer sitzen aufgereiht in einem kahlen Saal.

Bildlegende: Das Team erholt sich von der Niederlage in der Player's Lounge. Guido Berger/SRF

Doch dann unterlaufen den Schweizern eine Reihe kleiner Fehler, die den Russen erlauben, zurück in die Partie zu finden. Es gelingt nicht, den Sack zuzumachen, und die Russen gewinnen langsam Oberhand. Die Zeit läuft nun für sie. Das Spiel zieht sich hin und nach über fünfzig Minuten müssen die Schweizer einsehen, dass das nichts mehr wird. Sie geben auf.

Damit ist zwar die Gruppenphase überstanden, aber der Gruppensieg verspielt. Und so treffen die Schweizer im Viertelfinal auf Korea, Turnierfavorit.

Das Viertelfinal

Entsprechend klar fällt das Resultat am Samstag aus. Im ersten Spiel der Best-of-Three-Serie sind die Schweizer klar unterlegen. Im zweiten können sie sich zwar besser auf die Koreaner einstellen und liegen zunächst vorn. Doch dann unterlaufen ihnen mehrere Fehler; sie geben das Spiel aus der Hand. Die Schweiz scheidet mit 0:2 aus.

Nach dem Turnier zeigt sich Captain Dennis Berg dennoch zufrieden mit der Schweizer Leistung. Er weist auch auf fehlendes Losglück hin: In anderen Konstellationen wäre es möglich gewesen, nicht so früh auf die Koreaner zu treffen. «Wäre möglich gewesen» – eine Lieblingswendung von Sportlern, ob E- oder nicht.