Review: «Double Hitler»

Wie aus den torkelnden Schicklgruber-Brüdern Hitler wird und warum dieses seltsame Spiel mehr als ein alberner Hitler-Witz ist: weil es die Komik aus der Spielmechanik schöpft und zeigt, dass Interaktion und Humor nicht reibungslos sein müssen.

Hitler schwankt hypnotisch hin und her.

Bildlegende: Mit dem Jungen unten hin und her gehen, mit dem oben das Gleichgewicht halten: Es ist schwierig. Und lächerlich. Screenshot

Hitler gibt es gar nicht. Stattdessen wollen die Brüder Schicklgruber unbedingt an die Kunstakademie in Wien. Weil sie dazu aber noch zu klein sind, stellt sich der eine auf die Schultern des anderen und malt sich einen doofen Schnauz auf. Noch ein grosser Mantel um und los.

Weil das eine eher wacklige Angelegenheit ist, können die Schicklgrubers den rigorosen Aufnahmebedingungen der Akademie nicht genügen. Also tun sie das, was kleine Jungs gerne tun: Wutausbruch. Sie rächen sich an der Welt für das Verschmähen und brechen den Zweiten Weltkrieg vom Zaun.

In dieses Paralleluniversum versetzt uns das Browser-Spiel «Double Hitler» von Damian Schloter.

Unten verschieben, oben balancieren, links zeichnen

Hitler malt einen Kreis.

Bildlegende: Schon einen simplen Kreis zu malen, ist schwierig. Screenshot

Wir steuern die aufeinander gestapelten Brüder in ihrem doofen Hitlerkostüm, indem wir mit zwei Tasten den unteren Bruder nach links oder rechts schieben. Und mit den Maustasten versuchen, den oberen auszubalancieren. Ziel ist: nicht umfallen, weil dann der Streich auffliegt. Dazu etwas zeichnen: zunächst in der Kunstakademie einen Kreis, später dann Linien auf einer Karte.

Steiners Panzer

In wenigen Szenen spielen wir grob Hitlers Geschichte durch, beginnend in der Kunstakademie und endend in der Schlacht um Berlin. Dort sollen wir einzeichnen, wo Steiners Panzer durchfahren sollen.

«Double Hitler» zitiert hier die berühmte, tausendfach parodierte Szene aus «Der Untergang», in der Bruno Ganz' Hitler wegen eines nicht erfolgten Entlastungsangriffs von SS-General Steiner ausrastet.

Der doppelte Hitler zeichnet eine Route auf einer Karte ein.

Bildlegende: Blau soll zu rot. Fast geschafft. Screenshot

Dabei dreht das Spiel im Gegensatz zu «Der Untergang» den Spiess der Verantwortung wieder um – nicht Steiner ist es, der Hitler im Stich lässt. Sondern Hitler selbst ist es (bzw. die Schicklgruber-Buben), der irrsinnige Befehle kritzelt. Hier spricht die lächerliche Parodie mehr Wahrheit aus als das bierernst pompöse Kostümdrama.

Das lächerliche Monster

Das Monster Hitler als eine Witzfigur darzustellen, ist seit Charlie Chaplins «The Great Dictator» eine bewährte Strategie. Sie verharmlost den Schrecken keineswegs. Einerseits verunmöglicht die Lächerlichkeit tumben Bewunderern, die Figur als Held zu glorifizieren. Und andererseits ermöglicht die lächerliche Darstellung, die Wahrheit des Grauens zu akzeptieren, ohne den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Guter Humor kann Trost spenden.

«Double Hitler» schöpft diesen Humor in erster Linie aus dem wilden, unvorhersehbaren Slapstick, der gerade aufgrund der absichtlich komplizierten Steuerung entsteht. Nicht der dämliche aufgemalte Schnauz oder die Schlusspointe machen den Witz des Spiels aus, sondern unser ungelenkes, wahnsinniges Herumhampeln. Die Unvorstellbarkeit, wie so ein plumper Bubenstreich nicht auffliegen sollte, spiegelt die Unvorstellbarkeit, wie es tatsächlich soweit kommen konnte.

Absichtlich unmögliche Steuerung

Hitler hält eine Rede.

Bildlegende: Wave 'em like you just don't care. Screenshot

«Double Hitler» kann sich diesbezüglich bereits auf eine Tradition beziehen: Spiele mit absichtlich mühsamer Steuerung gibt es einige. Da ist zuerst sicher «QWOP» von Bennett Foddy zu nennen. Wir sollen einen Sprinter steuern, indem wir mit den Tasten Q, W, O und P einzeln seine beiden Ober- und Unterschenkel bewegen. Was natürlich unmöglich ist und den armen Athleten kaum vom Fleck, dafür umso lächerlicher auf die Fresse fallen lässt. Selbst Cosplay gibt es zu «QWOP», in der Realität dann athletisch beeindruckend.

Bennett Foddy, der «QWOP» entwickelt haben soll, um sich von seiner Dissertation abzulenken, hat das Prinzip später noch in anderen Varianten durchprobiert. «CLOP» beispielsweise ist schön, weil es den Athleten durch ein Einhorn ersetzt und mit Hügeln und Kieselsteinen mehr Hindernisse in den Weg legt.

Das Thema Leichtathletik wurde von anderen aufgegriffen und ins Extrem gedreht, beispielsweise in «Justin Smith's Realistic Summer Games Simulator». Da rennen, schwimmen oder werfen wir nicht, sondern schleudern den Athleten per Gummiband durch die Gegend.

Auch der aktuelle Simulator-Hype setzt auf absichtlich schlechte Steuerung. Sei es ein Chirurg («Surgeon Simulator 2013») oder eine Geiss («Goat Simulator») – wenn wir eine Figur nicht präzise steuern können, entsteht Slapstick.

Während die aufgezählten Spiele jeweils als Witz, als ironische Meta-Parodie entstanden und eher überraschend ein bereitwilliges Publikum fanden, gibt es durchaus auch Spiele, die ernsthaft absichtlich komplizierte Steuerungen einbauen. In «Noby Noby Boy» von Keita Takahashi sollen wir den titelgebenden Wurstwurm in die Länge ziehen. Der Oktopus in «Octodad: Dadliest Catch» kämpft mit seinen unkontrollierten Tentakelzuckungen, weil er nicht möchte, dass seine Verkleidung als Familienvater auffliegt.

Und schliesslich ist die «Resident Evil»-Reihe ein Beleg dafür, dass eine absichtlich eingeschränkte Steuerung nicht nur als Quelle von Slapstick-Humor dienen kann. Denn in diesen «Survival Horror»-Spielen wird die Bewegungsfreiheit der Kamera stark beschränkt – wir können nicht jederzeit überall hin schauen, was das Gefühl der steten Bedrohung verstärkt.

Interaktion und Humor nicht reibungslos

Im vorletzten Level sollen wir dann eben für General Steiners Panzer eine Route einzeichnen. Da übertreibt es «Double Hitler» dann etwas. Das Spiel wird so schwierig, dass wohl viele frustriert aufgeben. Kaum berühren wir eine Wand, setzt uns das Spiel an den Anfang des Levels zurück. Wer bis dahin die mühsame Steuerung noch amüsant fand, wird spätestens hier mit Wucht an eine Frustwand prallen. Oder wie es Forum-Poet «madnessrockz» formuliert: «STEINER AND HIS TANKS CAN GO FUCK THEMSELVES!»

Die Brüder sind umgefallen und entlarvt.

Bildlegende: Die überraschte Entrüstung im «Mein Führer!»-Ausruf ist sehr schön gespielt. Screenshot

Dass eine absichtlich schlechte Steuerung und der daraus entstehende Frust zu aggressiven Emotionen führen kann, hat eine Studie gerade kürzlich gezeigt. Sie stellt damit ältere Studien in Frage, die lediglich Gewalt-Inhalte mit gesteigerter Aggression verbinden. «Double Hitler» ist ein gutes Beispiel dafür, dass Aggression aber nicht unbedingt wegen bildlicher Darstellung von Gewalt entstehen muss.

Deshalb ist «Double Hitler» weit mehr als ein alberner Hitler-Witz: Es wagt sich elegant auf humoristisches Glatteis. Es schöpft seine Komik aus der Spielmechanik, nicht dem Inhalt. Und es zeigt, dass Interaktion nicht zwingend reibungslos sein muss – so wie Humor eben auch.

«Double Hitler» ist im Browser spielbar. Das Spiel benötigt das Unity-Plugin, Download hier. Das Haikiew ist hier.