Review: «Quantum Break»

Das Gamestudio Remedy unterhielt mit «Max Payne» und «Alan Wake». Der Nachfolger will nun alles in einem sein, Action-Schiessspiel, TV-Serie, Science-Fiction-Erzählung über Zeitreisen, ein Game, in dem ich den Verlauf der Geschichte beeinflussen kann. Das ist zu viel und zu durchschnittlich.

Buffets sind eine tolle Sache: So viele Möglichkeiten! Es gibt Buffets, die nur wenige Köstlichkeiten anbieten, die dann aber umso besser sind – auch, weil die Köchin weiss, bei welchen Speisen sie brilliert. Dann gibt es die Fressorgien: Buffets, die zwanzig verschiedene Gerichte anbieten, die alle aber nur durchschnittlich schmecken.

Quantität statt Qualität, ein überladenes Buffet voller durchschnittlicher Gerichte: Das ist «Quantum Break». Wie überladen? Das alles ist drin: Action-Schiessspiel, Rätselgame, TV-Serie, Science-Fiction-Erzählung über Zeitreisen, ein Game, in dem ich den Verlauf der Geschichte beeinflussen kann.

Die Science-Fiction-Erzählung

An der Spitze eines Zeitmaschinen-Projekts steht Paul Serene, der Chef des Konzerns Monarch Solutions. Sein früherer Freund Jack Joyce hilft ihm, ein Experiment mit der Maschine durchzuführen, doch das läuft schief. Resultat: Wir müssen die Erde retten, ansonsten droht das Ende der Zeit und unser aller Untergang. Als Nebeneffekt des missglückten Experiments erhält Jack Joyce Superheldenfähigkeiten, mit denen er die Zeit manipulieren kann.

Die Rettung ist bei William Joyce zu finden, dem Bruder von Jack. Der ist ebenfalls Zeitforscher und hat im Geheimen seine eigene Zeitmaschine gebaut. Doch Paul Serene und andere böse, intrigante Kräfte stellen sich unserem Plan entgegen, bauen einen sicheren, unterirdischen Bunker, in denen handverlesene Personen das Ende der Zeit überleben sollen.

Das ist, in groben Zügen, die Geschichte von «Quantum Break». Wir spielen darin vor allem Jack Joyce. So vertraut die Geschichte um verrückte Wissenschaftler, Zeitreisen und böse Konzerne klingt, so bleibt sie auch: Das hat man alles schon einmal gelesen, gehört, gespielt. Selbst das Ende bleibt generisch (Happy) mit der Aussicht, eine Frau zu retten (vielleicht in «Quantum Break 2»?). Die durchschnittliche Erzählung ist auch den zahlreichen Figuren geschuldet, die sich in ähnlich abgedroschene Muster einfügen.

Jack Joyce und andere Schablonen

Paul Serene, gespielt von Aidan Gillen, in einer TV-Folge

Bildlegende: Aidan Gillen, der Paul Serene in den TV-Episoden spielt. Screenshot SRF

Rund elf wichtige Figuren treten innerhalb des ganzen Games auf, jede mit ihrer eigenen Geschichte, Persönlichkeit und Motivation. Wenn wir aufmerksam durch die Welt von «Quantum Break» spazieren, entdecken wir zusätzliche Dokumente, E-Mails und Informationen, die den Figuren Farbe und Fülle geben sollen.

Doch die vielen Figuren, die alle wichtig für die Geschichte sind, führen auch zu einer gewissen Durchschnittlichkeit. Sie bleiben holzschnittartig und schablonenhaft:

  • Will Joyce,ein hochintelligenter, aber etwas verrückter Wissenschaftler.
  • Paul Serene, der an der Spitze von Monarch Solutions steht und Opfer seiner eigenen Ambitionen wird.
  • Michael Hatch, engster Vertrauter von Serene, heimlicher Bösewicht und einzige schwarze Figur.
  • Auftragskiller Liam Burke, der alles für seine schwangere Freundin tut.
  • Blasser, menschenfeindlicher IT-Nerd Charlie Wincott, der sich in die blonde Monarch-Angestellte Fiona Miller verliebt.
Portrait Jack Joyce

Bildlegende: Kurze braune Haare, Dreitagebart: Jack Joyce. Microsoft/Remedy

Figuren, ausgestanzt wie Weihnachtsguetsli, aber zumindest mit einer Füllung. Unsere Figur Jack Joyce, die wir steuern und Held der Geschichte ist, bleibt hingegen hohl. Das entspricht zwar der Game-Mechanik, dass ich als Spielerin meine Figur selber mit Leben und einer Geschichte füllen kann. Und es würde wohl funktionieren, wenn die TV-Episoden und die Begleitinfos innerhalb des Games nicht wären: Denn dort wird mir die Kontrolle über die Figur entzogen, sie bleibt aber so generisch wie Jack‘s Name und sein Aussehen.

Die TV-Serie «Quantum Break»

Denn es ist eben nicht nur ein Game, sondern auch eine TV-Serie von vier Science-Fiction-Folgen mit echten Schauspielern. «Quantum Break» ist unterteilt in fünf Akte, vier davon laufen immer nach demselben Schema ab: Wir spielen Jack Joyce. An so genannten «Junctions» schlüpfen wir kurz in die Haut von Paul Serene. Aus seiner Position heraus treffen wir eine Entscheidung, etwa zwischen «Control» oder «Surrender».

Eine Junction - Hardline vs. PR

Bildlegende: An den "Junctions" können wir mit Paul Serene Entscheidungen treffen. Screenshot SRF

Wie wir uns an diesem Punkt entscheiden sollte den weiteren Verlauf der Geschichte beeinflussen. Trotzdem bleibt das Ende der Geschichte immer gleich, was sich ändert, sind bloss Nebenaspekte. Auch das ist kein grosser Wurf.

Nach dieser «Junction» mit Paul Serene folgt schliesslich eine TV-Episode, die einen Akt beschliesst und die Geschichte weiter erzählt. Nun treten die menschlichen Schauspielerinnen und Schauspieler auf, die innerhalb des Games animiert waren. Deren Schauspielkunst hat mich überzeugt, auch die Folgen erfüllen den Anspruch, die man allgemein an eine Science-Fiction-TV-Episode hat: Actionszenen, Verfolgungsjagden, Liebe, Tod, Schmerz und viele Maschinen mit roten Knöpfen. Trotzdem fügen sich die Episoden nur uneben in das Game ein.

Das Uncanny Valley und andere Unebenheiten

Paul Serene

Bildlegende: Paul Serene im Game, gespielt von Aidan Gillen. Screenshot SRF

Das mag am sogenannten «Uncanny Valley» liegen: dem unheimlichen Gefühl, wenn animierte Figuren fast menschlich wirken – aber eben nur fast. Hier sind die Figuren in der TV-Serie echte Menschen, im Game hingegen die animierte Version davon. Das hebt die Unterschiede nur noch stärker hervor.

Ausserdem unterbrechen die rund 30minütigen Folgen den Gamefluss: Statt platten Dialogen zuzuhören, hätte ich lieber mit Jack Joyce weiter die Welt entdeckt, deren Zeit immer mehr aus dem Gefüge gerät. Und vor allem seine coolen Zeitmanipulierfähigkeiten ausprobiert.

Das Actionspiel: Schiessen und etwas Rätseln

Jack Joyce richtet mit seinen Zeitfähigkeiten ein Regal auf.

Bildlegende: Immer wieder dieselben Momente: In der Vergangenheit etwas aufrichten und hindurch rennen, bevor es wieder umfällt. Screenshot SRF

Jack Joyce verfügt insgesamt über sechs Fähigkeiten, mit denen er die Zeit beeinflussen kann. Die sind eigentlich famos: Auf Knopfdruck kann ich beispielsweise Gegner in einer Zeitblase kurzfristig fixieren, die Zeit verlangsamen und so ungesehen durch den Raum sausen oder Gegner wegschleudern. Doch die Kämpfe sind kurz und ähneln einander stark, genauso wie die Gegner, die immer dieselben sind: Jack öffnet eine Türe, dahinter kommt eine Welle von Gegnern, dann folgt kurzes Herumirren, und er muss erneut eine Türe öffnen, eine neue Welle kommt. In einem anderen Leben erhielte er die Auszeichnung als bester Türöffner.

Auf Knopfdruck kann Jack auch eine sogenannte «Time Vision» aktivieren: Szenen aus der Vergangenheit nacherleben, die an einem bestimmten Ort stattgefunden haben. Ein Regal kurzfristig wieder aufrichten, das in der Vergangenheit umgefallen war, und dann hindurch rennen. Doch es bleibt bei diesen elementaren Mechanismen. Es gibt nur nacherlebbare Szenen, die relevant für die Erzählung sind. Keine weiteren Szenen, die dem Game mehr Leben einhauchen würden. Statt das Gameprinzip der Zeitmanipulation in neuen, unterschiedlichen Situationen auszuprobieren, verharrt «Quantum Break» im immer gleichen Durchschnitt.

Grosses, schönes Buffet, grosse Auswahl – aber Durchschnitt

Immerhin sieht die die Welt von «Quantum Break» wunderschön aus. Momente, in denen die Zeit sich biegt, verzerrt und verrückt spielt, sind wohl das einzig Überdurchschnittliche an diesem Game.

Insbesondere gefielen mir auch die Gegner, wie sie tot durch den Raum schweben und Lichtspuren hinter sich her ziehen. Es sind diese wunderschönen Designdetails, die mich bezaubert haben. Immer wieder blieb ich stehen, um einfach diese wunderliche Welt zu betrachten.

Abgesehen davon will «Quantum Break» alles gleichzeitig sein – und macht deswegen nichts davon richtig. Das Game wirkt überladen, als hätten zu viele Köche mitgekocht, die alle nur durchschnittlich gut kochen können. Mit «Quantum Break» wird man satt – aber nicht mehr und nicht weniger.

«Quantum Break» läuft nur auf Windows 10 und der Xbox One, es ist ab 16 Jahren.

Ein App-Store, sie zu einen

«Quantum Break» ist für Microsoft ein Wagnis, denn es läuft nur auf Windows 10 und der Xbox One. Schliesslich sollen sich Windows 10 und die Xbox immer mehr annähern. Das geschieht über die «Universal Windows Platform» (UWP), und hat zu zahlreicher Kritik aus der Gameindustrie und von Spielerinnen und Spielern geführt.