Review: «Street Fighter V»

Der Prügelspiel-Klassiker bleibt mechanisch hervorragend und setzt mit einem verbesserten Kampfsystem und spektakulärer Choreografie die neue Messlatte. Dennoch rümpfen wir die Nase: darüber, dass die aktuelle Version noch stark nach Beta-Test riecht. Und über zu viele Brüste.

Eine krude Skizze aller Prügelspiele.

Bildlegende: Hochgeheimes Design-Dokument gefunden! Guido Berger

Als ich vor ein paar Jahren mal über «Street Fighter IV» schrieb, machte ich die Skizze links. So sehen Prügelspiele seit Mitte der 80er-Jahre aus. Die «Street Fighter»-Serie hat das Genre zwar nicht erfunden, aber geprägt wie kein anderes Spiel.

Wer verstehen will, warum dieses Grundschema bis heute praktisch unverändert erhalten geblieben ist, muss das folgende Video schauen – den grossartigsten Moment der E-Sports-Geschichte:

Video: Justin vs. Daigo

Es beginnt bei 2:42: Ken (der Blonde rechts, gesteuert von Daigo) hat eigentlich verloren – sein Lebens-Balken (links oben) ist so gut wie leer. Chun-Li (gesteuert von Justin, links im Bild) begnügt sich nicht mit einem leichten Tritt. Sondern startet eine Spezial-Attacke, die in der Folge Ken mit 15 (!) Tritten in blitzschneller Folge eindeckt. Keiner davon darf Ken treffen, sonst hat er verloren – der sichere Sieg für Justin.

Oberschenkel und Arme wie Bäume.

Bildlegende: Der Schneider von Zangief ist arm dran. Capcom

Doch Ken/Daigo blockt jeden einzelnen der Tritte, mit übermenschlicher Präzision und Timing. Das Publikum begreift, dass es Zeuge eines historischen Moments wird und rastet aus. Bei 2:51 erwidert Ken die Attacke und besiegt die völlig konsternierte Chun-Li in einem Konter. Diese 11 Sekunden sind eines der schnellsten und spektakulärsten Comebacks, das je einem Sportler gelungen ist – Daigo «The Beast» Umehara ist seither eine lebende Legende.

Prügelspiele sind die reinste Form des Wettkampfs. Und das neue «Street Fighter V» ist die reinste Inkarnation des Genres.

Grossartige Kampf-Choreografie

Erstens, weil es grossartig animiert ist. Zweitens, weil das Kampfsystem den Spagat zwischen Vereinfachung und taktischer Tiefe schafft. Und drittens, weil es aktuell noch ziemlich dünn auf der Brust ist (dazu mehr später).

Zum Anschauen ist «Street Fighter V» herausragend: die Animationen der Kämpfer. Die Choreografie. Wie die Figuren von einem in den nächsten Zustand gleiten, ohne Ruckeln, ohne seltsame Verrenkungen, absolut sauber und flüssig.

Mindestens ebenso sehr gefällt mir das neue, leicht vereinfachte Kampfsystem. Wie immer gibt es die Basis-Angriffe: Schlag oder Tritt in leichter, mittlerer und schwerer Ausführung. Wurf. Springen. Blocken im Stehen oder Blocken in der Hocke.

Video: Guido spielt «Street Fighter V», Teil 1 (Live-Stream Let’s Play)

Neues Kampfsystem: «V-Trigger» und «V-Skill»

Ergänzt wird das mit Schlag-Kombinationen. Neu in «Street Fighter V» sind «V-Trigger» und «V-Skill». Beide sind einfach auszulösen: Gleichzeitig Schlag- und Tritt-Taste drücken, entweder die zwei mittleren für den «V-Skill» oder die beiden schweren für den «V-Trigger». Was die dann genau machen, hängt vom Kämpfer ab: Der «V-Skill» von Ryu ist ein Block; Birdie wirft eine Banane, auf der Gegner ausrutschen können.

Es wirbelt blauweiss.

Bildlegende: Chun-Li: Nicht mehr die Oberschenkel-Muskeln im Fokus. Capcom

«V-Trigger» macht die meisten Figuren für eine kurze Zeit stärker. Wir können ihn nur auslösen, wenn die V-Leiste voll ist – gefüllt wird sie, indem wir entweder Schläge einstecken oder aktiv «V-Skills» einsetzen.

Dazu kommen extrem starke Spezial-Angriffe, «Critical Arts» genannt. Die haben ihre eigene Leiste, die wie beim «V-Trigger» voll sein muss, um den Angriff auszulösen. Im Gegensatz zur defensiven V-Leiste füllen wir die CA-Leiste offensiv durch ausgeteilten Schaden.

Grossartig ist dieses System, weil die Spezialangriffe alle einfach auszulösen sind – simple Knopfkombinationen, die auch bei allen Kämpfern die gleichen sind. Die Schwierigkeit ist stattdessen, den richtigen Angriff im richtigen Moment im richtigen Abstand zum Gegner auszulösen.

Wer mir am Montag im Live-Stream beim Kämpfen zugesehen hat, weiss: Ich bin kein guter Kämpfer (meinen einzigen Sieg online könnt ihr unten miterleben). Denn die Theorie zu verstehen, reicht halt nicht. Angriffe zu blocken, ist sehr wichtig und ich kann es nicht – ich spiele viel zu offensiv und laufe ständig dumm in Konter. Ich beginne oft kontrolliert, habe einen Plan – und gerate dann in Panik und drücke wild auf alle Knöpfe. In «Street Fighter» war das immer schon eine sichere Niederlage.

Video: Guido spielt «Street Fighter V», Teil 2 (Live-Stream Let’s Play)

So ist «Street Fighter V» zwar ein sehr strategisches Spiel – doch weil die Kämpfe in dieser Ausgabe deutlich schneller und aggressiver sind als in der letzten, müsste ich die Strategie intuitiv verstehen und umsetzen können. Davon bin ich weit entfernt.

Für Neueinsteiger und Gelegenheitskämpfer bleibt also die Hürde hoch, online Kämpfe zu wagen. Wir müssen bereit sein, zu trainieren und lange Prügel einzustecken. Viel Frust tolerieren, bevor wir auch einmal austeilen.

«Street Fighter 5» lässt uns aber keinen Ausweg. Es zwingt uns beinahe in den harten Online-Wettbewerb und das Training. Denn sonst gibt es schlicht nicht allzu viel zu tun im Spiel.

Für Allein-Spieler noch zu wenig Inhalt

Ausschnitt aus Rashids Geschichte.

Bildlegende: Story-Modus: Simple Comics statt aufwändige Zwischensequenzen. Screenshot

An Kämpferinnen und Kämpfern stehen 16 zur Auswahl. Einen Story-Modus zu jeder Figur gibt es zwar jetzt schon, doch erst in einer ausgedünnten Variante – statt aufwendig inszenierter Filmchen gibt es lediglich flache Comics und extra doofes Voice Acting. Das mich zwar amüsiert hat. Aber es ist offensichtlich, dass es ein Platzhalter ist: Ein ausgewachsener Story-Modus wird im Juni nachgereicht.

Weil die 16 Figuren grossartig mit extrem unterschiedlichen Kampfstilen gestaltet sind, reicht mir das im Moment. Auf längere Sicht ist das aber zu wenig Varianz. Deshalb werden später weitere Kämpfer dazukommen (ein erster schon im März). Allerdings nicht umsonst: Wir werden sie mit der In-Game-Währung «Fight Money» bezahlen. Es ist noch unklar, was eine neue Figur kosten wird und wie leicht sich «Fight Money» über tägliche Aufgaben (auch erst ab März) und Online-Matches verdienen lässt. Da ist noch alles möglich zwischen fair und nervig.

Ausserdem muss «Street Fighter V» immer online sein, wenn wir «Fight Money» verdienen wollen – auch wenn wir ganz für uns alleine gegen computergesteuerte Gegner kämpfen.

Eigentlich eine Beta-Version

Kein Problem, wenn das alles unsichtbar und reibungslos im Hintergrund laufen würde. Tut es aber nicht. Zu oft sehe ich «Connecting to server…»-Meldungen. Mittlerweile hat sich alles etwas beruhigt und eingependelt, aber beim Launch waren die Server überfordert. Das darf einem Spiel, das seinen ganzen Fokus auf Online-Kämpfe richtet, einfach nicht passieren.

Neuling Necalli mit grünen Leuchthaaren.

Bildlegende: Nette Frisur, Mann! Screenshot

Ebenso befremdlich ist es, dass bis jetzt sogenannte «Rage Quitter» nicht bestraft werden. Wer in einem Kampf hinten liegt und frühzeitig aus dem Ring steigt, verliert keine Punkte, Siegesserien werden nicht unterbrochen. Umgekehrt erhält der designierte Sieger keine Punkte. Das ist natürlich grob unsportlich. Hersteller Capcom sagt, man arbeite an einer Lösung, verpflichtet sich aber noch auf keinen Termin.

So verdichtet sich der Eindruck, dass hier auf Biegen und Brechen eine unfertige Version veröffentlicht werden musste. Wer jetzt schon spielt, ist Beta-Tester.

Ambitionierte Online-Kämpfer werden das schlucken; für ein paar Monate Trainingsvorsprung geben sie ohnehin alles. Für die meisten anderen gilt es wohl, den Sommer abzuwarten.

«Street Fighter V» ist trotzdem jetzt schon ein grossartiges Prügelspiel. Das Kampfsystem ist toll gelungen, Figuren und Animationen sind spektakulär. Es wird die Fans des Genres noch Jahre beschäftigen, insbesondere die Sportler unter ihnen.

Brüste und Po zu sehr betont

Zum Schluss müssen wir jetzt noch über Brüste reden.

Von den fünf Frauen im Ensemble ist Karin die einzige mit bedecktem Körper und physikalisch nicht komplett unmöglichen Proportionen. Rainbow Mika, Laura und Chun-Li kämpfen vor allem gegen ihre eigene Oberweite; Cammy trägt einen grünen Badeanzug, der ihre Beckenregion nur unwesentlich verhüllt.

Das Wrestling-Kostüm von Mika hält die Brüste kaum in Zaum.

Bildlegende: Rainbow Mika mit Airbags. Screenshot

Natürlich sind auch die Proportionen der männlichen Figuren völlig übertrieben. Doch betont werden eben nicht primäre und sekundäre Geschlechtsteile, sondern Muskeln, Frisuren oder Outfits.

Wer einen Blick auf Zangief wirft, denkt «Muskeln!» oder «Haarig!». Bei Fang sind es Hut und Brille, bei Dhalism die Gummi-Arme, bei Necalli die Medusa-Frisur. Bei Rainbow Mika hingegen wandert der Blick direkt ins Décolleté.

Mir hängt das zum Hals heraus. Es ist mir peinlich, diese Busen- und Po-Parade einer Frau zu zeigen. Denn sie wird mit den Augen rollen und sich in der Meinung bestätigt sehen, dass hier die Jungs unter sich bleiben wollen.

Natürlich ist das Marketing-Strategie: Sexy Figuren = sexy Cosplay = Gratis-Werbung. Doch gerade ein mechanisch so hervorragendes Prügelspiel wie «Street Fighter V» hätte problemlos andere Vorzüge betonen können.

«Street Fighter V» ist für Playstation 4 und Windows. Es ist ab 12. Das Haikiew ist hier.