Review: «The Crew»

Das Rennspiel macht Reiseträume wahr und lässt uns durch grossartige Landschaften von der Ostküste zur Westküste fahren und vom Norden der USA bis hinunter nach Miami. Es ist ein Game gewordener Road Trip – mit mehr Pannen, als einem lieb ist.

Ein Rennwagen wird von einem Polizeiauto verfolgt.

Bildlegende: Dinge, vor denen man sich bei einem Road-trip in Acht nehmen muss: Unfälle. Schlechte Musik im Radio. Und die Polizei. Ubisoft

Fragt man Herr und Frau Schweizer nach ihren liebsten Ferienzielen, hört man oft von der obligaten Reise nach Australien. Oder ein Road Trip quer durch die USA. Wem das Geld fehlt, tatsächlich mit dem Auto quer durch Amerika zu fahren, dem steht mit dem Game «The Crew» nun eine preisgünstigere Alternative zur Verfügung. Und auch eine zeitgünstigere: Die Fahrt von New York nach Los Angeles zum Beispiel dauert hier nur knapp eine Stunde.

Autos liefern sich bei Nacht in einer Stadt ein Rennen.

Bildlegende: Bestimmte Städte sind besonder detailliert gestaltet und nehmen auf der Landkarte mehr Platz ein als in richtigen USA. Ubisoft

Das Amerika von «The Crew» ist eine offene Welt. Das heisst, wir können in den USA überall hinfahren, wo wir wollen. Es gibt keine Grenzen oder vorgeschriebenen Routen. Allerdings ist die Welt nicht massstabsgetreu nachgebaut: Ein gutes Dutzend Städte – New York oder Los Angeles zum Beispiel – sind detailliert gestaltet und nehmen deutlich mehr Platz auf der Karte ein als real. Auch Miami beansprucht auf der Karte gut einen Viertel des Staates Florida.

Andere Landschaft, anderes Fahrerlebnis

Wie bei einer guten Karikatur macht die Verschiebung der Grössenverhältnisse das Bild aber fast realer. Es ist ein idealtypisches Amerika, das wir hier durchfahren, ein idealtypischer Road Trip, der uns von Küste zu Küste bringt oder von Norden nach Süden. Nicht jedes Detail stimmt, aber wenn wir in West Virginia durch die Appalachen fahren oder in Nordkalifornien die riesigen Redwood-Bäume sehen, dann stellt sich genau das Gefühl ein, das wir uns von einer Fahrt quer durch die USA versprechen.

Autos liefern sich ein Rennen auf einer Sandbahn.

Bildlegende: Je nach Landschaft und Gelände verändert sich das Spielerlebnis. Auf Sand z.B. fährt sich ganz anders als auf Asphalt. Ubisoft

«The Crew» schafft es aber nicht nur, die Essenz Amerikas auf Spiel-Grösse einzudampfen. Das Game macht sich die unterschiedlichen Landschaften auch zu Nutze: In den stillgelegten Bergwerken der Appalachen etwa fährt es sich besonders gut mit vollgefederten Fahrzeugen. Dafür kommen auf den schnurgeraden Highways im Westen die Freunde hochgezüchteter Boliden auf ihre Kosten. Allerdings: Wie auf jedem Road Trip muss man sich dabei nicht nur vor der Polizei in Acht nehmen, sondern auch auf Pannen gefasst sein. Und von denen gibt es bei «The Crew» mehr, als einem lieb sein kann.

Mehr Punkte sammeln dank Mini-Games

Dass im Game nicht alles so gut ist wie die Szenerie, macht schon die Story klar: Wir spielen den bärtigen Hipster-Douchebag Alex Taylor, der einen Ring von kriminellen Rasern infiltrieren soll und dabei auch den Tod seines Bruders zu rächen hat.

Autos rasen eine enge Strasse hinunter.

Bildlegende: Unfair: Die Computergegner schaffen oft Ausweichmanöver, die einem menschlicher Fahrer niemals gelingen würden. Ubisoft

Es ist die gleiche abgedroschene Geschichte, die wir aus anderen Action-Rennspielen wie etwa «Need for Speed» schon kennen oder aus Filmen wie «The Fast and the Furious» – bloss dass selbst dort bessere Schauspieler zum Einsatz kommen als beim Vertonen dieses Games.

Doch natürlich ist die dünne Rahmenhandlung bloss Vorwand, uns einen Grund zum Rasen zu geben und Punkte zu sammeln. Neben den eigentlichen Missionen gibt es entlang der Strecke auch immer wieder sogenannte «Skills», kleine Mini-Games, mit denen wir uns Punkte holen können. Etwa wenn wir bei einem Slalom-Kurs die Ideallinie halten oder unseren Wagen möglichst weit durch die Luft fliegen lassen.

Unfaire Computergegner

Mit den gesammelten Punkten können wir unser Auto aufrüsten und für anspruchsvollere Rennen fit machen. «The Crew» bedient sich dabei einer Rollenspielmechanik: Unser Wagen ist die eigentliche Hauptfigur des Games, die wir Level um Level aufsteigen lassen. Nach diesem Prinzip funktionieren zwar auch andere Auto-Rennspiele, aber «The Crew» macht es uns besonders einfach: Statt mit Angaben zur Leistungsfähigkeit von Motor, Bremsen oder Steuerung zu verwirren, zeigt es mit einer einzigen Zahl die Leistungsfähigkeit unseres Gefährts an. Dank diesem «Car Level» können wir schnell sehen, in welchem Mass ein neues Teil unser Auto verbessert.

Ein Sportwagen über dem Details zur Ausrüstung eingeblendet werden.

Bildlegende: Mit erspielten Punkten können wir unser Auto aufrüsten. An ein neues Auto kommt man dagegen leichter mit echtem Geld. Ubisoft

Weil der Car Level auch bei unseren Gegner angezeigt wird, können wir leicht ihre Stärke einschätzen – oder besser: könnten, denn das Verhalten der computergesteuerten Fahrzeuge ist eines der grossen Ärgernisse im Spiel.

Die künstliche Intelligenz macht die Computergegner nämlich zuweilen fast unschlagbar. Gilt es etwa, ein Auto mittels Ramm-Manöver zu stoppen, dann gelingt es dem Computer meist spielend, unserer Attacke auszuweichen. Und selbst wenn wir einen Wagen mit 120 Sachen gegen einen Betonpfosten schicken, ist der Schaden bloss geringfügig.

Noch ärgerlicher, nicht nur beim Rammen: Während unser Auto sich nach einem Crash dort wieder materialisiert, wo er den Geist aufgegeben hat, erscheinen gegnerische Fahrzeuge oft einige hundert Meter weiter vorne wieder – in völligem Stillstand auf der Strecke, damit wir auch ja in voller Fahrt in sie krachen. Das Game will mit der Übervorteilung seiner eigenen Fahrer wohl sicherstellen, dass wir uns nicht zu früh an ein Rennen wagen, dem wir noch nicht gewachsen sind. Für den Spieler fühlt sich das aber bloss unfair an.

Wer zahlt, ist schneller

Und es gibt weitere Details, die einem bei «The Crew» zur Weissglut treiben können. Wer zum Beispiel nicht immer nur den einen Wagen neu aufrüsten will, sondern gleich ein neues, besseres Gefährt sucht, der muss entweder durch stupides Wiederholen der immer gleichen Aufgaben an Punkte kommen – oder ins eigene Portemonnaie greifen. «The Crew» funktioniert nämlich mit einer eigenen Währungseinheit, sogenannten «Crew Credits», die man sich im Spiel verdienen oder mit echtem Geld kaufen kann.

Immerhin soll es möglich sein, das Game auch ohne eine einzige solche Zahlung zu Ende zu spielen. Doch mit gekauften «Crew Credits» ist man nicht nur schneller am Ziel: Man baut sich auch ohne viel Zeit investieren einen schönen Wagenpark mit den schnittigsten Boliden auf.

Blick aus der Vogelperspektive auf eine Strasse zwischen Höchhäusern.

Bildlegende: In den Häuserschluchten von New York können besonders wendige Fahrzeuge auftrumpfen. Ubisoft

So ist «The Crew» ein seltsam ambivalentes Game: Es gibt atemberaubend schöne Momente – etwa wenn wir von den Bergen her kommend zum ersten Mal Las Vegas in der Wüste glitzern sehen. Und es gibt Momente zum Haareraufen, wenn uns der Computergegner schon wieder mit einem unmöglichen Manöver den Weg abschneidet oder unmöglich schnell einen Rückstand aufholt.

Als zielloser Road Trip, bei dem wir einfach nur durch die Gegend kurven und die Landschaft bewundern, macht «The Crew» viel Spass. Als Game, in dem wir dem doofen Hipster Alex helfen sollen, seinen Bruder zu rächen und Gangster zu fangen, eher weniger. Ich jedenfalls habe vorher aufgegeben.

«The Crew» gibt es für Windows PC, Playstation 4, Xbox One und Xbox 360. Es ist freigegeben ab 12 Jahren. Das Haikiew ist hier.