Review: «The Witcher 3: Wild Hunt»

Durch osteuropäische, mittelalterliche Wälder streifen und trotz Kriegswirren die verlorene Tochter finden: «The Witcher 3: Wild Hunt» ist grossartig geschrieben, vielschichtig und überraschend – eines der besten Spiele des Jahres.

Der lichte Birkenwald ist der schönste Wald. Durch einen Wald zu streifen und ihn zu erkunden, ist die schönste Beschäftigung der Welt. Ich liebte es in «Spintires». Ich liebte es in «Red Dead Redemption». Ich liebte es in «Assassin’s Creed 3», auch wenn ich das Game sonst nicht mochte. Und ich liebte, liebte, liebte es in «Skyrim».

Dieser Wald in «The Witcher 3: Wild Hunt» ist von ausserordentlicher Schönheit. Nicht nur im klassisch-kitschigen Sonnenuntergang oder im fahl durch das Laub und den Nebel brechenden Morgenlicht. Sondern auch im Sturm in der Nacht, wenn uns der Wind Regen ins Gesicht peitscht und die Tannen rauschen.

Es ist wahr.

Bildlegende: Der schönste Wald, oder? Screenshot

Wir reiten auf unserem treuen Pferd «Roach». Oder setzen uns in ein kleines Segelboot, um Seen zu überqueren oder einem Fluss zu folgen. Laufend stolpern wir zufällig über Geschichten. Ein paar Banditen plündern die Leichen unglücklicher Handelsreisender; unser Schwert bringt Gerechtigkeit. Oder wir finden ein Nachtlager, eine Kiste, eine Matte mit Blutspur. Wir rätseln, was da wohl passiert sein könnte. Dann plündern wir den Inhalt der Kiste und reiten weiter. Das Spiel ermuntert uns stets, die breiten Pfade zu verlassen und zu erkunden. Eine Welt zu entdecken, ist für mich einer der wichtigsten Reize von Games, und «The Witcher 3: Wild Hunt» befriedigt dieses Bedürfnis ausgiebig.

Faszinierende Figuren und Gestalten

Unsere Hauptfigur, der Hexer Geralt von Rivia, ist eine faszinierende Figur. «Witcher» sind genetisch modifiziert und von klein auf ausgebildet, um übermenschliche Kräfte zu erhalten. Dafür sind sie unfruchtbar und verlieren fast alle Emotionen. Ihre Aufgabe ist die Jagd besonders gefährlicher Monster. Das macht sie zu Aussenseitern – normale Menschen brauchen die Witcher zwar, beäugen sie aber auch neidisch und misstrauisch.

Skipper Geralt.

Bildlegende: Ein Spiel mit Segelboot ist ein besseres Spiel. Screenshot

Geralt gehört zu den Besten seines Fachs. In diesem dritten Teil ist er auf der Suche nach Ciri, einer jungen Frau, die er ausgebildet und dabei väterliche Gefühle entwickelt hat. Siri hat besondere Fähigkeiten und wird deswegen von einer Horde berittener Geister verfolgt (die visuell etwas zu sehr an die Nazgûl aus «Herr der Ringe» erinnern).

Die riesige Welt, in der diese Geschichte angesiedelt ist, sieht osteuropäisch aus: Wälder, Sümpfe, verstreute Gehöfte, mittelalterliche Städtchen. Sie ist von Geistern, Monstern und anderen Wesen bevölkert, die erfrischend anders sind: Wir kennen sie noch nicht aus der klassischen, eher angelsächsisch geprägten «Dungeons & Dragons»-Welt.

Stattdessen stammen sie aus slawischer und allgemein europäischer Mythologie. Ein Beispiel dafür sind «Godlings»: Wald-Kobolde im Körper eines Kindes mit blauer Haut, grossen gelben Augen, Astkrone und einem naiv-gefährlichen Sinn für seltsame Streiche.

Da hängen sie ab.

Bildlegende: Es ist keine Komödie. Screenshot

Und es ist Krieg, eine düstere, brutale Welt. Wir reiten über Schlachtfelder, auf denen Monster die gefallenen Soldaten zerfetzen. An der Wegkreuzung baumeln aufgehängte Deserteure von den Bäumen. Im Kampf schlagen wir einem Banditen den Kopf ab oder hauen ihn mitten entzwei.

Dabei gelingt «The Witcher 3: Wild Hunt» die schwierige Gratwanderung zwischen schweren und leichten Momenten. Grausamkeit, Schrecken oder Trauer erhalten gebührlichen Raum; Humor lockert ab und an die Stimmung auf, ist aber nie deplatziert. Überhaupt gehören die Dialoge im Spiel zum Besten des Genres. Und die Stimmen sind nicht nur sehr gut gesprochen, sondern präsentieren auch ein üppiges Bouquet britischer Dialekte.

Anspruchsvolle Kämpfe

«The Witcher 3: Wild Hunt» ist ein Rollenspiel – entsprechend wird Geralt mit steigender Erfahrung stärker. Wir können wie üblich unseren Geralt formen: Ist er ein schneller oder starker Schwertkämpfer? Ist er hart im Einstecken oder kann er Pfeilen ausweichen? Diese Fähigkeiten machen allerdings mehrheitlich etwas wie «+15% fast attack damage» – sie verändern einfach eine Kennzahl der Figur und beeinflussen den Spielstil kaum.

Das wäre etwas langweilig, wenn das Kämpfen selber nicht so spannend wäre. Wie wir uns zu den Gegnern positionieren, ist zentral; wir müssen gut parieren und ausweichen, einen guten Rhythmus aus schnellen und schweren Hieben finden. Während ich beispielsweise in «Dragon Age Inquisition» meist das Gefühl hatte, den Gegnern hoch überlegen zu sein, musste ich mich in «The Witcher 3: Wild Hunt» konzentrieren und anstrengen, um nicht ständig zu sterben.

Unverkrampfte, verspielte Sexualität

Und schliesslich schafft das Game einen erwachsenen, unverkrampften Umgang mit Sexualität. In den Vorgängern hat sich die Serie dabei nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Für das erfolgreiche Ins-Bett-Kriegen einer Dame erhielten wir als Belohnung eine Karte – Frauen sammeln als Quartett-Spiel.

Nachtessen mit anschliessendem Bodenturnen.

Bildlegende: Keira Metz ist spitz. Screenshot

Davon hat sich «The Witcher 3: Wild Hunt» weit entfernt. Es ist eines der seltenen Spiele, das den Unterschied zwischen sexistisch und sexy versteht. Wenn Geralt mit einer Dame schäkert, sind die Dialoge witzig, verspielt, unverkrampft. Oft ist es die Dame, die sich Geralt nimmt, nicht umgekehrt. Und im Gegensatz zu den Spielen von Bioware («Dragon Age», «Mass Effect») sind hier Sex-Szenen nicht die Belohnung für die «korrekten» Antworten in einem Dialog-Baum, sondern ein Teil einer Geschichte, einer Beziehung, die sich entwickelt.

So treffen wir die Hexe Keira Metz erstmals auf einer geheimen Waldlichtung, wo sie sich zwischen Blumen und Häschen im Kerzenlicht badet. Im Gespräch deutet sie sogleich an, dass sie etwas einsam ist und einem Ritt auf Geralts Waschbrettbauch nicht abgeneigt wäre. Sie spielt so mit unserer Erwartung: «Das ist ja dieses Spiel mit den Sexszenen und jetzt kommt wohl die erste». Doch es unterläuft diese Erwartung sogleich mit Witz: Die Kamera schwenkt auf zwei Häschen, die einige Sekunden rammeln – «Du wolltest eine Sexszene? Bitteschön!»

Vielschichtig, überraschend geschrieben

Deshalb ist «The Witcher 3: Wild Hunt» so grossartig: Jede Geschichte im Spiel ist gut geschrieben, sei es die Haupthandlung oder eine kurze Nebengeschichte. Auch wenn die Struktur der Aufgaben häufig nach dem Schema «Du willst das von mir, was ich dir gebe, wenn du mir zuerst das bringst» verläuft, sind die Figuren dennoch so vielschichtig und überraschend, dass uns das Schema nicht auffällt.

Geralt lockt per Glocke eine Ziege zurück in den Stall.

Bildlegende: Der Ziege «Princess» den Weg nach Hause zeigen. Screenshot

Derweil ist es schlicht ein Wunder, dass es dieses Spiel überhaupt gibt. Das polnische Studio CD Projekt RED konnte mit dem ersten «Witcher»-Spiel zwar eine kleine Gruppe eingeschworener Fans gewinnen. Doch ein so umfangreiches Spiel wie «The Witcher 3: Wild Hunt» ist eigentlich ausser Reichweite eines Studios, das 2009 noch nahe am Bankrott stand. Den Polen gelang trotzdem der Sprung vom PC auf die Konsolen und von einem obskuren, sperrigen Spiel zu einem, dass eine breite Masse anspricht. Nach zwei Wochen wurden bereits 4 Millionen Stück verkauft und das Budget von geschätzten 67 Millionen Dollar (für Entwicklung und Marketing) mehrfach eingespielt.

Zum Vergleich: Eine Viertelmilliarde soll «Grand Theft Auto V» gekostet haben. Es grenzt an Magie, dass es CD Projekt RED mit einem Bruchteil dieses Budgets geschafft hat, ein Spiel mit vergleichbarer Tiefe und Breite herauszugeben.

Verzeihbare Fehler

Ein Grafikfehler.

Bildlegende: Dieser Hügel, in dem mein Pferd grade feststeckt, sollte da nicht sein. Screenshot

An Kratzern im Lack sieht man die knappen Ressourcen dann schon. So werden hochauflösende Texturen oft etwas zu spät geladen («Pop In»). Mein Pferd weigert sich, über eine Brücke oder durch ein Tor zu reiten. Geralt bleibt immer wieder irgendwo hängen. Mitten im Dorf erscheint plötzlich ein kleiner Hügel, dann stürzt das Spiel ab. In einer Zwischensequenz erscheint im Hintergrund immer wieder der gleiche Soldat aus dem Nichts, fällt schreiend um und spendet so mit seiner Todesschleife unfreiwilligen Slapstick.

Doch diese Fehler verzeihe ich dem Spiel schmunzelnd. Denn «The Witcher 3: Wild Hunt» ist einfach proppenvoll mit spannenden Beschäftigungen. Nach dutzenden Stunden habe ich mich noch nie gelangweilt, hatte noch nie das Gefühl, eine Tätigkeit zu wiederholen. «The Witcher 3: Wild Hunt» nimmt uns ernst; es gibt uns so viel zu entdecken und verschwendet dennoch keine Zeit.

«The Witcher 3: Wild Hunt» ist für PC, Playstation 4 und Xbox One. Es ist ab 18. Das Haikiew ist hier.