Review: «Undertale»

Manchmal ist der Medienrummel um Blockbuster-Titel so laut, dass er alle anderen übertönt – so geschehen mit «Undertale». Asche auf unser Haupt. Denn das Indie-Game nimmt es locker mit den grossen Titeln vom Herbst 2015 auf. Mit Witz, Ideenreichtum und einer subversiven Art, ein Rollenspiel zu sein.

Eine kleine Blume namens Flowey ist wohl die böseste Figur von «Undertale». Dabei sieht sie doch so harmlos aus. Flowey aber tötet uns zu Beginn beinahe und erklärt mit bösem Grinsen: «In dieser Welt gilt: Töte oder werde getötet». Meine Spielfigur Dana folgt brav dieser Anweisung und tötet gleich die ersten paar Monster, die sich ihr entgegenstellen.

Schliesslich sind das die Regeln eines klassischen Rollenspiels: Monster stellen sich dir in den Weg, du tötest sie, löst Aufgaben und erhältst dann Erfahrungspunkte, die deinen Level erhöhen. Dana hochleveln: Sinn und Zweck eines Rollenspiels. Bald merken wir aber: «Undertale» tickt anders, Monster töten ist doof.

Give Peace A Chance!

Bei jeder Begegnung haben wir nämlich die Wahl: «Fight», «Act», «Item» und «Mercy». Dana kann also kämpfen, mit den Monstern interagieren, einen Gegenstand verwenden oder Gnade zeigen, indem sie die Monster verschont oder wegrennt.

Vor allem «Act» eröffnet ganz neue Monsterwelten. In den Katakomben, durch die Dana irrt, trifft sie beispielsweise auf einen deprimierten Geist namens Napstablook. Mittels «Act» muntert Dana ihn auf, Napstablook albert herum und sie verschont ihn. Später im Game lädt er Dana zu sich nach Hause ein, zeigt ihr seine Musiksammlung. Schliesslich haben auch Monster ein Privatleben.

Let's Play: Méline Sieber spielt «Undertale»

Spätestens nach dieser Begegnung ist eins klar: Friedvolle Lösungen bringen viel spannendere Geschichten! Aber die Kreaturen gutmütig zu stimmen – so mit ihnen zu interagieren, dass sie verschwinden – ist viel schwieriger als sie einfach zu töten. Denn die Begegnungen sind rundenbasiert: Jeder Runde, in der Dana den friedlichen Weg wählt, folgt eine, in der sie Angriffe der Monster überleben muss.

Das ist viel schwieriger, als zwei, drei Mal auf das Monster einzuhauen. So stachelt mich «Undertale» an, den Kämpfen aus dem Weg zu gehen – ganz entgegen des klassischen Rollenspielgenres. Der Lohn für die Mühen sind Begegnungen, die noch lange in meiner Erinnerung bleiben werden.

Real gewordene Alpträume – und so nett

«Undertale» brilliert in unzähligen Aspekten, vor allem mit seinen witzigen, schrägen und einprägsamen Charakteren, die bereits das Internet in zahlreichen Memes bevölkern. Auch der aussergewöhnliche Soundtrack ist mit dafür verantwortlich, dass mir die Figuren so einzigartig erscheinen: Alle wichtigen Monster kommen mit einem spezifischen musikalischen Leitmotiv. Geschrieben hat den gesamten Soundtrack der junge, bis dahin unbekannte Toby Fox. Er erschuf auch das komplette Game selber, abgesehen von einem Teil der Grafik.

Und Toby Fox dachte sich auch all die Kreaturen aus: Die beiden Monsterkampfhunde, die doch nur Stöckchen spielen wollen. Woshua, der nur alles waschen will. Die beiden Skelett-Brüder Sans und Papyrus, benannt nach den Schriftarten, in denen ihre Rede erscheint. Ein Duo, das mich derart zum Lachen brachte, dass meine Nachbarn sicher schlaflos dalagen.

Darf ich vorstellen: Sans. Comic Sans.

Bildlegende: Sans, der natürlich in Comic Sans MS spricht. Papyrus treffe ich bald darauf. Screenshot SRF

Sans, ein gedrungenes Skelett, das ständig Skelett-bezogene Wortwitze macht und seinen Bruder Papyrus trotz all seiner Trotteligkeit liebt. Papyrus, der so gerne Mitglied in der königlichen Wache wäre und Dana Rätsel auferlegt, die ständig misslingen. Der so gerne böse wäre. Ach, ich habe die beiden sofort ins Herz geschlossen!

Manchmal scheint es, als wären die Monster den Alpträumen von Kindern entsprungen – solche, die sie nachts nicht schlafen lassen. Und «Undertale» vertreibt diese Ängste, indem es diese Monster als Kreaturen mit Geschichten, Gefühlen und Musik zeigt: Wer also nett zu den Monstern ist, sich auf sie und ihre Einzigartigkeit einlässt, für den legen sie jeglichen Schrecken ab.

Wir sind die Monster

Ein Wunderwerk, das neben der pazifistischen Spielidee noch viele andere Ideen anklingen lässt. Etwa, dass viele Figuren unbestimmten Geschlechts sind, inklusive der Hauptfigur Dana. Und so viele, viele Hunde.

"Du hast sie getötet, weil es einfach für dich war", meint Undyne.

Bildlegende: Undyne stellt mich zur Rede und ich fühle mich schlecht. Screenshot SRF

Ganz am Schluss hält uns das Game den Spiegel vor und reflektiert unsere Lust am Monstertöten. «Du hast sie getötet, weil es einfach für dich war. Weil es dir Spass machte», ermahnt mich auch die Figur Undyne.

Wir sind die wahren Monster, suggeriert «Undertale», wenn wir, ohne zu zögern, alles Andersartige ausradieren. Ich muss es nochmals durchspielen, ohne einen Tropfen Monsterblut zu vergiessen. Sowieso, um all die geistreichen Witze und Monster zu entdecken, die ich sicher verpasst habe. Das Game erschien bereits im September 2015, ging aber im Blockbuster-Tsunami von «Fallout 4», «Tomb Raider» und anderen Titeln unter.

Was für ein Verfehlen! «Undertale» hätte es locker auf die Liste der besten Games 2015 geschafft. Aber vielleicht sind mittlerweile einige Spielerinnen und Spieler der grossen Herbst-Titel müde geworden. Und haben wieder Zeit für ein brilliantes Indie-Game.

«Undertale» läuft auf Windows und Mac.

Mehr zu Toby Fox

Der Macher von «Undertale» will sein Game lieber für sich selber sprechen lassen. Einige wenige Interviews gibt es: