Sprachlos in «Kairo»

In «Kairo» erforschen wir mysteriöse, sakral erscheinende Beton-Strukturen. Das Spiel erzählt seine Geschichte ohne Worte und belohnt geduldiges Erkunden.

«Kairo» redet nicht mit mir. Es verlässt sich auf Hieroglyphen, Architektur, bedrohliches Rauschen und Grundfarben, um seine Geschichte zu erzählen.

Maschinen

Ich bin allein und einsam. Ich erforsche die sakralen Beton-Strukturen. Ich versuche, die mysteriösen Maschinen zu verstehen. Sind sie uralt? Sind sie ausserirdisch? Sind sie magisch? Wo sind sie? Nur eines ist klar: Ich bin klein und unbedeutend.

Zwar gibt es keine Gefahr. Falle ich von einer Wand, fängt mich ein Licht-Netz auf und setzt mich zurück. Dennoch ist die Stimmung bedrückend, bedrohlich. Dennoch ist mir klar, dass ich eine wichtige Aufgabe zu erfüllen habe. Bloss welche?

Ein Freund von mir hat einmal gesagt: «Spiele mit uralten Maschinen sind immer gut!» Auf diesen Reflex setzt «Kairo», und so begreife ich es zunächst als Rätselspiel. Einen Raum betreten, die richtigen Schalter finden, Maschinen in Gang setzen, Türen öffnen, den nächsten Raum betreten.

Doch was bedeuten diese flimmernden Bilder zerfallener Gebäude? Was rauscht da? Wozu soll ich diese Maschinen überhaupt in Gang setzen?

Symbole

In Madrid im Reina Sofía vor einigen Jahren überhörte ich eine junge Museumsführerin, wie sie die Touristen vor einem Miró beruhigte: «It-a doesn't mean any-ting! It'sa just symbols!»

«Kairo» macht es mir nicht so leicht. Jeder Gegenstand, jedes in Stein gehauene Symbol, jede Maschine dröhnt bedeutungsschwanger: «It'sa symbols! It-a means every-ting!»

Und ich beginne zu verstehen: Nicht um die einzelnen Rätselchen geht es in «Kairo». Sie sind nur da, damit ich über etwas stolpere, damit ich mir Zeit nehme, jeden Winkel erkunde, damit ich Geduld habe. Wie ein Emo-Archäologe soll ich traurig Schicht um Schicht abtragen, stetig die Geschichte ausgraben, die Bedeutung von «Kairo» erahnen.

Hoffnung

Trotz der Kälte und Unmenschlichkeit der Strukturen, den blanken Betonblöcken, der Dunkelheit um mich herum: Ich bin zuversichtlich. Licht – Wasser – Energie: Mit jedem neuen Strahl, mit jeder Maschine, die zum Leben erwacht, mit jedem hellen Gongschlag, der mir eine Lösung signalisiert, kommt die Hoffnung zurück.

«Kairo» lebt von der Atmosphäre. Die Architektur ist schlicht, aber monumental. Der Soundtrack mit viel Rauschen und riesigen Echos macht die Welt ganz gross und mich ganz klein. Und «Kairo» ist ein echtes Autoren-Spiel – Designer Richard Perrin hatte lediglich bei der Musik Unterstützung. Perrin kennt seine Limiten und Stärken genau, und er setzt sie geschickt ein.

So ist «Kairo» ein sehr persönliches Spiel. Und es ist expressiv – Perrin möchte mich nicht einfach unterhalten, er möchte mir etwas mitteilen. Wenn ich mich etwas anstrenge, höre ich es.

Auch wenn er neben mir sitzt, ohne etwas zu sagen.

«Kairo» ist für PC, Mac und Linux, zum Download direkt bei Locked Door Puzzle oder über Steam. Ausserdem für iOS oder Android. Den Soundtrack gibt es hier. Wer hängen bleibt, findet hier Lösungen. Und wer eine ausgefeilte Theorie lesen möchte, was Kairo bedeutet, tut das hier. Aber bitte, bitte erst spielen, dann lesen. Das Haikiew ist hier.