«Super Mario 3D World» spielt grossartig, auf sicher

Es tut mir leid, «Super Mario 3D World». Es bist nicht du, ich bin es. Du bist toll! Aber ich kann dich einfach nicht so lieben, wie du es verdienst.

«Super Mario 3D World» ist objektiv ein grossartiges Spiel. Es ist Handwerkskunst auf höchstem Niveau. Es macht uneingeschränkt Spass. Und doch muss ich gestehen, dass ich etwas enttäuscht bin.

Doch lasst mich mit dem Lobpreisen beginnen! «Super Mario 3D World» setzt auf die gewohnte Mechanik: Levels überstehen, indem wir am Ende auf die Fahnenstange springen; und optional in diesen Levels drei versteckte Sterne finden.

Verschwenderisches Feuerwerk der Kreativität

Die Levels sind meist wunderbar kurz; jedenfalls dann, wenn wir nur heil durchkommen wollen. Doch wie alle Mario-Spieler wissen, geht es natürlich nicht ums Durchkommen allein: Wir steigen immer wieder in einen Level ein, um alle Sterne zu finden, um versteckte Stempel oder andere Geheimnisse zu entdecken.

Goombas in rot-weissen Schwimmringen.

Bildlegende: Der Goomba links chillt total. Das amüsiert mich ausserordentlich. Nintendo

Oder einfach, um in der «Grandiosen Grassteppe» noch einmal die beste verdammte Posaune zu hören, die je in einem Spiel posaunte. Zu der die Büsche im Takt mitwippen.

Oder Goombas anschauen, die in rotweissen Schwimmringen in einer Lagune chillen oder in einem Schlittschuh über Eis flitzen – was Eurogamer «the single funniest thing you will see this year» findet.

Welche Kreativität sich hier entfaltet! In jedem, wirklich jedem Level steckt eine neue Idee. Mal sind es Irokesenfrisur-Schildkröten, die Stachelwalzen werfen; mal springen wir durch ein riesiges Uhrwerk aus Keksen; verscheuchen Gespenster mit einer Taschenlampe; schwimmen unter Hammerhaien durch. Bei keinem einzigen Level haben wir das Gefühl, das sei jetzt einfach der gleiche in grün. Nintendo brennt ein Feuerwerk ab, verschwendet freigiebig Idee um Idee.

Als Spielfigur haben wir nicht nur Mario zur Verfügung, sondern auch Luigi, Prinzessin Peach und Toad. Jede dieser Figuren spielt sich etwas anders: Peach kann nach einem Sprung ein klein wenig in der Luft schweben; der kleine Toad ist der schnellste; Luigi springt am höchsten. Je nach Level kann die richtige Wahl ein kleiner Vorteil sein.

Miau!

Wie üblich gibt es neue Kostüme, die uns Fähigkeiten verleihen. Das neue Katzenkostüm ist nicht nur phänomenal niedlich animiert. Sondern wir können in Katzengestalt Wände hochklettern. Damit erschliessen sich in den Levels Bereiche, die mit Springen allein unzugänglich sind und die wir deshalb schlicht ignoriert hätten. Das Kostüm erweitert unseren Bewegungsradius in die Höhe – ich würde behaupten, dass kaum ein Kostüm in jüngerer Mario-Geschichte das Spielgefühl so drastisch verändert hat.

Peach, Mario, Luigi im neuen Katzenkostüm.

Bildlegende: Grün ist meine Lieblingsfarbe. Grünes Katzenkostüm: Jööö3000™. Nintendo

Ausser vielleicht die andere neue Spezialfähigkeit: Die Kirsche. Heben wir sie auf, gibt sie uns eine Spielfigur mehr. Aus einem Mario werden zwei, drei oder gar vier, die wir gleichzeitig steuern. Und zwar in dem Kostüm, das wir beim Essen der Kirsche anhatten. Vierfacher Feuerball!

Ich erlebte dabei ähnliches wie beim Multi-Ball eines Flimmerkastens: Zwar habe ich mehr Spielfiguren und damit mehr Chancen, am Leben zu bleiben. Doch weil ich auf mehrere Figuren gleichzeitig schaue, verliere ich mich leichter im Chaos. Ich habe die Kirsche darum eher erschwerend als erleichternd empfunden. Wir werden allerdings bald fantastische Videos von Spielern sehen, die keine Mühe haben, vier Marios gleichzeitig zu steuern und damit Grossartiges anstellen.

Gameplay-Prototypen

Strukturell gibt es ebenfalls Neues. Kleine Level spielen wir mit Kapitän Toad. Und der kann – Sakrileg! – nicht springen. Stattdessen sehen wir den ganzen Level, ein übersichtlicher Würfel, den wir drehen und wenden können, um versteckte Durchgänge zu finden. Ein kleines Diorama.

Der doppelte Mario gegen Tröten-Soldaten.

Bildlegende: Ich sehe doppelt! Kirsche, oder wohl eher Kirschstängeli? Nintendo

Dazu gibt es ab und zu ein «Rätselhaus». Dort können wir einige Sterne ergattern, wenn wir kleine Aufgaben in Folge lösen. Die haben pro Haus ein gemeinsames Thema, beispielsweise einen Ball auf ein Ziel zu werfen. Um alle fünf Sterne zu erhalten, müssen wir alle fünf Aufgaben in Folge erfolgreich absolvieren; wenn wir scheitern, geht es wieder bei der ersten los. Die Rätsel sind ultrakurz, ein Zeitlimit von einigen Sekunden läuft dabei ab. Also sozusagen eine Grundidee, eine spielmechanische Aktion, die in verschiedenen Varianten durchkonjugiert wird.

Diese beiden neuen Spielvarianten erinnern an Gameplay-Prototypen. Eine kleine Idee, kurz schnurz abgefeuert, auf zur nächsten. Sie unterstreichen die verschwenderische Kreativität, mit der Nintendo Levels gestaltet.

Wenn ich auf einer rein mechanischen Ebene überhaupt etwas zu kritisieren habe, dann dies: Die Levels sind visuell und auch im Aufbau an die «New Super Mario Bros.»-Reihe angelehnt. Doch weil wir uns nicht nur in zwei Dimensionen, sondern in drei bewegen, ist die Orientierung deutlich schwieriger. Mir ist es etwas zu oft passiert, dass ich auf etwas springen wollte, es aber verfehlte, weil es in Wahrheit weiter vorn oder hinten war, als ich beim Absprung dachte. Das passiert besonders dann, wenn das Chaos gross ist und wir den Schatten unserer Spielfigur am Boden nicht sehen.

Vier Spieler, vier Figuren: Mario, Luigi, Peach, Toad.

Bildlegende: Zu viert unterwegs. Hier ausnahmsweise ohne Chaos. Nintendo

Nach 175 entdeckten Sternen muss ich ausserdem sagen, dass es für meinen Geschmack etwas zu viele Levels gab, die Tempo erzwingen. Entweder durch ein hartes Zeitlimit von hundert Sekunden. Oder durch etwas, das sich bewegt und uns vor sich hertreibt: ein Floss oder Zug oder schwarzer Nebel. In diesen Levels ist Erkunden dann viel schwieriger, was ich vermisse.

Trotzdem ist das eben ein objektiv grossartiges Spiel. Entsprechend wird es von allen Seiten gelobt; Eurogamer beispielsweise habe ich schon lange nicht mehr so jubeln hören.

Müdigkeit

Doch irgendetwas fehlt mir. Das Spiel hat mich nicht so begeistert, wie es eigentlich sollte. Vielleicht bin ich zu müde. Habe ich schon zu viele Mario-Spiele gespielt? Allgemein zu viele Spiele? Ist es einfach zu November, zu Ende Jahr?

Nein, es ist etwas anderes. «New Super Mario Bros.» erschien vor über sieben Jahren. Es war eine zwar neue visuelle Ausrichtung für Marios Welt, doch mechanisch bezog es sich explizit auf den Grossvater des Hüpfspiels, «Super Mario Bros.». Es war in seiner Retro-Ausrichtung naturgemäss rückwärtsgewandt.

Gleiche Grundstruktur

Dann erschien «Super Mario Galaxy» und war eine Offenbarung – es war seit langem endlich ein Versuch, Mario neu zu interpretieren. Doch das war vor sechs Jahren. Seither gab es zwar einen Nachfolger, doch daneben rollte die «New Super Mario Bros.»-Welle unaufhaltsam weiter: «New Super Mario Bros. Wii», «New Super Mario Bros. 2», «New Super Mario Bros. U».

Grüne Froschwesen mit Irokesenfrisur werfen Stachelwalzen.

Bildlegende: Die gleiche Frisur wie FCZ-Schönbächler! Nintendo

Mit «Super Mario 3D Land» vor zwei Jahren für die damals neue 3DS wagte man eine sanften Schritt weg von der Vorlage: Mario konnte sich wieder in drei Dimensionen bewegen, statt nur in zwei wie in der «New Super Mario Bros.»-Reihe. Abgesehen davon blieben Aufbau und Dramaturgie aber sehr, sehr ähnlich.

Und nun holt man das «Super Mario 3D»-Konzept auf die Wii U, aus «Land» wird «World». Es ist ein Derivat eines Derivates: Es gibt neue Kostüme und tonnenweise grandiose neue Levels; aber die Grundstruktur bleibt die gleiche.

Das finde ich schade. Sechs Jahre nach «Super Mario Galaxy» wäre für mich die Zeit reif gewesen, einen radikaleren Schritt zu wagen.

Zeit für eine grosse Geste?

Das ist natürlich unfair: «Super Mario 3D Land» ist gegenüber so vielen anderen Spielen einfach objektiv besser. Es ist meisterliches Handwerk, es sprudelt vor neuen Ideen. Aber all diese Ideen beschränken sich auf das Kleine, auf die einzelne Mechanik in einem Level. Im Grossen dagegen klammert sich Nintendo an die bewährte Struktur und bleibt im Retrozug sitzen.

«Super Mario Galaxy» entstand aus einer Position der Stärke. Nintendo dominierte damals mit der DS und der Wii den Konsolenmarkt. Man konnte etwas riskieren. Das ist heute anders: Die Wii U läuft lange nicht so gut, wie sich das Nintendo erhofft hatte; die Smartphones setzen den tragbaren Konsolen zu; dass Nintendo Verluste melden musste, dass sie sich früh gezwungen sahen, Preise zu senken – das alles signalisiert Notfall.

Und natürlich könnte man sagen, das ist genau der richtige Moment für eine grosse Geste, für einen radikalen Schnitt. Aber das ist hoffnungslos romantisch und naiv.

Dass ich jetzt trotzdem enttäuscht bin, ist also mein Problem. Wenn ihr dieses Problem nicht habt, wird euch «Super Mario 3D World» grandios unterhalten.

«Super Mario 3D World» ist für die Wii U. Das Haikiew ist hier.

Ist es Zeit für einen neuen Mario?

  • Ist es Zeit für einen neuen Mario?

    Hättet ihr euch von «Super Mario 3D World» eine ganz neue Grundstruktur erhofft?

  • Ja, sechs Jahre nach «Super Mario Galaxy» ist es Zeit.

    33.56%
  • Nein, ein neues Katzenkostüm reicht mir völlig.

    55.7%
  • Dieser Klempner lässt mich kalt.

    10.74%
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