Hausfrauen, Babies, blutige Nasen: Unterwegs im einsamen Internet

Das Internet 2016: Voll mit bunten Bildern von schönen Menschen, perfekt inszeniert und vermarktet. Doch unter all dem schönen Schein gibt es ein anderes Internet: Roh und ungefiltert. Ein wenig schäbig zwar, aber authentisch. Ein Abstecher zu den schlecht ausgeleuchteten Ecken des WWW.

Ein Mann macht ein Gesicht als hätte er auf eine Zitrone gebissen.

Bildlegende: dsc_0001.jpg: Wie wenn er auf eine Zitrone gebissen hätte. Internet

Ich fahre meinen Computer hoch. Ich tippe «dsc_0001.jpg» in die Suchbox bei Google – einen typischen Dateinamen für Fotos. Ich schaue mir die Bildresultate an: Ein Mann mit Perücke (?) verzieht das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Ein Baby schaut fragend in die Kamera. Hausfrauen in Unterwäsche.

Ich ändere meine Suche zu «pict0001.jpg». Neue Bilder erscheinen: eine Urlauberin im Swimmingpool. Eine Mutter im Krankenbett mit Neugeborenem im Arm. Ein junger Mann mit blutiger Nase, der frech in die Kamera schaut (siehe Bildergalerie unten).

Eine Frau steht in einem Badezimmer.

Bildlegende: imgp0001.jpg: Ein Abstecher in die schlecht ausgeleuchteten Ecken des Internets. Internet

Noch ein Versuch, diesmal mit «imgp0001.jpg»: Eine junge Frau steht in einem schlecht ausgeleuchteten Badezimmer. Ein Foto von der Chilbi in Niderbuchsiten. Ein Mann hat seinen Penis auf einen Baumstrunk gelegt und hält ein Beil darüber. Links im Bild ist mit oranger Schrift das Datum 22/08/2008 eingebrannt.

Willkommen im einsamen Internet. Bei den Bildern, die sonst kaum jemand sieht. Bei den Videos, die keine Zuschauer haben und den Tweets, die niemand liest.

Warten auf die Explosion, die nicht kommt

Der Weg ins einsame Internet ist leicht. Wir haben ihn hier beschrieben. Einmal dort angekommen, fällt es aber schwer, diesen seltsamen Ort wieder zu verlassen. Denn hinter jedem amateurhaften Foto wartet noch ein weiteres, vielleicht noch verrückteres. Zu jedem obskuren Video schlägt Youtube ein Dutzend andere vor. Vermutlich wieder hochkant gefilmt, wieder verwackelt und in ihrer amateurhaften Art zu bizarr, um sie nicht mit staunendem Blick bis ans Ende zu schauen.

Eine Lok wird angedockt.

Bildlegende: MOV_2203: Eine Lok wird angedockt. Maxx Hsu/Youtube

Zum Beispiel das Werk mit dem schlichten Namen «MOV_2203.mp4», das ein gewisser Maxx Hsu vor dreieinhalb Jahren bei Youtube hochgeladen hat und das bisher dreimal angeschaut wurde. Es zeigt während 1 Minute und 37 Sekunden wie eine Lokomotive in einem asiatischen Bahnhof an einen Zug gekoppelt wird.

Mehr passiert nicht – auch wenn der auf Spektakel konditionierte Internetbenutzer bis zum Ende auf ein verheerendes Unglück oder doch wenigstens eine kleine Explosion hofft.

Eine Szene aus einem osteuropäischen Ballettstudio.

Bildlegende: MOV 2202: Alltag in einer osteuropäischen Ballettschule. Olga Ludilova/Youtube

Oder die Youtube-Videos von Olga Ludilova, die das Training in einer osteuropäischen Ballettschule zeigen. Die Videos tragen Titel wie «MOV 1822» oder «Mov 1744» und dauern kaum je länger als eine Minute. Keines hat mehr als eine Handvoll Views, fast alle sind durch die Fensterscheibe des Ballettstudios gefilmt, so dass sich die Filmende selbst im Glas spiegelt.

Nur das Video «MOV 2585» unterscheidet sich von den anderen: Es zeigt während 9 Sekunden ein kleines Mädchen bei einer Zahnarztbehandlung.

Das einsame Internet ist riesig

In seinem Text über das einsame Internet («The Lonely Web: How the weird, unfiltered internet became a media goldmine») schreibt Joe Veix, dass all diese Bilder und Videos eine gemeinsame Ästhetik haben. Allerdings eine, die sich nur ex negativo definieren lässt, also dadurch, was sie nicht ist: Nicht professionell, nicht durchdacht, nicht mit gut suchbaren Schlagworten betitelt.

Viele dieser Inhalte scheinen auch gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, so profan oder zuweilen intim sind sie. Wer sie trotzdem schaut, verspürt dabei einen voyeuristischen Kitzel, fast als würde er heimlich durchs Wohnzimmerfenster den Alltag fremder Menschen beobachten. Oder als hätte er im Brockenhaus ein Fotoalbum gefunden, in dem die Fotos der Vorbesitzer noch eingeklebt sind.

Wie gross dieses einsame Internet ist, weiss niemand. Veix zitiert aber eine Studie aus dem Jahr 2009, laut der gut die Hälfte aller Youtube-Videos weniger als 500 Mal angeschaut wurden. Das machte schon damals viele Millionen Videos aus. Und weil die Zahl der hochgeladenen Videos in den letzten Jahren noch einmal sprunghaft gestiegen ist, wird es heute noch viel mehr Videos geben, die kaum jemand sieht.

Wie wir sind, nicht wie wir gerne wären

Dass das einsame Internet immer wie grösser wird, liegt in der Logik der sozialen Medien begründet. Plattformen wie Youtube, Facebook, Instagram, Flickr oder Twitter leben vom Engagement ihrer Benutzer und von den Daten, die diese bei ihnen hinterlassen. Darum haben sie ein Interesse daran, dass jeden Tag so viele neue Bilder, Videos und Tweets wie möglich veröffentlicht werden.

Gleichzeitig müssen diese Plattformen dafür sorgen, dass ihre Nutzer nicht von einem Strom uninteressanter Posts überschwemmt werden. Um das zu verhindern werden in Nachrichten-Feeds und Video-Vorschlägen nur die wichtigsten Beiträge angezeigt – der Rest wird von Algorithmen aussortiert und verschwindet in den Untiefen des einsamen Internets.

Oberflächlich betrachtet kann einem das Internet 2016 deshalb vorkommen wie ein einziger Tummelplatz eitler Selbstdarsteller, die ihre Bilder und Videos bis ins Detail inszenieren und für möglichst viele Klicks keine Mühen scheuen.

Doch der Eindruck täuscht: Unter all den perfekt gemachten Inhalten schlummern Bilder von Hausfrauen in Unterwäsche, Aufnahmen von Kindern, Autos, Ferienhäusern und Vereinsversammlungen. Sie sind nicht gestellt, nicht aufgehübscht und vielleicht auch gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Sie zeigen die Menschen so, wie sie wirklich sind. Und nicht so, wie sie gerne wären.

Da lang zum einsamen Internet

Ein Wegweiser zeigt zum einsamen Internet

SRF

Youtube-Videos ohne Zuschauer. Bilder, nach denen niemand sucht. Musik, die niemand hört. Hier ist der Wegweiser zu den einsamsten Orten des Web.

«Cold Storage»

Cold Storage Data Center in Prineville.

Facebook

Facebook, Youtube und Co. sind sind dazu verdammt, alles zu archivieren – auch Bilder, die niemand mehr anschaut. Um Kosten zu sparen, lassen sich die Internet-Giganten immer neue Tricks einfallen.