Lasst euch diese Daten auf der Zunge zergehen!

Kochen ist voller Sinnlichkeit. Daten sind knochentrocken. Beides miteinander verbinden: Das ist das Konzept hinter «Data Cuisine». Es soll Daten nicht nur zu visualisieren, sondern zum erlebbaren Genuss machen.

Essen tun wir in erster Linie, um satt zu werden. Essen als Medium zu verstehen, mit dem man Information transportieren kann, dieses Konzept ist neuartig. Es stammt von Moritz Stefaner, Experte für Datenvisualisierung, und der Kuratorin Susannne Jaschko. Zusammen gaben sie ihrer Idee den Namen Data Cuisine und veranstalten seither in unregelmässigen Abständen Workshops in Basel, Barcelona, Helsinki und weiteren Städten in Europa.

In diesen Workshops denken sich die Teilnehmer Gerichte aus, deren Zusammensetzung durch Zahlen aus Statistiken definiert wird. So könnte zum Beispiel die Vertretung verschiedener Sprachen in einem Land die Mengen an Schlagrahm und Tomatenstücken auf einer Linsensuppe bestimmen.

Emotionale Erinnerung ist stärker

Das Ziel dieser Workshops ist laut Moritz Stefaner, zusammen mit den Teilnehmern ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen. Gerichte zu entwerfen, die sich auf lokale Daten und die lokale Küche stützen. Beim Konsumieren eines Gerichts manifestierten sich diese Daten und blieben als sinnliche und emotionale Erinnerung haften.

«  Essen, Ausprobieren, Anrichten, Servieren, das gehört eigentlich alles zu diesem Erlebnis, das diese abstrakte Welt der Daten und diese super-sinnliche Welt des Essens zusammenbringt. »

Moritz Stefaner
Datenvisualisierer

Selbstversuch: Wir essen das kenianische Internet

Wir wagen uns an unser erstes eigenes Daten-Rezept und befolgen dabei Susanne Jaschkos ersten Tipp, nämlich einfach anzufangen. Zumindest was die Rezept-Auswahl angeht: Es gibt belegte Toastscheiben.

Als Datengrundlage dient uns der Jahresbericht der UNO zum Stand der Internet-Anbindung der einzelnen Nationen. Wir vergleichen die Schweiz, Finnland, Kenia und Indien miteinander, indem wir vier entsprechende Toastscheiben belegen.

Eine Toastscheibe mit wenig Belag.

Bildlegende: Indien: Nur 18% sind online, sagt uns die Lyonerwurst. SRF

Wurst = Online Bevölkerung

Als erstes legen wir eine Scheibe Lyoner-Wurst auf den Toast. Sie steht in unserem Rezept für den Anteil der Bevölkerung, der ans Internet angeschlossen ist. In Indien sind das nur 18 Prozent.
Das fehlende Stück Lyoner sind also die übrigen 82 Prozent, die in diesem grossen Land offline sind.

Toastscheibe mit viel Mayonnaise

Bildlegende: Schweiz: Die meiste Mayo. Keiner hat schnelleres Festnetz-Internet. SRF

Mayonnaise = Internet Geschwindigkeit

In Sachen Tempo liegt die Schweiz in diesem Vergleich knapp vor Finnland an der Spitze. Zumindest was das Festnetz-Internet betrifft. Im Durchschnitt stehen der Internet-Bevölkerung in der Schweiz gut 16 Megabit pro Sekunde zu Verfügung.
Das gibt den grössten der vier Mayonnaise-Kleckse.

Toastscheibe mit einer ganzen Gurke

Bildlegende: Finnland hat die meisten mobilen Breitband-Abos pro Kopf. => Eine ganze Gurke. SRF

Gurke = Mobile Breitband-Anschlüsse

In Finnland ist das mobile Internet nicht nur mit Abstand am günstigsten, auch die Anzahl an mobilen Breitband-Abos ist dementsprechend gross. 138 aktive Daten-Abos kommen dort auf 100 Einwohner. Zum Vergleich: In der Schweiz kommen auf 100 Einwohner nur gut halb so viele Datenabos, nämlich 77.
Auf unserem finnischen Toast gibt das als Referenz eine ganze Gurke.

Toastscheibe mit vielen Salzkörnern

Bildlegende: Kenia: gesalzene Rechnung. 50 mal so teuer ist das mobile Internet im Vergleich mit Finnland. SRF

Salz = So viel kostet der mobile Internetzugang

Der UNO-Report sagt auch, was das mobile Internet in den verschiedenen Ländern in Bezug auf das Durchschnitts-Einkommen kostet. Während der Wert in Finnland bei 0.1 Prozent liegt, muss jemand in Kenya ganze fünf Prozent seines Einkommens dafür aufwerfen. Um das zu zeigen, haben wir das finnische Brot mit einem Salzkorn gewürzt, das kenianische mit deren 50. Es war erwartungsgemäss auch eindeutig zu salzig ...

Was bleibt?

In unserer Welt, in der Daten immer wichtiger und gleichzeitig immer abstrakter werden, kann so ein Experiment helfen, den Daten eine viel konkretere Aussage zu geben, als wenn sie nur auf einem Blatt Papier stehen. Das gemeinsame Entwickeln eines solchen Daten-Gerichts soll zudem helfen, sich mit anderen Menschen zusammen über die Aussage dieser Daten Gedanken zu machen. Ein Experiment, das sich lohnt einzugehen, wie Susanne Jaschko und Moritz Stefaner überzeugt sind.