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Digital Streit um die Musik-Flatrate

Die Schweiz als Pionier in Sachen digitale Musik: Der «Futurist» Gerd Leonhard will mit einer Flatrate für Musik das Schweizer Urheberrecht ins 21. Jahrhundert bringen. Kritiker sprechen von einer «Schnapsidee». In einer Diskussionsveranstaltung trafen nun beide Seiten aufeinander.

Die Idee der Musik-Flatrate sei eine «Win-Win-Win-Situation», verspricht Zukunftsforscher Gerd Leonhard, Link öffnet in einem neuen Fenster: Der Musikhörer habe ohne zu bezahlen und ohne schlechtes Gewissen Zugriff auf Millionen von Songs. Die Musikindustrie könne sich über eine Verdoppelung ihrer Umsätze freuen. Und die Unternehmen, die ihren Kunden Musik zum Flatrate-Tarif anbieten, würden die Kosten für ein solches Angebot problemlos wieder einfahren.

Konkret sieht Leonhards Modell folgendermassen aus: Schweizer Musikschaffende und ihre Rechtevertreter einigen sich darauf, ihre Musik künftig unter einer besonderen Lizenz abzugeben, die eine Flatrate beinhaltet. Unternehmen – zum Beispiel Telekomunternehmen wie die Swisscom – kaufen diese Lizenz zum vom Leonhard vorgeschlagenen Tarif von 1 Franken pro Nutzer und Woche. Diese Gebühr können sie an ihre Kunden weitergeben oder selbst übernehmen.

Verdoppelung des Umsatzes für die Musikindustrie

Leonhard rechnet mit insgesamt gut 3 Millionen potenziellen Kunden eines solchen Angebots in der Schweiz – macht also 3 Millionen Franken in der Woche beziehungsweise 156 Millionen Franken im Jahr, die so in die Taschen von Schweizer Musikern und der Schweizer Musikindustrie fliessen würden. Immerhin eine Verdoppelung des heute erzielten Umsatzes.

Doch auch für die Unternehmen, die eine solche Lizenz kaufen, soll sich der Aufwand lohnen: Die Swisscom etwa kann ein Handy-Abonnement herausgeben, bei dem die Musik-Flatrate inbegriffen ist. Kaufen 1 Million Leute dieses Abo, kostet das die Swisscom (beim vorgeschlagenen Tarif von 1 Franken pro Nutzer und Woche) 52 Millionen Franken pro Jahr – ein Beitrag, den sie mit Zusatzdiensten wie Live-Konzerten oder Musik in hoher Tonqualität gegen Aufpreis wieder einspielen oder dank dem Alleinstellungsmerkmal Flatrate bei der Werbung sparen können.

Keine Gedanken an die Zukunft

Also eine Situation, über die sich eigentlich alle freuen müssten. Trotzdem war am Diskussionsanlass in der Roten Fabrik, Link öffnet in einem neuen Fenster in Zürich zum Thema Musik-Flatrate wenig Enthusiasmus auf Seiten der Musiker und ihrer Rechtevertreter zu spüren. Reto Burrell etwa, Präsident des Vereins Musikschaffende Schweiz, klinkte sich aus der Diskussion aus mit den Worten, er lebe lieber in der Gegenwart als sich über zukünftige Modelle des Musikgeschäfts Gedanken zu machen.

Es gab auch fundiertere Kritik: Poto Wegener von der Gesellschaft für Leistungsschutzreche Swissperform bemerkte, es mache wenig Sinn, ein Modell zu diskutieren, wenn diejenigen, welche dieses System finanzieren sollen, gar nicht mitdiskutierten. Tatsächlich war weder unter den Teilnehmern der Diskussion noch im Publikum ein Vertreter etwa eines Telekomunternehmens zu sehen.

Diagnose: Marktversagen

Für Gerd Leonhard ist das wenig verwunderlich: Die Musikindustrie habe sich in vergangenen Verhandlungen derart unnachgiebig gezeigt, dass die Unternehmen vor Verhandlungen und Abkommen mit ihr zurückschreckten. Er spricht von einem Marktversagen und meint, wenn sich beide Seiten nicht freiwillig fänden, müsse der Staat Druck aufsetzen und die Flatrate forcieren. Sei das der Fall, könne ein solches Modell schon in drei Jahren in der Schweiz Wirklichkeit werden.

Das klingt reichlich optimistisch – doch immer noch vernünftiger, als dem Problem von Downloads aus illegaler Quelle (die in der Schweiz legal sind) mit strengerer Überwachung oder gar Kriminalisierung der Internet-Nutzer Herr zu werden. Dass das Prinzip Flatrate funktionieren kann zeigt ein Dienst wie Spotify, der seinen Nutzern gegen Abonnementsgebühr Zugriff auf Millionen von Musiktiteln gibt – wenn auch unter anderen Voraussetzung und ohne dass Musiker und Musikindustrie ihre Werke unter einer neuen Lizenz abgeben müssen.

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