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Musik-Blog Verena, ich fühle dich!

Es geschieht selten, dass mich ein Album fassungslos und aufgewühlt zurücklässt. Die Zürcher Musikerin Verena von Horsten verarbeitet auf ihrem zweiten Album «Alien Angel Super Death» den Suizid ihres Bruders - und ist dabei so ehrlich, dass es weh tut.

Verena von Horsten

Eigentlich wollte ich ja bloss einige Höreindrücke des neuen Albums von Verena von Horsten sammeln. Exakt 47 Minuten und 28 Sekunden später sitze ich sprachlos in meinem Bürostuhl. Aufgewühlt, fassunglos - ich brauche einige Minuten Auszeit.

Ein Seelen-Strip dieser Art kann fürchterlich nach hinten losgehen und zu pathetischer Effekthascherei verkommen. Diese Gefahr besteht bei Verena von Horsten aber nie.

Es ist die schonungslose, offene Konfrontation mit Verenas Abgründen und ihren Gefühlslagen, welche mich aufwühlt und mir in Sekundenschnelle Bilder meiner eigenen Lebensgeschichte projiziert. Jener Moment, in welchem ich zum Vollwaisen werde. Jener Moment, in welchem ich vom Freitod eines meiner besten Freunde erfahre. Es sind Bilder, die weh tun. Sofort fühle ich mich mit dieser Musikerin verbunden. Verena, die den Suizid ihres Bruders Hakon verarbeitet. Ihre Ängste. Ihre dunklen Gedanken.

Ein aufwühlendes Stück Musik

Ein Seelen-Strip dieser Art kann fürchterlich nach hinten losgehen und zu pathetischer Effekthascherei verkommen. Diese Gefahr besteht bei Verena von Horsten aber nie. Sie pfeift auf gängiges Songwriter-Handwerk und lässt auf «Alien Angel Super Death» regelrecht die Höllenhunde von der Leine. Es ist die bedrohliche Atmosphäre, welche mich packt. Oder solche Textzeilen: «My life - it's the pain that grows inside of us (...) I don't want to live this life anymore». Bei anderen wirken sie lächerlich. Ihr aber nehme ich jedes einzelne Wort ab.

Diese Platte macht das, was ich in Popmusik oft vermisse: Sie ist so ehrlich, dass es weh tut!

Elektronischer Pop, wilder Rock, hymnische Trip-Hop-Anleihen - und alles passt perfekt zusammen. Die Songs greifen wie Zähne eines grossen Zahnrads ineinander und lassen mich nach 47 Minuten und 28 Sekunden berührt, gelöst und erschöpft zurück. Dieses Album ist ein unangenehmes, forderndes, aber wunderbar spektakuläres Erlebnis. Es macht das, was ich in Popmusik oft vermisse: Sie ist so ehrlich, dass es weh tut!

Es wird kein einfacher Weg

Damit wende ich mich direkt an dich, Verena. Danke für dieses unglaublich mutige Album. Danke für Musik, welche weh tut, aufwühlt, fasziniert und mich am Ende überraschenderweise doch nicht traurig zurücklässt.

Eines ist sicher: Du wirst Menschen berühren. Aber auch vor den Kopf stossen und wütend machen. Denn sie mögen es nicht, wenn man ihnen die eigenen Probleme vor die Füsse legt. Gerade dort, wo es so weh tun kann. Ich bin überzeugt, dass du die Stärke hast, Angriffe abprallen zu lassen. Deine Wut, deinen Schmerz, deine Unsicherheiten, deine Ängste - alles hast du in dieses Album gepackt. Und damit «Alien Angel Super Death» zum mutigsten und für mich besten Schweizer Album des Jahres gemacht. Danke, Verena.