Tschüss, Musigheftli?

Sie waren Meinungsmacher, Trendkatalisatoren, Kaufempfehlung und Pausenthema: Musikmagazine. Wie die ganze Medienbranche spüren auch Rolling Stone, Visions und Co. den digitalen Wandel. Kann das klassische «Musigheftli» überleben?

Wie lange bleiben sie uns noch erhalten?

Bildlegende: Musikmagazine Wie lange bleiben sie uns noch erhalten? SRF

Früher wartete man vor dem Kiosk, bis die neuste Ausgabe erschien. Oder auf den Briefträger, der das lang ersehnte Heft nach Hause brachte. Musikmagazine liessen einst den Puls der Musikfans in die Höhe schnellen.

Heute geht es ihnen aber wie allen anderen Printmedien: Die Zahlen sinken, die Redaktionen schrumpfen, werden zusammen gelegt oder verschieben sich in den Online-Bereich. Die letzten Jahre haben gezeigt: Das «Musigheftli» verliert nicht nur an Lesern und Leserinnen, sondern auch an Relevanz.

Mit nackter Madonna und den Schweizern Yello auf der Front.

Bildlegende: Musik Express 1985 Mit nackter Madonna und den Schweizern Yello auf der Front. musikexpress

Lieber auf Pitchfork als im Rolling Stone

Kam früher eine Plattenkritik im Rolling Stone einem Ritterschlag gleich, ist es heute eine Besprechung auf Online-Magazinen wie Pitchfork. Der Grund liegt nahe: Auch wenn viele Musikblogs der journalistischen Qualität renommierter Musikmagazine nicht standhalten können, sind sie aktueller, schneller und bieten Zusatzcontent wie Bildergalerien, Videos und weiterführende Links. Schlagkräftige Argumente, besonders bei der Internet-Generation.

Auf diese Entwicklung reagieren Magazine wie das in den USA legendäre Spin Magazine, welches seit 2012 nur noch online aktiv ist.

Die neuen Meinungsmacher

Die Webzines und Musikblogs sind die neuen Meinungsmacher. Sie erreichen ein viel grösseres Publikum. Songpremieren finden nicht mehr auf einer Mix-CD als Heftbeilage statt, sondern als eingebettetes YouTube-Video oder gleich als Download-Link. Über Musik wird nicht nur gelesen, hier wird sie direkt auch gehört.

Auch sind Webzines und Blogs mit ihren vielen freischaffenden Mitarbeitern und der direkten Interaktivität mit ihrem Publikum viel eher fähig, die massive Auswahl an neuer Musik zu bewältigen. Auch hier (noch) oft auf Kosten der Qualität – aber der Faktor «schneller erhältlich, schneller zugänglich und multimedial» zählt bei vielen Musikfans mehr als die journalistische Qualität.

Das Rolling Stone Magazine 1978

Bildlegende: Das Rolling Stone Magazine 1978 Rollingstone.com

Fokus auf Spartenpublikum

Laut SRF-London Korrespondent Hanspeter Künzler werden «wohl am Ende jene überleben, welche sich auf ein spezifisches Publikum konzentrieren. Für alle anderen wird es ganz schwierig.»

In England würden die grossen Tageszeitungen den Bedarf der Leute an musikalischem Input bereits abdecken, das restliche Publikum bevorzuge den populistischen New Musical Express. Aber auch dessen Auflage fiel dieses Jahr zum ersten Mal unter die 15'000 Marke. Zu seinen besten Zeiten hatte der traditionsreiche New Musical Express (umgangssprachlich: NME) über 200'000 Leserinnen und Leser.

Wohin geht's?

Die Rolle des Meinungsmachers haben die Musikmagazine verloren. Sie sind ein Luxusgut für Fans. Grosse Vertreter wie das Rolling Stone haben sich erfolgreich als Lifestyle und Popkultur-Magazine im Web positioniert und profitieren von ihrem grossen Namen.

Andere wie das Metal-Hammer, der Musik Express oder auch die Bravo können froh sein, einer grossen Muttergesellschaft wie dem Axel Springer Verlag oder der Bauer Media Group anzugehören. Dadurch sind sie weniger krisenanfällig.

Allen anderen bleibt die Fokussierung auf ein spezifisches Genre-Publikum oder ein innovatives Geschäftsmodell, ansonsten werden sie verschwinden.