Gertrud Fischer: «Als Kind habe ich meine Eltern selten gesehen»

«Nein», antwortet Gertrud Fischer bestimmt, wenn man sie fragt, ob sie eine glückliche Kindheit hatte. Ihre Eltern arbeiteten viel, um ein eigenes Haus finanzieren zu können. Als Kind war Gertrud Fischer deshalb meistens allein zu Hause, musste selbst für sich sorgen und übernahm viele Pflichten.

Gertrud Fischer-Widmer wird am 6. Juni 1928 auf einem Bauernhof in Othmarsingen geboren. Ihre Eltern wohnen auf dem Hof zur Miete. Der Vater arbeitet als Dreher im Elektronikkonzern Brown, Boveri & Co. (BBC) in Baden.

Unzählige einsame Stunden

Die Mutter eilt täglich von einer Arbeit zur nächsten. Sie arbeitet im Service sowie als Putz- und Waschhilfe. Dazwischen übernimmt sie mittags und abends den Barrieredienst beim Bahnübergang zwischen Lenzburg und Othmarsingen. Ohne die viele Arbeit wäre es nicht möglich gewesen, das Eigenheim zu finanzieren.

«  Ich habe früh gelernt Rösti zu machen. »

Gertrud Fischer wächst als Einzelkind auf. Ihre Eltern sieht sie selten. Das Haus ist leer, wenn sie am Morgen aufsteht und sich für die Schule bereit macht. In der Mittagspause kocht sie für sich entweder Suppe oder Ravioli. Nach Schulschluss am Nachmittag ist endlich jemand zu Hause. Der Vater hat nach seiner Frühschicht Feierabend. Seine Tochter bereitet das Abendessen zu. «Ich habe früh gelernt Rösti zu machen», erinnert sich Gertrud Fischer. Die Mutter bekommt sie noch seltener zu Gesicht. Deren Barrieredienst endet erst um 21.30 Uhr.

Berufsausbildung ist kein Thema

Nach der Primarschulzeit beginnt für Gertrud Fischer das Arbeitsleben. Eine Lehre wird nicht in Betracht gezogen. «Mir sind do zum Schaffe», erklärt sie die fehlende Ausbildung. Sie arbeitet als Fabrikarbeiterin sowie im Service. Ihr monatliches Einkommen beträgt 150 Franken. Zu wenig, um ein eigenes Zimmer finanzieren zu können. Deshalb bleibt sie im Elternhaus wohnen.

«  Mir sind eifach do gsi zum Schaffe. »

Als Service-Angestellte im Restaurant Waage in Möriken lernt Gertrud Fischer ihren späteren Ehemann kennen. 1949 wird geheiratet, ein Jahr später kommt Sohn Hanspeter zur Welt. Die junge Mutter nimmt ihr Kind mit zur Arbeit in der Gärtnerei Richner in Othmarsingen.

Schwarz-Weiss Fotografie mit einer Gruppe von Menschen, gekleidet im Stil der 1960-er Jahre.

Bildlegende: Gertrud Fischer mit Tochter Erika beim Kinderfest am Maienumzug. zvg

Schicksalsschläge

Der zweite Sohn stirbt 1953, drei Tage nach seiner Geburt. Tochter Erika kommt 1957 zur Welt. Die vierköpfige Familie bewohnt zwei Zimmer im Haus von Gertruds Eltern.

Nach der unglücklichen Kindheit und Jugend muss Gertrud Fischer als erwachsene Frau etliche Schicksalsschläge ertragen. Erst der frühe Tod ihres zweiten Sohnes, dann im Alter von 49 Jahren der Verlust ihres Ehemannes, der an plötzlichem Herzversagen stirbt. Der angeborene Herzfehler vererbt sich auf die übernächste Generation. Gertrud Fischers Enkel stirbt im Alter von 14 Jahren.

Stricken als Quelle der Freude

Heute lebt die 87-jährige Rentnerin im Alterszentrum Obere Mühle Lenzburg. Erst in ihrem letzten Lebensabschnitt entdeckt Gertrud Fischer Humor und Lebensfreude. Die Gespräche mit dem aufmerksamen Heimleiter tun ihr gut. Sie beginnt zu stricken. Das sorgt für Ablenkung und schenkt Lebensfreude.

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