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Jaroslava Eva Fiala Für die Flucht in die Schweiz haben wir alles aufgegeben

Als Jaroslava Eva Fiala und ihr Mann 1968 ihre Flucht aus Prag in die Schweiz planten, mussten sie sich von allem trennen – sogar von den Eltern. Im Tausch gegen ein Fluchtauto ging auch das Ferienhaus drauf. Eigentlich war die ganze Aktion eine Notlösung, die sich im Endeffekt aber doch bewährte.

Seniorin sitzt in moderner, rot gestalteter Küche.
Legende: In der Schweiz fällt es den Menschen leichter, sie bei ihrem zweiten Namen Eva zu nennen. SRF

Jaroslava Eva Fiala kam im nordöstlich von Prag gelegenen Städtchen Hradec Králové zur Welt. Ihre Eltern führten hier ein kleines Restaurant. Ab dem fünften Schuljahr zog sie mit ihrer Familie in die Hauptstadt und vollendete hier die Matura. Eigentlich wollte sie auch noch studieren. Aufgrund des zweiten Weltkriegs wurden die Hochschulen aber geschlossen, und so begann sie als Büroangestellte zu arbeiten.

Ihren zukünftigen Ehemann lernte sie während eines Ausflugs mit Freunden kennen. Nach fünf Jahren überraschte er sie mit einem Heiratsantrag, von dem sie anfangs wenig begeistert war. Ohne Heirat gab es aber keine Wohnung, und so ging dann alles doch schneller als erwartet.

Nach dem zweiten Weltkrieg kamen die Kommunisten an die Macht, und der Lebensstandard veränderte sich drastisch. Da sie beide nicht politisch aktiv waren, musste ihr Mann um seine Anstellung als Lehrer bangen.

Begehrte Arbeiter aus dem Osten

Der älteste Sohn war ebenfalls unzufrieden mit der politischen Lage und engagierte sich im Prager Frühling von 1968. Er befand sich also in einer heiklen Situation. Sein Arbeitgeber arrangierte für ihn daher einen Messebesuch in Wien, von dem er nicht mehr zurückkehren sollte. Auch dem jüngeren Sohn gelang ein paar Wochen später die Flucht nach Wien. Dort suchten Schweizer Firmen nach Arbeitskräften, die sie über das rote Kreuz in die Schweiz transportierten.

Hier wurden die beiden Söhne mit Kleidern, Essen und einer Wohngelegenheit versorgt und fanden schnell eine gut bezahlte Arbeitsstelle. Als ab Dezember 1968 strengere Grenzkontrollen bei der Ausreise aus der Tschechoslowakei angekündigt wurden, wollten auch Jaroslava Fiala und ihr Mann die Gelegenheit nutzen zu flüchten. Ihre Söhne bereiteten in der Schweiz alles für die Ankunft vor.

Herzlicher Empfang in der Schweiz

Hier wurden Fialas herzlich empfangen und wohnten die ersten paar Wochen beim Chef des ältesten Sohnes in Baden. Fialas Mann fand schnell eine Anstellung als Architekt in der Abteilung Bau des Migros Genossenschaftsbunds. Eine Genossenschaftswohnung der Migros in Schlieren wurde ihr neues Zuhause, bis sie nach seiner Pensionierung nach Zürich umzogen.

Fialas Mann verstarb mit stolzen 93 Jahren. Sie selber ist mittlerweile 99 Jahre alt und wohnt noch immer in ihrer Zürcher Eigentumswohnung. Die Schweizer Doppelbürgerschaft hat sie bereits 1982 angenommen. Nach Tschechien möchte sie nicht mehr zurückkehren. Letztlich durfte sie die Hälfte ihres Lebens in der Schweiz verbringen. Hier leben ihre Kinder und die Enkel, die sich voll und ganz schweizerisch fühlen.

Unaussprechliches Schweizerdeutsch

Einzig das Schweizerdeutsch bereitet Jaroslava Eva Fiala etwas Kopfzerbrechen. Zwar hat sie schon zwei Schweizerdeutsch – Sprachkurse besucht, aber irgendwie will es mit dem Dialekt einfach nicht klappen. Da zieht sie ein gepflegtes Hochdeutsch mit slawischem Akzent vor, was ihr wiederum einen ganz charmanten Touch verschafft.