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Rosmarie Bänninger «Blast mir in die Schuhe, ich gehe nach Neuenburg»

Säuglings- oder Kinder-Krankenschwester wäre Rosmarie Bänninger gerne geworden. Doch für eine Ausbildung fehlte das Geld. Trotzdem hat die 89-Jährige zeitlebens Kinder betreut und erzogen – zuerst viele fremde, später sechs eigene. Ihre erste Erfahrung als Kindermädchen war nicht gerade positiv.

Eine ältere, lachende Frau vor einem Gemälde in Blautönen.
Legende: Rosmarie Bänninger feiert am 13. April 2018 ihren 89. Geburtstag. SRF

Im Welschland sammelt Rosmarie Bänninger als junge Frau erste Erfahrungen in der Betreuung von Kleinkindern. Die Kinder seien herzig gewesen, doch in der Familie habe sie sich nicht wohlgefühlt, meint sie rückblickend. «Eigentlich hätte ich 20 Franken im Monat verdienen sollen, doch den ersten Lohn erhielt ich erst nach drei Monaten.» Ständig habe sie um etwas Geld betteln müssen – und Französisch habe sie auch nicht gelernt, weil die Madame immer deutsch mit ihr gesprochen habe.

Mehr Lohn und nette Menschen

Eines Tages fasst sich die junge Rosmarie ein Herz. Mit der Haltung «Jetzt blast mir in die Schuhe, jetzt gehe ich nach Neuenburg» verlässt sie die ausbeuterische Familie und zieht zu ihrer Cousine, deren Mann als Hotelkoch arbeitet. Als Geschirrwäscherin im Hotel verdient sie mit 120 pro Monat eine verhältnismässig stolze Summe Geld.

Lange bleiben kann sie nicht, also zieht sie weiter in einen anderen Gastronomie-Betrieb. «Das waren ganz liebe Menschen, er Welscher, sie Tessinerin», erzählt sie. Im Restaurant habe sie Kochen gelernt. Sie habe Spezialitäten wie Käsefondue oder Käseschnitten im Eierpfännchen zubereitet.

Das war 1945 – im Jahr als in der ganzen Schweiz die Friedensglocken das Ende des Zweiten Weltkriegs verkündeten. «Daran erinnere ich mich noch gut, als ob es erst gestern gewesen wäre.»

Schuhwichse gegen Läuseplage

Auf Bitten ihrer Mutter kehrt Rosmarie Bänninger nach Hause zurück und leistet Landdienst. «Das war bei einer Familie mit kleinen Buben», erinnert sich die Bernerin. «Den Kleinsten mit dem Kopf voller Läuse habe ich ständig rumgetragen und natürlich auch Läuse bekommen.» Doch gegen diese Plage kannte ihre Mutter ein altbewährtes Rezept: Mit Schuhwichse dem Ungeziefer den Garaus machen. Das hat gewirkt. «Seither hatte ich nie wieder Läuse.»

Von Thun über Basel bis Embrach

Gerne wäre Rosmarie Bänninger Säuglings- und Kinder-Krankenschwester geworden. 3000 Franken hätte die Ausbildung gekostet. Das Geld war leider nicht vorhanden. Als Alternative bietet sich eine Krippenlehre in Thun an. Als die Kinderschwester krankheitshalber ausfällt, kommt die junge Frau unverhofft doch noch in den Genuss der Säuglingspflege. «Drei Wochen lang haben wir die Babys versorgt und hatten grossen Plausch daran.»

In Embrach hat mich mein Mann geangelt.
Autor: Rosmarie Bänninger

Dann vermittelt ihre eine Krippen-Mitarbeiterin eine Stelle in Basel bei einer Arztfamilie. Der Himmel auf Erden für Rosmarie Bänninger. «Ich hatte ein Zimmer mit fliessend Kalt- und Heisswasser, das Kinderzimmer war für mich so gross wie ein Palast und ich durfte mit der Familie essen, ausser sie hatte Besuch.»

Trotzdem zieht es die junge Frau weiter. Zuerst arbeitet sie in Adliswil bei einer Bauernfamilie, später in einer Bäckerei in Embrach. Dort bleibt sie der Liebe wegen hängen. «Dort hat mich mein Mann geangelt.»

Die eigene Familie wächst

Das Paar verlobt sich an Weihnachten 1949 und heiratet zwei Jahre später im Mai. Zwei Buben und vier Mädchen schenkt Rosmarie Bänninger das Leben. 56 Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet, bevor er 2007 nach einem zweiten Herzinfarkt stirbt. Heute lebt die gebürtige Bernerin in Wünnewil im Kanton Freiburg.

Lebensgeschichten auf SRF Musikwelle

In der «Sinerzyt»-Serie «Lebensgeschichten» von SRF Musikwelle blicken Seniorinnen und Senioren zurück in die Vergangenheit. Sie erzählen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – von wichtigen Episoden aus ihrem Leben. Manchmal werden diese nur kurz gestreift, ein anderes Mal detailliert geschildert.