Epilepsie aus dem Internet

Im Internet bewegt sich heute viel mehr als früher – blinkende GIFs und rasant geschnittene Videos zum Beispiel. Für eine kleine Gruppe von Menschen können diese Reize einen epileptischen Anfall auslösen. Manchmal genügt dazu auch schon eine «Pokémon»-Episode.

Ein Bild aus dem Anime «Pokémon».

Bildlegende: Diese kurze Sequenz des Animes «Pokémon» sorgte in Japan Ende der 1990er-Jahre für eine Reihe von epileptischen Anfäl... Youtube

Vor zwei Wochen hat das FBI in den USA John Rayne Rivello festgenommen. Der 29-jährige soll dem Journalisten Kurt Eichenwald per Twitter ein stroboskopartiges GIF geschickt und bei Eichenwald so einen epileptischen Anfall ausgelöst haben. Weil Rivello das in voller Absicht getan habe, erklärte die zuständige Texas Grand Jury das GIF zur tödlichen Waffe.

Ein Bild aus dem Anime «Pokémon».

Bildlegende: Bei «Pokémon» war das rasche Flackern zwischen roten und blauen Bildern für die Anfälle verantwortlich. Youtube

Für eine kleine Gruppe von Menschen können GIFs oder Videoeffekte im Internet tatsächlich gefährlich sein. Denn wer an der sogenannten Fotosensibilität leidet, reagiert auf solche visuellen Reize unter Umständen mit einem epileptischen Anfall.

Betroffen sind aber nur sehr wenige. 5 Prozent der Epilepsiepatienten gelten als fotosensibel. Bei 70 Prozent von ihnen wird auch tatsächlich ein epileptischer Anfall aufgelöst. Auf gut 70'000 Leute, die in der Schweiz mit Epilepsie leben, sind das also etwa 2500 Betroffene.

«  Schon ein Reiz von einer halben Sekunde kann einen epileptischen Anfall auslösen. »

Ian Mothersill
Neurophysiologe

«Meisten schaffen es die Leute noch, sich rechtzeitig von einem solchen Bild abzuwenden», sagt der Neurophysiologe Ian Mothersill. Doch nicht immer klappe das, meint der Spezialist für Fotosensibilität: «In manchen Fällen können sich die Hirnströme aber so schnell verändern, dass ein epileptischer Anfall nicht mehr zu bremsen ist. Das Bild nur eine halbe Sekunde anzuschauen kann da schon reichen.»

Wegen Pokémon im Spital

Dass epileptische Anfälle auch durch flackerndes Licht ausgelöst werden, ist bereits seit der Antike bekannt. Bis ins die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts waren solche Reize aber auf natürliche Quellen wie das Sonnenlicht beschränkt: Etwa wenn es bei der Fahrt durch eine Allee zum schnellen Wechsel zwischen hell und dunkel kam oder wenn sich gleissendes Sonnenlicht auf dem Wasser spiegelte.

Heute gibt es eine Vielzahl technischer Lichtquellen mit solchen Reizeffekten. Allen voran das Fernsehen. Der wohl bekannteste Vorfall von Fotosensibilität hat darum mit einer TV-Serie zu tun: Am 16. Dezember 1997 wurden in Japan gut 700 Kinder ins Spital eingeliefert, nachdem sie eine Folge der Anime-Serie «Pokémon» gesehen hatten. Grund war eine kurze Szene, in welcher der Bildschirm stroboskopartig zwischen blau und rot flackerte.

Nicht schneller als dreimal die Sekunde

Vor flackernden Bildern ist man auch im Internet nicht sicher. Die meisten Web-Inhalte sind zwar für Menschen mit einer Fotosensibilität vollkommen harmlos. Doch wenn es um rasant geschnittene Videos oder hektisch blinkende GIFs geht, ist Vorsicht geboten.

Die vier Einzelbilder eines animierten GIFs.

Bildlegende: Ein animiertes GIF aus diesen vier Bildern kann bei Menschen mit einer Fotosensibilität einen Anfall auslösen. SRF

Ein Beispiel für ein animiertes GIF, das einen epileptischen Anfall auslösen kann, ist hinter diesem Link zu sehen. Auch eine optische Illusion, die sich nur dem Schein nach bewegt, kann dieselbe Wirkung haben. Ein Beispiel ist hinter diesem Link zu sehen.

Mit seinen Richtlinien für barrierefreie Webinhalte versucht das World Wide Web Consortium, Menschen mit sensorischen und motorischen (und in gewissem Rahmen mentalen) Einschränkungen, einen problemlosen Zugang zum Internet zu ermöglichen. Um epileptische Anfälle zu verhindern, schreiben die Richtlinien zum Beispiel vor, dass Inhalte auf Webseiten nicht schneller als dreimal in der Sekunde blinken dürfen.

Nur mit einem Auge hinschauen

Aber längst nicht jede Webseite hält sich an diese Vorgaben. Und in sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram, wo Bilder und Videos einen grossen Teil der Inhalte ausmachen, lassen sie sich gar nicht erst durchsetzen. «Für Leute mit einer Fotosensibilität ist darum immer eine gewisse Gefahr da», bemerkt Ian Mothersill. «Die Betroffenen wissen zwar, dass sie vorsichtig sein müssen, aber bei gewissen Reizen ist ein Anfall jederzeit möglich.»

Viele von ihnen würden sich darum mit einfachen Tricks schützen: Nicht in einem vollständig abgedunkelten Raum sitzen, einen Bildschirm von maximal 15 Zoll benutzen und nicht zu lange am Computer bleiben, weil Müdigkeit oder Hunger das Risiko eines Anfalls erhöhen können. Beim Navigieren im Internet tragen manche Betroffene auch eine Sonnenbrille oder decken sich ein Auge ab. So halbieren sich die Reize. Zusätzlich gebe es heute auch Medikamente, mit denen sich die Fotosensibilität unterdrücken lasse, weiss Ian Mothersill.

Noch mehr Hinweise zum Umgang mit Epilepsie gibt es auf der Webseite der Schweizerischen Epilepsie-Liga.

Verbotene «Pokémon»-Folgen

Nicht nur wegen Epilepsie-Gefahr: Zahlreiche «Pokémon»-Folgen mussten nach – oder zum Teil sogar schon vor – ihrer Erstausstrahlung verboten werden. Hier erfahrt ihr die Gründe dafür.