Wie lange noch, bis Schweizer Openairs ihre Namen verkaufen?

Das Sponsoringgeschäft boomt – auch im Festivalbusiness. Doch wann kommt der Moment, wenn das Sponsoring überhandnimmt? Wann krallen sich Firmen die Namen unserer Festivals? Vertreter des OpenAir St. Gallens, der Red Bull Music Academy und des m4music-Festivals nehmen Stellung.

OpenAir St. Gallen

Bildlegende: OpenAir St. Gallen – auch im Bild: die Sponsoren SRF

Wer vor Kurzem in einem Fussballstadion war, dürfte festgestellt haben, dass dort mittlerweile auch der allerletzte Quadratzentimeter versponsert wurde. Egal ob Trikot, Freistoss oder Tribüne, überall wo's genug Platz für ein Logo oder einen Sponsornamen hat, hat es einen.

Auch bei Musikfestivals bietet sich mittlerweile ein ähnliches Bild. Strohhüte, Plastikbecher, Bühnen: Firmennamen so weit das Auge reicht. Das Geschäft mit Sponsoring an Festivals boomt, richtig?

OpenAir St. Gallen 2016

Bildlegende: Auf jedem Festivalfoto mit dabei: die Zigarettenmarke im Hintergrund SRF

«Es ist – wie auch in der Wirtschaft – ein Auf und ein Ab. Während der Finanzkrise haben auch wir gemerkt, dass es härter geworden ist, Partner zu finden», sagt Sabine Bianchi, Mediensprecherin des OpenAir St. Gallens. «In den letzten Jahren hatte ich aber das Gefühl, dass es wieder angezogen hat und wir mehrere Partner aus der Wirtschaft für unser Festival gewinnen konnten», so Bianchi weiter.

Wann krallen sich Sponsoren die Festivalnamen?

Sponsoringplätze an Festival sind nicht unbegrenzt verfügbar. Wie lange also noch, bis auch die letzte Bastion, der Name des Festivals, von einem Getränkehersteller «gekapert» wird? «Bis jetzt ist noch nie jemand mit diesem Wunsch an uns getreten – aber ich glaube, wir sind auch froh darum. Wir möchten immer noch als eigenständiges Festival wahrgenommen werden», sagt Sabine Bianchi.

«Unser Festival findet dieses Jahr zum 41. Mal statt und ist aus einem Idealismus heraus entstanden. Und das wird – auch wenn eine wirtschaftliche Komponente dazu kommt –, von den Besuchern gelebt und geschätzt. Ich glaube für den Moment wäre das nicht das Richtige für uns», so Bianchi.

«  Die Ideen unserer Partner sollen zu einem Musikfestival passen und nicht einfach ‹Jahrmarkt› oder ‹Trampolin› sein. »

Sabine Bianchi
Mediensprecherin OpenAir St. Gallen

Die Zusammenarbeit mit den Sponsoren, die – inkl. Merchandise-Artikel – für rund 18% des Gesamtbudgets des Festivals verantwortlich sind, soll ein «Miteinander» sein: «Wir wollen, dass unsere Partner einen Mehrwert haben, aber auch, dass das, was unsere Partner vorhaben, einen Mehrwert für unsere Besucher hat. Ihre Ideen sollen zu einem Musikfestival passen und nicht einfach ‹Jahrmarkt› oder ‹Trampolin› sein.»

Dieser Philosophie stimmt auch Thorsten Schmidt, Mitbegründer der «Red Bull Music Academy», zu. Die «Red Bull Music Academy», kurz RBMA, organisiert mit finanzieller Beihilfe des Getränkeherstellers seit 1998 weltweit Workshops, Vorlesungen und Festivals. Meistens in Zusammenarbeit mit bereits existierenden Festivals oder Clubs – auch in der Schweiz.

Lieber kleine als grosse Namen

Letzten Sommer kuratierte die RBMA einen Abend am «Montreux Jazz Festival», oder lud im Herbst über 50 DJs und elektronische Künstler an den «Red Bull Music Academy Weekender» in verschiedene Zürcher Clubs ein. Dabei war die Marke zwar überall präsent, die eingeladenen Künstler hatten ihr Zuhause aber vor allem abseits des Mainstreams.

«  Es gibt überhaupt keinen Grund, Fünf-Jahres Budgets zu verblasen, indem wir Beyoncé, Jay Z, Kim und ihre Kinder, Coldplay und Metallica gleichzeitig auf die Bühne stellen. »

Thorsten Schmidt
Red Bull Music Academy

«Es gibt überhaupt keinen Grund, Fünf-Jahres-Budgets zu verblasen, indem wir Beyoncé, Jay Z, Coldplay und Metallica gleichzeitig auf die Bühne stellen», sagt Schmidt. «Wenn wir mit bereits bestehenden Organisationen oder Festivals zusammenarbeiten, lautet unsere Devise: ‹Lasst uns doch etwas machen, was die anderen vielleicht eher nicht machen würden.› So können Leute Kultur erleben, die nicht immer nur auf den sichersten und damit leider oft kleinsten gemeinsamen Nenner zielt.»

Der langsame Aufbau zahlt sich aus

Thorsten Schmidt vergleicht diese Strategie mit dem Formel 1-Engagement der Getränkefirma: «Dort ist man ja auch nicht reingegangen und hat den aktuellen Weltmeister unter Vertrag genommen. Man hat diesen einen Knaben gesehen, der irgendwo im Hessischen Kart gefahren ist, diesen über Jahre begleitet – und irgendwann holte Sebastian Vettel dann vier Weltmeistertitel.»

Musikfestivals können sich für Sponsoren ebenso gut auszahlen, wenn man sie «von klein auf» begleitet. Es muss keine gewaltsame Übernahme sein.

Das Schweizer Indoorfestival m4music, welches vor rund 20 Jahren auf Initiative von u.a. Philipp Schnyder von Wartensee gegründet wurde, funktioniert nochmals anders.

«Das m4music ist ein Projekt des Migros-Kulturprozents. Als wir vor 20 Jahren gemerkt haben, dass der Schweizer Popmusikszene ein Treffpunkt fehlt, bin ich beim Migros-Kulturprozent auf offene Ohren gestossen», erzählt Schnyder von Wartensee, Projektleiter beim Migros-Kulturprozent und m4music-Festivalleiter.

SRF Virus

Bildlegende: SRF Virus + m4Music Zugegeben... auch wir sind nicht ganz unschuldig. SRF

Das «Migros-Kulturprozent» ist ein freiwilliges und in den Statuten der Migros verankertes Engagement für Bildung, Freizeit und Wirtschaft.

Der orange Riese ist nicht erst nachträglich eingestiegen, sondern hat das Festival von Beginn weg ermöglicht. «m4music gäbe es nicht ohne das Migros-Kulturprozent», so Schnyder von Wartensee.

Dass grosse Schweizer Festivals in naher Zukunft ihre Namen ohne grösseren Widerstand hergeben, ist zurzeit also eher unwahrscheinlich. Und trotzdem: die meisten Festivalbesucher wären mit der Umbenennung eines Festivals wohl glücklicher, als mit einer Erhöhung der Ticketpreise.