Zuerst war der Funk, dann der Rap und jetzt Hanreti

Musik, in die man sich hineinsetzen und vergessen kann, dass alles blinkt, stinkt und ankackt (#grumpyboy). Hanreti aus Luzern machen groovige, analog klingende Musik bei der man fast nicht merkt, wie minutiös durchdacht und detailvernarrt die Produktion ist.

Hanreti entstand, als sich die Köpfe von Multi-Instrumentalist und Dusche-Sänger Timo Keller und Ausnahmeschlagzeuger Mario Hänni in einer Spelunke in Luzern trafen. An dem Abend erhielt die Vision Kellers ihren Ursprungsfunken: er hatte eine klare Ästhetik im Sinne. Die ungefähre Formel dazu: im Fokus und im Zentrum steht ein Beat, ein Groove. Darauf entstehen dann Songskizzen, Melodiefetzen und wirre Gedanken, welche Keller mittels Selfievideos festhält. Die gemeinsame Liebe zur Funkband «The Meters» vereinte Keller und Hänni im Grundgedanken. Keller, mit seinen klaren Vorstellungen im Kopf, wusste auch genau wen er an welchem Instrument braucht, um zu dem Sound zu gelangen, den er sich vorstellt.

Es. Muss. Grooven.

Timo Keller wirkte früher in Hip-Hop-Acts. Er produzierte dort und hörte privat viel Rap. Die Musik von Hanreti ist in dem Sinne auch artverwandt mit Rap, als dass von Anfang an der Beat in der Mitte der Entstehung steht. Jeder Song, auch ruhige, introspektive Nummern wie der Titelsong «Cuetrigger» der gleichnamigen EP werden angetrieben von einer ausgeklügelten Drumspur. Hänni spielt verschachtelte Superbeats und wirkt dabei tiefenentspannt - deshalb groovt es auch so unglaublich hart.

EP «Cluetrigger»

Bildlegende: Cover der EP «Cluetrigger» OFFICIAL

Beim Produzieren werden mindestens drei Drumspuren eingespielt – aus diesem Grund werden an der Plattentaufe auch, in einem Anflug von luxuriöser Extravaganz, drei Drummer auf der Bühne stehen. Jedes Mittel wird verwendet, Umwege werden in Kauf genommen und zeitaufwendige Arbeitsprozesse werden akzeptiert als Notwendigkeiten: nur aufgrund all dieser Faktoren klingen Hanreti wie sie klingen. Trotz zahllosen Zitaten, klar erkennbaren Inspirationen oder schlicht und einfach geklauten Elementen gelingt es Hanreti, eigen und zeitgemäss zu klingen. Keller ist kein klassischer Sänger, seine fein-brüchige, Whisky-Sour-Stimme muss Töne nicht immer direkt treffen – dafür aber den Takt. Timos Gesang knüpft an den Grundgedanken von Hanreti an: Es. Muss. Grooven.

Was ist vom Hip Hop geblieben?

Nebst dem Offensichtlichen - manche Beats von Hanreti grooven und hüpfen VIEL zu hart um komplett ausserhalb des Hip-Hop-Verständnisses geschrieben worden zu sein, ist es «die Attitüde. Ich habe keine Angst, Ideen auch mal schamlos zu stehlen», so Keller (Inspirations/Diebstahlquellen, u.A: Beatles, Beck, Bill Withers).

Ich sehe ihn als Inspirationensampler. Anstatt eines MPCs bedient er sich seines Kopfes. Dort fliessen Songs hinein, Ideen entstehen, werden von ihm über die Drumloops von Hänni ausgespuckt und auf diesem fruchtbaren Boden werfen Bassist Rees Coray und Gitarrist Jeremy Sigrist ihre Beat-stärkenden Subtöne und Melodie-auflösenden, filigranen Details. Und das macht den Sound aus: die Songs bestehen aus simplen Grundideen, welche für eine angenehme Grundhörerstimmung sorgen, die auditiven Boner-Momente erfährt man durch die kleinen Details: das eine aus der Reihe tanzende Hi-Hat, das kleine Gitarrenlick, der Mini-Break. Ach ja, auf der neuen EP «Cuetrigger» sind die meisten Songs tanz- oder tänzelbar– ich bin Fan.