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Kompass So fühlt es sich an, einen toten Menschen zu berühren

Unsere Reporterin Ranja Kamal hat einen Tag lang den dienstältesten Bestatter Zürichs bei seiner Arbeit begleitet. Und hat sich einem der grössten Tabu-Themen der Menschheit gestellt: dem Tod.

Legende: Audio Kompass: Bestatter abspielen. Laufzeit 19:07 Minuten.
19:07 min, aus Junge Popkultur, urbanes Leben vom 14.08.2017.

«Nächster Halt: Krematorium Sihlfeld», tönt es aus dem Lautsprecher. Ich werde nervös. Langsam breiten sich Zweifel in mir aus: Was erwartet mich heute bloss? Wie werde ich auf diese vielen Eindrücke reagieren? Kann ich damit umgehen? Muss man das wirklich gesehen haben? Wieso mache ich das eigentlich?

Ehe ich mir eine dieser Fragen überhaupt beantworten kann, stehe ich auch schon vor dem Bestattungsamt, wo mich Rolf Gyger bereits erwartet. «Hallo Ranja! Schön, dass du da bist», sagt er mit einer unglaublichen Herzlichkeit, die meine Nervosität irgendwie fast wieder ein wenig verschwinden lässt.

Gyger bemerkt meine Unsicherheit. Dem 62-Jährigen kann man so leicht nichts vormachen. 35 Jahre arbeitet er nämlich schon beim Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich. Und so trinken wir zuerst einmal einen Kaffee, bevor wir starten. Was ich denn von dem heutigen Tag erwarte, fragt er mich. «Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung», entgegne ich ihm. Er lächelt. «Wichtig ist, dass du mir immer sagst, wenn dir etwas zu viel wird. Es soll kein Muss oder gar eine Überforderung, sondern eine Bereicherung sein», sagt er weiter. Dass dieser Beruf eine Bereicherung sein kann, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, schiesst es mir durch den Kopf. «Bist du bereit? Dann würden wir jetzt ins Sarglager gehen», holt Rolf Gyger mich aus meinen Gedanken. Ja, bereit bin ich in der Tat.

Züri-Särge
Legende: Züri-Särge sind für die Einwohner der Stadt Zürich kostenlos. SRF / Ranja Kamal

Wir nehmen also den Lift einen Stock höher ins Sarglager, wo Hunderte Särge in allen Grössen und Formen bereitstehen. Von den rund 3'500 Personen, die jährlich in der Stadt sterben, ruhen über 80 Prozent in diesem Standardmodell aus Pappelholz – dem sogenannten «Züri-Sarg» wie mir Rolf Gyger erzählt.

Von den rund 3'500 Personen, die jährlich in der Stadt sterben, ruhen über 80 Prozent im ‹Züri-Sarg›. Dieses Standardmodell aus Pappelholz ist für die Einwohner der Stadt Zürich kostenlos.

Kurze Zeit später sind wir auch schon im schwarzen Bestattungswagen in Richtung Aufbahrungshalle des Krematoriums Sihlfeld unterwegs. Gyger will mich langsam an den heutigen Tag heranführen. Und so zeigt er mir zuerst die Räumlichkeiten, in denen die Hinterbliebenen Abschied nehmen können. Irgendwie hat dieser Ort etwas Ruhiges, fast schon Meditatives. Für einen kurzen Moment vergesse ich sogar, was ich heute eigentlich vor mir habe.

Denn von finsteren, unheimlichen Räumen, wie ich es mir im Vorfeld vorgestellt hatte, ist da keine Spur. Im Gegenteil. Die Wände sind hell und die Fenster lassen genügend Tageslicht hinein. Und trotzdem ist es ziemlich kühl. Das habe mit dem Zersetzungsprozess zu tun. «Die Körper der Verstorbenen müssen hinuntergekühlt werden – durch das könne man sie noch eine Weile ‹anschauen›», so Gyger.

Rolf Gyger
Legende: Rolf Gyger vor einem sogenannten Katafalk. SRF / Ranja Kamal

In der Mitte des Raums befindet sich ein viereckiger, bronzefarbener Kasten – ein sogenannter Katafalk – in welchen man den offenen Sarg hinein legen kann. «Die Angehörigen sollen die Möglichkeit haben, die Verstorbenen zu berühren, Abschied zu nehmen und ihnen so ein letztes Mal nahe zu sein,» fährt der einfühlsame Bestatter fort.
Neben ein paar Stühlen, einer Kerze und einer Box mit Taschentüchern ist sonst nichts in diesen Zimmern. Jetzt bringt mich Rolf Gyger in den Raum, in welchem die Bestatter die Verstorbenen «zurechtmachen». Von Haarspray, Schminke, über Parfüm – alles ist vorhanden. «Ich begegne einem Toten mit der gleichen Achtung wie einem Lebenden», erklärt er mir.

Für mich als Bestatter hört das Menschsein mit dem Tod nicht auf. Ich arbeite also nicht einfach mit irgendeiner einer Leiche oder einem Toten, bei dem es nicht mehr darauf ankommt. Für mich ist es immer noch menschlich, nicht sachlich.

Die Würde des verstorbenen Menschen zu erhalten ist für ihn zentral – ein einfühlsamer Beiweis dafür ist ebendieses Zurechtmachen: «Sie sollen so aussehen, wie sie den Leuten in Erinnerung waren.» Aus diesem Grund bettet er die Verstorbenen auch immer erst ein, nachdem er sie gekämmt und gewaschen hat – unabhängig davon, wie sie gestorben sind oder was für Menschen es waren. Ob Familienvater, Mörder, Bundesrat oder Obdachloser, er behandle alle genau gleich, versichert Gyger.

Rolf Gyger
Legende: Rolf Gyger schaut, ob bei den Verstorbenen noch alles in Ordnung ist. SRF / Ranja Kamal

Er öffnet den Schlitz eines Sarges, der sich über dem Kopf des verstorbenen Menschen befindet und schaut, ob noch alles in Ordnung ist. «Jööh», höre ich ihn sagen. «Willst du auch hineinschauen?», fragt er mich schliesslich. «Ich weiss nicht», sage ich leise. Mein Herz pocht inzwischen ganz schnell. Mir ist kalt. «Wie gesagt, du musst nichts, was du nicht willst». «Was für ein Mensch erwartet mich denn da? Ist es eine Frau? Ein Mann? Jung? Alt?», frage ich ihn schliesslich. «Es ist eine alte Frau. Sie sieht ganz friedlich und ‹herzig› aus», meint Gyger. Dass ein Verstorbener ‹herzig› aussehen könne, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Deshalb nehme mich meinen ganzen Mut zusammen und schreite auf den Sarg zu. Jetzt wird mir schlecht. Immer wieder zögere ich, meinen Körper vorzubeugen und hineinzuschauen.

«Ich glaube, ich kann das nicht. Ich traue mich nicht», sage ich schüchtern. Was mir denn Angst mache, fragt er mich. «Ich weiss auch nicht genau. Angst vor der Realität. Angst vor dem Tod. Vor der Endlichkeit. Vergänglichkeit. Vor einem übel zugerichteten toten Menschen», sprudelt es nur so aus mir heraus. Irgendwie schäme ich mich für meine Worte. Gyger lächelt mich an und nickt. Doch er sagt noch nichts. Und dann wage ich es.

«Jösses», sage nun auch ich. Ich muss fast ein wenig über mich und meine Gedanken lachen. All meine Vorurteile und Ängste sind verschwunden. Ich bin überrascht, wie lebendig Tote aussehen können. Denn was ich sehe, ist wirklich eine herzige, zufriedene alte Frau. Sie sieht aus, als würde sie schlafen und etwas Schönes träumen. Als sei sie im Reinen mit sich und der Welt. Einen Moment lang bleibe ich einfach stehen und schaue sie an: «Was hatte sie wohl für eine Biografie? An was ist sie bloss gestorben?» Ich glaube, ich habe mich noch nie so präsent und «im Jetzt» gefühlt, wie in diesem Moment. «Entschuldigen Sie, dass ich Angst vor ihnen hatte», sage ich schliesslich. Ich erschrecke über mich selbst.

Jetzt nimmt Rolf Gyger den Sargdeckel ab. Er bittet mich aus dem Zimmer zu gehen und nochmals hinein zu kommen. Von weitem kann ich nun die alte Frau bereits sehen. Ihre Hände sind zusammengefaltet. Und wenn ich nicht wüsste, dass sie tot ist, so würde ich denken, sie macht gerade ein Nickerchen. Ich gehe direkt auf sie zu. «In welcher Situation fühlst du dich wohler?», fragt mich Gyger. Ganz klar in dieser. Und genau das sei ein weiterer Grund, weshalb es so wichtig sei, einen Verstorbenen zurecht zu machen, den Sarg zu öffnen und ihn für Angehörige «schön» zu machen.

«Möchtest du sie berühren? Ihr vielleicht eine Blume in die Hand legen?» Ich weiss nicht so recht. Irgendwie habe ich zu viel Respekt. Vielleicht würden wir uns ja gar nicht mögen, wenn sie noch leben würde. Vielleicht mag sie keine Blumen. Vielleicht würde sie nicht wollen, dass ich sie anfasse. Letzteres sei auch der Grund, wieso dass Gyger in der Regel stets Handschuhe trage, wenn er die Verstorbenen zurecht macht. Er möchte so eine Distanz schaffen – auch aus Respekt.

Und dann mache ich es doch. Ich nehme all meinen Mut zusammen und stecke ihr die Rose in ihre gefaltete Hand. Dann bedanke ich mich bei ihr, wünsche ihr eine gute letzte Reise und lege ihr abschliessend meine Hand auf ihre. Nur ganz kurz. Sie ist kalt. Aber es ist nicht schlimm.

Die Art und Weise, wie Herr Gyger mit verstorbenen Menschen umgeht, beeindruckt und berührt mich zutiefst. Es ist schön zu sehen, dass mit einem geliebten Menschen auch nach seinem Tod noch mit Respekt und Würde umgegangen wird. Und ich kann mir mittlerweile sehr wohl vorstellen, wieso dieser Beruf von ihm als erfüllend und schön erachtet wird.

Kompass

Nadine Nikkles und Ranja Kamal

In der Sendung «Kompass» beantworten Ranja Kamal und Nadine Nikles die grossen und kleinen Fragen rund um Job, Ausbildung und sonstige Lebensfragen.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Lukas Tonetto (LTonetto)
    Das Thema interessant, aber das Formale am Text ist doch ausgesprochen banal - ist Ranja eine Art "Kamerakind", wie damals in der Sendung "1,2 oder 3"?, in der man Kindern einmal die Möglichkeit bieten wollten, eine Kamera zu führen, oder hier: einen Artikel unter Anleitung zu schreiben? Für einen lesegewohnten Mitvierziger (Literatur und NZZ) liest sich dies wie ein Schüleraufsatz. SRF ist für uns Einwohner ein Pflichtmedium, deshalb meine Bitte: bemühen Sie sich doch ein wenig.
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