Musik statt Hasspredigten: Wie Rokia Traoré Mali verändern will

Rokia Traoré ist eine der grössten Sängerinnen aus Mali. Ihr neues Album «Né So» ist im Februar erschienen. «Né So» bedeutet in ihrer Muttersprache «Heimat». Im Interview sagt sie, wie die Krise in Mali zu ihrer persönlichen Krise wurde und warum sie ein grosses Kulturzentrum in Mali aufbaut.

Rokia Traoré im Porträt

Bildlegende: Warner

Die zierliche Frau mit der grossen Stimme will Mali verändern

Rokia Traoré ist die Tochter eines Diplomaten und schon ziemlich herumgekommen: Sie lebte in Algerien, Saudi-Arabien, Frankreich und Belgien.

Nach Jahren in Frankreich zog sie 2009 mit ihrer Familie nach Mali. Dann stürzte das Land in die Krise: 2012 putschte das Militär die Regierung. Dschihadisten terrorisierten den Norden des Landes. Schulen wurden geschlossen.

Mittllerweile hat sich die Lage etwas beruhigt, aber die Krise hält an. Rokia Traoré nahm ihre Familie und ging zurück nach Frankreich, wo ihr Sohn in die Schule geht.

Rokia, was hat die ganze Krise in Mali mit dir gemacht?

Rokia: Wie soll ich sagen - es war dramatisch. Ich ging zurück nach Mali, um meinen Traum wahr zu machen. Ich habe jahrelang nach einem Ort gesucht für mein Kultur-Projekt. Dann kam die Krise. Das hat mich sehr getroffen.

Ich habe eine Stiftung gegründet mit dem Ziel, Kultur und Kunst in Mali und anderen afrikanischen Ländern zu fördern. Im April werden wir eine Open Air Konzert-Location eröffnen, wo 1200 Leute Platz haben. Eine kleinere Location ist für später geplant, wenn wir wissen, wie die Grosse läuft. Wir planen Studios und Proberäume für Musiker und Appartements für Künstler, die zu uns kommen um an ihren Projekten zu arbeiten.

Es ist eine Riesensache! Ich habe so viel investiert, nicht nur materiell. Da steckt auch viel Energie drin. Es ist ein Bekenntnis zu Mali und der afrikanischen Kultur. Es soll auch ein Ort für Bildung und Vermittlung sein.

Ich frage mich, warum Rokia Traoré so ein Riesenprojekt stemmt... Ich meine, aus Mali kommen so viele tolle Künstler... Ich bin ja auch nicht die Super-Afrika-Expertin. Aber Namen wie Ali Farka Touré, Salif Keita oder Oumou sind weltweit bekannt... Die werden doch auch in Mali ihre Orte haben für Konzerte...?

Aus Mali kommen so viele tolle Künstler, warum braucht es da noch einen weiteren Ort für Konzerte?

Rokia: Glaub mir oder nicht: Es gibt einen Ort in ganz Mali, der sich wirklich Konzerthaus nennen kann und an dem es ein regelmässiges Programm gibt. Und das ist das Französische Institut in Bamako (die Hauptstadt Malis). Da passen etwa 350 Leute rein. Das sind auch die einzigen, die es sich leisten können, Künstler und Bands zu buchen. Keiner hat Geld.

Mir fällt vor Staunen die Kinnlade runter...

«  Glaub mir oder nicht: Es gibt einen Ort in ganz Mali, das sich wirklich Konzerthaus nennen kann... »

Es gibt schon kleinere Clubs. Aber die haben oftmals kein richtiges Soundsystem oder eine Lichtanlage. Es gibt kaum Leute, die sowas bedienen können.

Salif Keita (einer der ganz bekannten Stimmen aus Mali) hat seinen eigenen Club, da passen etwa 150, höchstens 200 Leute rein. Da hat es aber kein richtiges Soundsystem. Oumou (auch eine der grossen Stimmen aus Mali) hat ihr Hotel, in dem sie ab und an auftritt. Es gibt keine Struktur oder Organisation, welche Kunst fördert.

Oh wow. Das hätte ich nie gedacht, weil Mali so reich ist an grossartiger Musik. Aber wie sie eben sagt: Es fehlt nicht an Künstlern, sondern an Infrastruktur. Darum will Rokia Traoré was auf die Beine stellen. Doch dann kam ihr die politische Krise in die Quere.

Rokia: Ich kann nicht so weitermachen wie vor der Krise. Es stellen sich so viele Fragen: Wo soll ich leben? Soll ich zurück nach Mali, wenn die Schulen wieder normal funktionieren und meine Kinder dort aufziehen?

Dann kommt die Krise in der Musikindustrie dazu: World Music und afrikanische Musik haben es schwer. Es gibt nicht viele afrikanische Künstler, die auf Tour sind. Die Albumverkäufe sind eingebrochen. Ich frage mich, wie es weitergehen soll mit meiner Karriere. Ich bin jetzt über 40 (lacht laut, trotz Krise). Mein Leben wird nicht mehr sein, wie es einmal war. Ich werde meinen Weg finden müssen.

Kannst du dir denn ein Leben in Mali vorstellen?

Rokia: Ich frage mich, wie ich es anpacken soll. Soll ich mit meinen Kindern in Europa leben und zwischen Mali und Belgien pendeln, wo mein Partner lebt? Oder soll ich in Mali leben? Es ist ein toller Ort. Meine ganze Familie lebt dort. Meine Kinder mögen die Kultur in Mali.

Und dann muss ich aber an die Anschläge in Frankreich denken. Die angespannte Lage in Europa im Allgemeinen. Dann die Attacken in Jakarta, Burkina Faso...

...und die Attacken in Malis Hauptstadt Bamako

Rokia: Ja, aber Bamako war keine Überraschung. Der Norden von Mali ist zwar nicht mehr besetzt von den Dschihadisten. Aber sie haben sich unter die Bevölkerung gemischt und wollen die Leute vom Islamismus überzeugen.

Die grosse Überraschung war Paris mit über 100 Toten. Wo sind wir heute noch sicher?

«  Wo sind wir heute noch sicher? »

Viele meiner Freunde sind in Bamako geblieben. Es arbeiten so viele Leute an meinem Projekt mit, da kann ich doch nicht kürzer treten, nur weil die Lage angespannt ist.

Kann denn dein Kultur-Projekt angesichts der Krise in Mali einen Unterschied machen?

Rokia: Es gibt einen Grund, warum bei uns Moscheen so populär sind. Es ist der einzige Ort, wo sie Hoffnung und Perspektiven kriegen.

«  Es gibt einen Grund, warum bei uns Moscheen so populär sind. Es ist der einzige Ort, wo sie Hoffnung und Perspektiven kriegen. Kultur kann das auch. »

Kultur kann das auch. Ich will den Leuten die Möglichkeit geben, grosssartige Bücher zu lesen. Veranstaltungen zu besuchen, an denen tolle Autoren oder Journalisten sprechen. Ihnen die Möglichkeit geben, Konzerte zu besuchen.

Solche Orte brauchen wir, um den Leuten eine Alternative zu zeigen. Hoffnung zu geben in schwierigen Zeiten. Wir wollen unterstützen, ihnen zeigen, dass man an sie glaubt. Sie beflügeln. Die Leute müssen verstehen, dass sie etwas bewegen können und nicht alles der Politik überlassen. Darum will ich weitemachen, weil wir solche Orte brauchen.

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