Irina (32): Wenn dein Gehör dich ins Burnout führt

Als die gelernte Coiffeuse ihre Kundinnen plötzlich nicht mehr verstehen konnte, dämmerte es Irina: Mit meinem Gehör stimmt etwas nicht. Die Spirale, die darauf folgte, übertraf ihre schlimmsten Albträume – von Verdrängung und finanziellen Sorgen bis zu Panikattacken und Burnout.

Dass ihr Gehör nicht fehlerfrei funktioniert, hat sich bei Irina schon in frühen Jahren abgezeichnet. Wie gravierend das Problem wirklich ist, kam dabei aber nicht ans Licht – zu einem grossen Teil auch, weil sich Irina gar nicht darauf einlassen wollte.

Wer möchte sich schon als junger Mensch, voll mit Zielen und Ideen, eingestehen, dass er eine ernsthafte Beeinträchtigung haben könnte? Eben!

Oft bemerkt, bewusst verdrängt

2010 besucht Irina in ihren Ferien eine Hörmittelzentrale, ohne spezielle Erwartungen, zum Teil aus Langeweile. Was dort passierte, übertraf ihre schlimmsten Erwartungen:

«  Schon während dem Test dachte ich mir, die Dame wirkt sehr kritisch. Und dann sagt sie mir einfach so: Gut, Innenohrschwerhörigkeit, irreparabel, nicht operierbar – die einzige Möglichkeit ist ein Hörgerät! »

Irina reagierte, wie früher bereits, mit Verdrängung. Erst zwei Jahre später stellte sie sich bei einem Arzt der vernichtenden Diagnose - ihr Gehör entspricht dem einer 80-Jährigen, mehr als 60% der Hörleistung ist futsch.

Die Abwärtsspirale dreht sich

Und damit nicht genug – auf diese Diagnose folgte ein ganzer Rattenschwanz an Problemen. Um im Beruf bleiben zu können, wäre Irina auf hochwertige Hörgeräte angewiesen. Doch die Pauschale, welche die IV bezahlt, reicht dazu nicht mal annähernd.

Um das Geld dafür zusammen zu bekommen, putzte Irina zusätzlich Treppenhäuser. Und als sie dazu noch ein Studium begann, ging plötzlich gar nichts mehr – es folgte ein Burnout, Panikattacken und Klinikaufenthalte.

«Du bist eine Last für die Gesellschaft»

Mittlerweile hat Irina den Weg zurück in den Alltag gefunden. Alles wieder in Ordnung? Definitiv nicht!

Dank den unscheinbaren Hörgeräten, die sich problemlos unter den offenen Haaren verstecken lassen, sieht man ihr die Beeinträchtigung zwar nicht an. Die Strapazen werden dadurch aber keineswegs kleiner:

«  Von 10 gesprochenen Worten verstehe ich nur 3 effektiv – den Rest reime ich mir irgendwie zusammen! »

Der soziale Umgang ist schwierig, Leute halten Irina für arrogant, weil sie teilweise nicht antwortet. Und auch einen Beruf zu finden, in dem das Gehör eine Nebenrolle spielt, hat es in sich. Und immer mit dabei – der beissende Gedanke, eine Belastung für Mitmenschen und Gesellschaft zu sein.

Irina hat jeden Tag mit ihrer Beeinträchtigung und den Folgen zu kämpfen. Und diese will sie auch vor niemandem verstecken müssen.

«  Ich will nicht hier stehen und alles schönreden. Von diesen Leuten gibt es genügend Geschichten, genügend Videos! »

Dennoch findet Irina jeden Tag ihre Glücksmomente – zum Beispiel bei ihrem Sohn Siro, der vor einem Jahr auf die Welt kam. Eine notwendige Abwechslung vom Kampf gegen die Mühlen der Behörden, die Einsamkeit und die Angst, anderen zur Last zu fallen.

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.