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Rehmann «Ich dachte, ich sei vom Teufel besessen!»

Remo (30) wächst mit einer traumatisierten und abergläubischen Mutter auf. Beide sind überzeugt, dass sie vom Teufel besessen sind und führen ein von Fanatismus geprägtes Leben. Wie er versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, um ein normales Leben zu führen, erzählt er bei uns.

Als Remo noch jung ist, kommt seine Mutter mit ihrem neuen Freund zusammen. Dieser ist körperlich sehr beeindruckend und vertritt starke Meinungen. Als diese dominante Figur behauptet, dass sie die Gedanken von anderen Leuten steuern kann, versucht seine Mutter sich zu trennen.

Du wirst mich nicht los.

Der Freund bedroht die Familie mit seinen angeblichen Kräften. Während zwei Jahren verfolgt er Remo und seine Mutter und versucht die beiden zum Beispiel mit Telefonterror einzuschüchtern.

Seine Drohung scheint sich tatsächlich zu bewahrheiten, denn Remos Mutter ist so verängstigt, dass sie in eine depressive Phase kommt. Nach und nach entwickelt sich eine Form von Verfolgungswahn. Sie denkt, ihr Ex-Freund habe sie verflucht: «Sie hatte das Gefühl, in ihr hockt der Dämon.» Zudem hat sie Angst, dass die diabolische Kraft auch bei Remo eine Auswirkung hat.

Religiöser Fanatismus als Schutz

Um sich vor dieser teuflischen Bedrohung zu schützen, wendet sich die Mutter an religiöse Kreise – und wird folglich zu einer Fanatikerin. Wegen seiner engen Verbundenheit mit seiner Mutter bleibt der 16-Jährige Remo an ihrer Seite.

Wir kämpfen zusammen auf Gottes Seite.

Seine Mutter ist für ihn die Vermittlerin zwischen ihm und dem Göttlichen und führt den Weg im kosmischen Kampf zwischen Gott und den Teufel. «Sie war eine Art Guru für mich», so Remo.

Fanatismus im Alltag

Teenager-Remo hört gern Metal und Musik von Marilyn Manson, dem selbst ernannten «Antichrist Superstar». Zudem liest er gerne «Harry Potter»-Bücher – Dinge, die sich mit den fanatisch-religiösen Gedanken nicht vereinbaren lassen.

Weil er und seine Mutter glauben, dass der Teufel in den Büchern und CDs steckt, trennt sich Remo von seinen scheinbar sündigen Sachen. Seine CDs und DVDs verschenkt oder verkauft er, und die «Harry Potter»-Bücher werden im Cheminée verbrannt. Die Erleichterung nach der Bücherverbrennung ist so stark, dass Remo in Tränen ausbricht.

Jedoch empfindet er einen innerlichen Konflikt: Als leidenschaftlicher Metal-Fan laufen immer Gitarrenriffs und Melodien durch seinen Kopf.

Ich dachte, ich sei innerlich verdorben.

Er wird auch im sozialen Leben von seinem Glauben belastet: Sozialer Kontakt hat er als Kind kaum – Freunde treffen, mit ihnen Musikhören oder Spielen sind alles «sündige Dinge».

Als er seine ersten Beziehungen führt, kommen die «fleischlichen Lüste» gar nicht in Frage. Auch beim Masturbieren bekommt Remo schreckliche Schuldgefühle, doch die sozialen und körperlichen Bedürfnisse lassen sich nicht länger unterdrücken.

Die Erleuchtung

«Ich war immer ein von Logik getriebener Mensch», erzählt Remo. Als er dann im Studium lernt, sachlich zu argumentieren, fängt er an, seine Vorstellungen infrage zu stellen.

Sein erstes grosses Aha-Erlebnis hat er in einem Literaturseminar, als er die Verfilmung eines Hexenprozesses ansehen muss. Während seine Mitstudenten die Argumentation der Gläubigen auslachen, denkt Remo: «Scheisse, das sind genau meine Ansichten und Werte im Moment».

Diese Erkenntnis bestätigt sich, als sich Remo als junger Erwachsener verliebt und seine Mutter gegenüber seiner Freundin Anschuldigungen macht. Da denkt er, «Das geht nicht, das ist nicht real».

Zunächst will Remo nicht anerkennen, dass etwas nicht stimmt. Von dem fanatischen Glauben wegzukommen, bedeutet, dass er sich eingestehen muss, dass die religiös geprägten Jahre umsonst gewesen sind.

Als Coping-Mechanismus fängt er an, sich selbst zu verletzen und zu trinken. Ausserdem entwickelt er eine extrem pessimistische Perspektive.

Zurück im normalen Leben

Remo holt sich Hilfe und macht ein halbes Jahr lang eine Traumatherapie, bei der es ihm gelingt, die Trigger abzubauen, die bei ihm selbstzerstörerisches Verhalten auslösen.

Ausserdem entdeckt Remo seine Leidenschaft für Poetry Slam. Es hilft ihm bei der Verarbeitung des Erlebten. «Mit dem Poetry Slam habe ich meinen Selbstwert zurückgewonnen», so der Schweizermeister aus dem Jahr 2016.

Jetzt kann Remo stolz behaupten, dass er von seinen ehemaligen religiös-fanatischen Vorstellungen nicht mehr belastet ist und lebt mittlerweile sogar vom Poetry Slam.

S.O.S. – Sick of Silence

S.O.S. – Sick of Silence

Wie sieht das Leben junger Menschen aus, nachdem es durch eine chronische Krankheit ausgebremst wurde? Robin Rehmann leidet selbst an einer chronischen Krankheit und unterhält sich in seiner Sendung mit Betroffenen.

Jeden Dienstag, 18-19 Uhr bei SRF Virus oder hier als Podcast.

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