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«Squid Game»
Legende: «Squid Game» Dreiecke, Cookies und Schusswaffen: das Geheimrezept für eine gute Serie? Netflix (Collage SRF)
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Serien-Kritik Serien-Sensation «Squid Game»: Ist das nur populär oder auch gut?

Nach der Hitparade (BTS) und dem Kino («Parasite») übernimmt die koreanische Unterhaltungsindustrie nun auch die Streamingwelt. Die Serie «Squid Game» ist zweifelsohne einer der grossen Hits des Jahres. Doch ist dieser Geometrie-besessene Thriller nur seichte Unterhaltung, oder steckt mehr dahinter?

Disclaimer: In diesem Artikel gibt's den ein oder anderen Mini-Spoiler!

Geht es nach den eher undurchsichtigen Metriken mit denen Streaminggigant Netflix seine Zuschauerzahlen ermittelt, sind es mittlerweile wahrscheinlich an die 16 Trilliarden Zuschauer:innen, welche sich die koreanische Thriller-Serie «Squid Game» seit der Veröffentlichung am 17. September angeschaut haben.

Okay, ganz so viele werden's in Wirklichkeit dann doch nicht sein. Aber die in die Höhe schnellenden Instagram-Follower:innen-Zahlen des Schauspiel-Ensembles, die TikTok-Memes und die explosionsartig gestiegene Nachfrage nach weissen Sneakers beweisen: Hinter den Zahlen steckt viel Wahres. Der «Squid Game»-Hype ist kein konstruierter, sondern ein «echter».

«Squid Game»: Wo schauen?

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Die komplette erste Staffel mit insgesamt neun rund einstündigen Episoden ist auf Netflix verfügbar.

Wie immer, wenn ein neuer Hype durchs Land zieht, kommt damit auch automatisch die Frage: «Warum jetzt ausgerechnet das hier?» Was genau ist es, das Millionen von Menschen an dieser fiktiven Gameshow (...DES TODES!) fasziniert, in welcher sich 456 hochverschuldete Südkoreaner:innen sechs verschiedene Pausenhof-Spiele lang um ein hohes Preisgeld streiten, die Teilnahme aber höchstwahrscheinlich mit ihrem eigenen Leben bezahlen werden?

Ist es das blosse «Hui, Gottseidank bin ICH nicht in dieser Situation!»-Gefühl und die «Hmm... wie würde ICH dieses Spiel lösen?»-Faszination (War es denn im fünften Spiel wirklich nicht möglich, statt über das Glas, über die Metallträger zu laufen?!?) von der bereits die «Saw»-Filmreihe profitieren konnte, oder steckt da doch mehr dahinter?

Und falls es tatsächlich die systemkritischen Themen sind, welche «Squid Game» zu einem Hit machen, sind diese Ideen wirklich zu Ende gedacht? Wir schauen genauer hin.

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Vorneweg: Selbstverständlich liesse sich an «Squid Game» auch oberflächlich schon einiges kritisieren. Die seltsame Fetischisierung von Schusswaffen zum Beispiel! Die wenig subtilen Dialoge! Die stereotypischen Figuren! Oder die zahlreichen verwaisten Handlungsstränge. (Was war da mit dem Morse-Code? Oder Spielerin 067s Ausflug in die Lüftungsschächte?)

Aber Plotlöcher zu stopfen war schon immer eine eher billige Art der Kritik. Gehen wir stattdessen zu den grossen Themen der Serie: Fairness und Selbstbestimmung.

Grundidee dieses lebensgefährlichen Spiels – etwas, das der Spielleiter an einem bestimmten Punkt auch klar und deutlich ausschildert – ist, dass – im Gegensatz zur «unfairen» Aussenwelt – alle Teilnehmer:innen des Tintenfischspiels mit denselben Voraussetzungen beginnen. «Draussen» herrscht wirtschaftliche und soziale Ungleichheit, im «Squid Game» fängt jede:r, egal ob reich oder arm, jung oder alt, am gleichen Punkt an.

Das ist natürlich völliger Quatsch.

Mal abgesehen davon, dass Teilnehmer:innen aus anderen Kulturen, die mit den Regeln der einzelnen Spiele nicht vertraut sind, jeweils mit einem erheblichen Nachteil an den Start gehen, sind es auch hier schlussendlich superreiche «VIPs», die aus der Ferne einzelne Spiele manipulieren können um nötigenfalls den Unterhaltungswert zu steigern.

Aber gut, wäre ja nicht das erste Mal, dass Bösewichte ihr Handeln mit einer lückenhaften Motivation rechtfertigen würden.

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Die reichen Strippenzieher sind nicht der einzige Versuch mit dem «Squid Game» das in letzter Zeit oft zitierte «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!»-Mantra auf den Prüfstand stellen möchte.

Schliesslich behauptet die Serie mit auffälliger Regelmässigkeit: Jede:r ist freiwillig hier. Und unterstreicht diesen Punkt mit der zweiten Episode, in welcher die Spiele auf Wunsch der Teilnehmenden zwar unterbrochen, schlussendlich aber wieder fortgesetzt werden, nachdem diese in der Aussenwelt erneut mit ihrer misslichen (Finanz-)Lage konfrontiert wurden.

Den Fünfer und das Weggli?

Auch unsere Hauptfigur Gi-hun entschliesst sich fürs Weitermachen. Gi-hun, mit dem wir sympathisieren sollen, weil er von der ersten Folge an als fürsorgender Vater und Sohn dargestellt wird und sogar während den Spielen Zeit findet, sich liebevoll um Oh Il-nam, den wohl ältesten Mitspieler, zu kümmern.

Nur: Wer genau ist «Schuld» an Gi-huns widriger Lage? Ist Gi-hun wirklich ein «Opfer des kapitalistischen Systems», wenn der einzige Grund, wieso er bei diesen tödlichen Spielen teilnimmt, seine selbst verschuldeten Spielschulden sind?

Genau an diesem Punkt beginnt sich die Argumentationskette der Serie in Widersprüche zu verstricken. Zwar möchte «Squid Game» anprangern, dass das kapitalistische System kaum Gewinner hervorwirft und dessen Regeln von Beginn weg unfair gestaltet sind, gibt dann seinen zwei Hauptfiguren aber Hintergrundstorys (Aktienbetrug, respektive Spielsucht), die das komplette Gegenteil zu dieser Theorie sind.

Und wenn sich das Tintenfischspiel und seine verschwommenen Hintermänner – irgendjemand muss den ganzen Spass ja bezahlen! – schlussendlich als ähnlich korrupt herausstellen wie die Aussenwelt, dann... ja... wozu dann das Ganze? What's the point?

Es steht ausser Diskussion, dass «Squid Game» nicht nur unterhalten (Wobei: Ist es wirklich unterhaltsam, Menschen dabei zuschauen zu müssen, wie sie buchstäblich über den Haufen geschossen werden? Anderes Thema...), sondern auch zum Nachdenken anregen möchte. Schade nur, dass sich die Serie irgendwo zwischen Nihilismus, Ambivalenz und Widersprüchen verrennt.

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Hype um neue Netflix-Serie «Squid Game»
Aus Gesichter & Geschichten vom 06.10.2021.
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