Dem Schicksal die Stirn bieten

Der Schriftsteller Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an einer manisch-depressiven Erkrankung. Statt sich vor der Welt zu verstecken, macht er sein Schicksal im Band «Die Welt im Rücken» jetzt öffentlich. Er gilt als Favorit für den Deutschen Buchpreis 2016.
Auch der neue Roman «Nora Webster» von Colm Toibin ist eine Mut-Geschichte: eine junge Witwe mit vier Kindern, gefangen im konservativen Irland der sechziger Jahre, sucht selbstbewusst und widerborstig ihren eigenen Weg.

Beiträge

  • Ein schwieriger Seiltanz über seelische Abgründe (Bild: Keystone)

    Seiltanz über seelische Abgründe

    In seinem neuen Buch «Die Welt im Rücken» gibt der deutsche Schriftsteller Thomas Melle Einblick in seine jahrelangen Erfahrungen mit der bipolaren Erkrankung. Virtuos erzählt er von Dramen und langsamer Besserung und nimmt das Publikum mit auf einen emotionalen Wellenritt.

    «Eine bittere Clowneske» nennt der Schriftsteller selber seinen Bericht. Vieles mutet tatsächlich an wie der Stoff aus einem schrägen Comic. Und doch wirkt das Buch nie larmoyant oder anklagend, sondern zeichnet ein eindrückliches Bild dieser seelischen Störung. Bereits zum dritten Mal ist Thomas Melle für den Deutschen Buchpreises nominiert. Und die Chancen stehen gut, dass er mit diesem Buch am 17. Oktober das Rennen macht.

    Luzia Stettler

  • Thomas Melle ist mit seinem Roman ein Anwärter für den Deutschen Buchpreis 2016 (Bild: Dagmar Morath)

    Ein zerrissenes Leben

    Im Alter von 24 Jahren realisierten Thomas Melle und seine WG-Kollegen: Etwas stimmte nicht mit ihm. Es war der Anfang seines ersten manischen Schubes, der länger als 12 Monate dauerte. Dann folgte der Absturz in die Dunkelheit der Depression.

    Im Gespräch mit Luzia Stettler verrät Melle, warum er den Schritt an die Öffentlichkeit wagte, und welche Herausforderung es war, das eigene Schicksal literarisch aufzuarbeiten.

    Die bipolare Krankheit forderte von ihm einen hohen Preis: Mehrmals war er finanziell am Ende, verlor Freunde, Arbeit und Wohnung und musste oft ganz unten wieder anfangen.

    Seit mehreren Jahren ist er jetzt gesundheitlich stabil.

    Luzia Stettler

  • Colm Toibin gilt als einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)

    Ein Witwe lässt sich nicht unterkriegen

    Mit dem Roman «Brooklyn», der von Hollywood auch verfilmt wurde, gelang Colm Toibin ein Welterfolg. Heute gehört er zu den wichtigsten irischen Autoren. Jetzt legt er mit «Nora Webster» wieder einen Roman vor, in dem eine Frau unbeirrt ihren Weg geht.

    Die sechziger Jahre in der katholischen irischen Provinz waren für eine junge Witwe kein einfaches Umfeld: Dauernd stand sie unter Beobachtung, und auch finanziell blieb ihr und den Kindern wenig Spielraum. Er habe beim Schreiben die eigene Mutter vor Augen gehabt, sagt Colm Toibin im Gespräch. Wie Nora hatte auch sie früh ihren Mann verloren und musste sich einen neuen Platz in der konservativen Gesellschaft erobern.

    Luzia Stettler