Die Offiziere Moritz von Wattenwyl und Karl Egli

Moritz von Wattenwyl und Karl Egli, beide im Rang eines Oberst, leiten damals den Schweizer Nachrichtendienst. Sie übermitteln die dechiffrierten Telegramme direkt an den deutschen Militärattaché – bis die Sache auffliegt und sie später wegen Neutralitätsverletzung angeklagt werden.

Alte Abbildungen von Egli und von Wattenwyl

Bildlegende: Die beiden Obersten Moritz von Wattenwyl (l.) und Karl Egli (r.) und Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg (m.) SRF

Mit der Mobilmachung der Schweizer Armee im August 1914 organisiert der Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg den Schweizer Nachrichtendienst neu. Er ernennt den Berufsoffizier Moritz von Wattenwyl zum Chef Nachrichtensektion des Armeestabs und gleichzeitig zu seinem Adjutanten. Oberst Karl Egli wiederum ernennt Sprecher von Bernegg zu seinem Unterstabschef, das heisst zu seinem Stellvertreter.

Diese beiden Offiziere, damals die dritt- und vierthöchsten der Schweizer Armee, sind es, die Deutschland und Österreich-Ungarn heimlich militärische Informationen zukommen lassen. Der österreichische Generalstab lobt in einer geheimen Aktennotiz die beiden: «Die Obersten des Schweizer Armeestabes Egli und von Wattenwyl haben während des ganzen Krieges alle Nachrichten, die ihnen vermöge ihrer Stellung zugänglich waren, dem östereichisch-ungarischen Militärattaché in Bern mitgeteilt, und dadurch dem eigenen Informationsdienst ungewöhnlich grosse Vorteile gebraucht (…) Hierbei fanden sie eine moralische Stütze in der stillschweigenden Billigung ihres Verhaltens durch ihre höchsten militärischen Vorgesetzten General Wille und Oberst von Sprecher.»

Moritz von Wattenwyl

Bildlegende: Moritz von Wattenwyl SRF

Unter misstrauischem Blick der Romands

Karl Egli, aufgewachsen in Deutschland, ausgebildeter Buchhändler, wird im Alter von 25 Jahren Berufsmilitär. Moritz von Wattenwyls Karriere verläuft ähnlich: 1894 dient der Schweizer Instruktionsoffizier sogar ein Jahr in der österreichischen Armee.

Beide Offiziere sind betont deutschlandfreundlich – wie praktisch die gesamte Armeeführung. Entsprechend misstrauisch beobachten viele Romands, die in diesem Konflikt eher Frankreich unterstützen, die Armeeleitung.

Der geniale Kryptograf André Langie arbeitet für Oberst von Wattenwyl. Aus den heute noch vorhandenen Unterlagen geht hervor, dass die beiden Offiziere Langies dechiffrierte Texte sofort an Deutschland weiterleiten. Damals aber vermeidet die Militärjustiz sorgfältig, diesen Bereich zu untersuchen.

Die Schweizer Armee vernichtet nach dem Prozess die einschlägigen Beweismittel. Aus den Unterlagen geht immerhin hervor, dass Langies Arbeit es möglich machte, über 1000 verschlüsselte Depeschen zu entziffern.

Die Affäre fliegt auf

Nachdem Langie den Bundesrat über den Landesverrat informiert hat, werden die beiden Offiziere wegbefördert. Dies wiederum fällt dem Sozialisten Robert Grimm auf, welcher eine herbe Kritik unter dem Titel «Der Oberstenschub» publiziert. Dies bringt die Affäre ans Tageslicht.

Der Bundesrat beschäftigt sich danach in Sondersitzungen tagelang mit dem Vorfall. Insbesondere die welsche Schweiz reagiert empört, worauf sich der Bundesrat gegen den Willen der Armeeleitung entscheidet, die Sache militärisch untersuchen zu lassen.

Freispruch für die Offiziere

Vor dem Militärgericht werden die beiden Offiziere freigesprochen. Sie geben an, sie hätten als Kompensation auch kriegswichtige Informationen für die Schweiz erhalten. Beweise dafür mussten sie vor Gericht nicht erbringen.

Aus Sicht des Militärgerichts hatten sie jedoch eine kriegsführende Nation bevorteilt und damit die Neutralität verletzt. Doch da sie aus ehrenhaften Motiven gehandelt hätten, so das Gericht, seien sie gerichtlich nicht zu bestrafen. Eine disziplinarische Strafe der Armeeleitung genüge.

Wie oben erwähnt: Das Militärgericht vermeidet sorgfältig zu untersuchen, ob die Offiziere Langies Arbeiten direkt an Deutschland und Österreich-Ungarn übergeben. Man konzentriert sich auf das sogenannte Bulletin, die geheime, aber weniger brisante Lagebeurteilung der Schweizer Armee, das die beiden Offiziere ebenfalls ohne Bewilligung weitergeben.

Karl Egli

Bildlegende: Karl Egli SRF

Für Egli sind die Sanktionen eine Tragödie

Diese gerichtliche Zurückhaltung ist insofern verständlich, als der Prozess mitten im Krieg stattfindet. Die beiden kriegsführenden Parteien beobachten mit Argusaugen jeden Schritt der Schweiz – jede will ihre Vorteile daraus ziehen. Schon der Prozess ist ein Risiko, aber die Schweiz als Demokratie kann sich das leisten.

Die beiden Offiziere werden mit 20 Tagen scharfer Arrest bestraft und vom Dienst suspendiert. Für Karl Egli ist dies eine Tragödie – er verliert seine Existenzgrundlage. Deutschland und Österreich bieten ihm ihre Hilfe an, doch er lehnt ab.

Moritz von Wattenwyl ist finanziell besser gebettet. Er beendet seine Karriere als Adjunkt im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement. An seinem Begräbnis im Jahr 1942 nimmt auch der damalige General Henri Guisan teil.