«Hände hoch, nicht schiessen!»

Ein unbewaffneter, schwarzer Mann ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Er wird von der Polizei erschossen. Überall in den USA geschieht das weiterhin regelmässig. Dies, obwohl eine nationale Debatte das Problem der diskriminierenden und übertriebenen Polizeigewalt allen bewusst gemacht hat.

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Jelani Cobb, Autor des Films «Im Visier: Die Polizei»

1:22 min, vom 19.10.2016

«Sie töten unsere Kinder und werden nicht einmal dafür bestraft» rief eine schwarze Frau verzweifelt in mein Mikrofon, als ich eine Demonstration von «Black Lives Matter» in Oakland, Kalifornien besuchte. Was mir zu Beginn als übertrieben erschien, ist wahr. In diesem Jahr sind 761 Menschen in den USA von der Polizei erschossen worden. Mehr als die Hälfte von ihnen waren schwarz, über 300 hatten keine Schusswaffe bei sich. Das besagt eine Statistik, die die Zeitung «Washington Post» führt – offizielle Zahlen zu Tötungen durch die Polizei in den USA gibt es nicht. Wenn ein Polizist oder eine Polizistin in den USA jemanden erschiesst, reicht es, wenn er oder sie anschliessend bezeugen kann, diese Person habe gefährlich gewirkt, damit es keine rechtlichen Folgen hat. Deshalb wird kaum je ein Polizeibeamter dafür verurteilt.

Die Polizeigewalt trifft vor allem Gemeinden und Quartiere, in denen viele Schwarze oder Lations leben. «The talk» – so nennen Eltern mit schwarzen Söhnen das Gespräch, dass sie irgendwann mit ihren Sprösslingen führen müssen. In diesem Gespräch erklären sie ihnen, dass sie gegenüber der Polizei sehr vorsichtig sein müssen. Dass sie von den Ordnungshütern nicht unbedingt Fairness erwarten können, und dass eine unbedachte Bewegung tödlich enden kann.

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Verdächtigt wird fast jeder

2:01 min, vom 19.10.2016

Zwei verschiedene Welten

Lange war das alles nur in den betroffenen Bevölkerungsgruppen, nicht aber in den nationalen Medien oder der Politik ein Thema. Die Erschiessung des unbewaffneten jungen Michael Brown im Sommer 2014 in Ferguson, Missouri änderte dies. Die spontan entstandene «Black Lives Matter»-Bewegung portestierte während Monaten landesweit. Überall hielten Demonstrierende ihre Hände in die Höhe und riefen «Hände hoch, nicht schiessen» – als Erinnerung an Michael Brown, der laut Zeugen die Hände hoch hielt, als er erschossen wurde. Die Bewegung hat eine nationale Debatte angestossen, die noch heute geführt wird. Darüber, weshalb Polizisten unterschiedlich schnell zur Waffe greifen, je nachdem was für eine Hautfarbe ihr Gegenüber hat. Zeitungen berichten ausführlich, Fernsehstationen ebenso.

«  «Du redest halt nicht oft mit Schwarzen.» Das stimmt, und da bin ich keine Ausnahme. »

Wie viele weisse Menschen war ich sehr erstaunt, als ein schwarzer Ehemann einer Freundin – ein Intellektueller und Geschäftsmann – mir davon erzählte, wie er mehrmals grundlos von der Polizei durchsucht, erniedrigt, getreten wurde. Seine Antwort auf mein Staunen: «Du redest halt nicht oft mit Schwarzen.» Das stimmt, und da bin ich keine Ausnahme. Die USA ist stark segregiert, Weisse wissen oft nicht, dass ihre schwarzen Mitbürger in einem ganz anderen Land leben.

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Filmautor Jelani Cobb über seine Erfahrungen mit der Polizei

1:20 min, vom 19.10.2016

Justizministerium wurde aktiv

Präsident Barack Obama mischte sich ebenfalls in die Debatte ein, denunzierte die übertriebene Polizeigewalt, lobte aber gleichzeitig die Arbeit der Polizisten generell. Er vollführte einen rhetorischen Hochseilakt. Sein Justizministerium hat aber getan, was es konnte. Es untersuchte zahlreiche Polizeibehörden auf Bürgerrechtsverletzungen: Neben Ferguson, Missouri auch Cleveland, Ohio, Newark in New Jersey sowie Baltimore, Maryland. Alle wurden gezwungen, Reformen durchzuführen. Das US-Justizministerium hat zudem Empfehlungen herausgegeben: Polizisten sollen sich stärker in der Gemeinschaft, in der sie arbeiten, integrieren. Sie sollen anders geschult werden, lernen, Situationen zu deeskalieren, damit es nicht zur Gewalt kommt. Oder sich ihren unbewussten Vorurteilen stellen und lernen, wie sie mit ihnen umgehen können.

Polizeigewalt hält an

Die Wirkung dieser Debatte blieb aber bisher praktisch aus. Laut der Washington Post sind die Tötungen durch die Polizei im ersten Halbjahr 2016 höher gewesen als in der gleichen Periode ein Jahr zuvor. Denn solche Reformen brauchen Zeit, auch wenn sie wirklich angestrebt werden. Doch der Widerstand innerhalb der Polizeikorps ist gross, viele fühlen sich von den Demonstrantinnen und Aktivisten dämonisiert. «Leute beschimpfen uns, wenn wir jemanden festnehmen, ohne zu wissen, weshalb wir das tun», sagt mir eine junge Polizisten in Berkeley, Kalifornien. Sie fühle sich ungerecht behandelt.

Polizist mit Anschrift auf Rücken «Newark Police»

Bildlegende: «Leute beschimpfen uns, ohne zu wissen, weshalb wir jemanden festnehmen.» Polizist in Newark Sreenshot

Auf der politischen Ebene hat es ebenfalls Widerstand gegeben. «All lives matter» ist ein nur schwach verklausulierter Slogan unter Republikanern, der die «Black lives Matter»-Bewegung als Gruppierung mit rassistischen Tendenzen betitelt. Die Erschiessungen von fünf Polizisten aus einem Hinterhalt in Dallas hat die Wahrnehmung zusätzlich verändert, die Sympathie zu Gunsten der Polizei verschoben.

Und: in mehreren US-Städten, wie etwa Chicago, Los Angeles und Dallas steigt die Gewalt erstmals seit Jahrzehnten wieder an. FBI-Chef James Comey argwöhnte, das sei, weil sich die Polizei vor lauter Kritik nicht mehr wage, einzugreifen. Seine Äusserung bleibt eine reine Behauptung, da es noch keine Untersuchungen dazu gibt. Sie heizt aber weiterhin die Stimmung gegen die polizeikritischen Kreise an. Deren Frust und Ohnmacht wächst mit jeder weiteren Nachricht, dass ein unbewaffneter Mann von der Polizei getötet wurde.

Zur Autorin

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Priscilla Imboden berichtet seit 2013 als SRF-Korrespondentin aus San Francisco. Die schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin verfügt über einen tiefen Einblick in die polarisierte US-Gesellschaft.

«DOK» am Mittwoch

«Im Visier: Die Polizei», 19.10.2016, 22.55 Uhr SRF 1

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