Sexuell missbraucht «Ich wollte nicht Frau werden, damit er mich nicht besitzen kann»

Zwei Frauen, ein Schicksal – Sabine Bühler (46) und Iris Galey (81) wurden als Kinder aufs Schändlichste sexuell missbraucht. Die beiden kämpfen bis heute gegen die Folgen des Missbrauchs. Doch nicht nur dies – der Missbrauch zerstört Familien und überschattet die nachfolgenden Generationen.

Iris Galeys Kindheit war ein Albtraum – Nacht für Nacht verging sich ihr Vater, Direktor eines Basler Pharmakonzerns, an ihr. Eingeschüchtert von dessen Todesdrohungen, bewahrte die kleine Iris das schreckliche Geheimnis zwischen ihr und ihrem sadistischen Vater bis zu ihrem 14. Lebensjahr. Als sie das Schweigen brach und sich Geschäftspartnern ihres Vater offenbarte, erschoss sich dieser. Zurück blieb eine schwer traumatisierte Tochter, die sich das Rüstzeug für ein gesundes und glückliches Leben nie hatte aneignen können.

Mit ihrem Buch «Ich weinte nicht, als Vater starb.», belegte Iris Galey 1986 die Bestseller-Listen auf der ganzen Welt.

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Iris Galey: «Ich war die Fliege an der Decke»

23 min, aus Reporter vom 23.10.2016

«  Ich möchte essen, zunehmen, eine Frau werden »

Sabine Bühler

Der Missbrauch an Sabine Bühler schockierte Ende der neunziger Jahre die ganze Schweiz: Ein Primarlehrer und Turntrainer hatte über Jahre hinweg mehrere seiner Turnerinnen sexuell missbraucht und abhängig gemacht. Sabine Bühler war das Hauptopfer des Turntrainers: Sieben Jahre lang musste sie ihm Tag und Nacht zu Willen sein. Als Reaktion auf seine ständigen Penetrationsversuche, beschloss Sabine Bühler als 13-Jährige, nicht mehr zu essen, nicht weiter zu wachsen und so nicht zur Frau zu werden. Ihre Strategie von damals war erfolgreich: Heute ist sie 46 Jahre alt, 141 Zentimeter gross, ihr Gewicht schwankt um die 30 Kilogramm – die Masse einer untergewichtigen Zehnjährigen.

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Sabine Bühler: Nach 34 Jahren Magersucht zurück ins Leben

23 min, aus Reporter vom 12.11.2017

Jahrzehntelanges Leiden

Sabine Bühler befreite sich mit 19 Jahren aus der totalen Abhängigkeit von ihrem Turntrainer, doch ihr Leiden dauert an – Zwangsstörungen, Medikamtenmissbrauch, Depressionen und lange Klinikaufenthalte liessen sie, die heute von einer IV-Rente lebt, nie einer geregelten Arbeit nachgehen. Auch ihre Angehörigen leiden bis heute unter den Folgen der sexuellen Ausbeutung: Sabine Bühlers Mutter muss, genau wie ihre Tochter, den Vertrauensmissbrauch verarbeiten, der ihr vom übergriffigen Turntrainer angetan wurde. Für ihre kranke Tochter war sie jahrelang rund um die Uhr verfügbar.

Zerrüttete Familien als Folge des Missbrauchs

Auch Regina und Bettina wurden vom gleichen Turntrainer über Jahre hinweg sexuell missbraucht. Als junge Erwachsene litten sie noch Jahre lang unter Essstörungen, Depressionen, Drogenproblemen. Heute haben sie den sexuellen Missbrauch verarbeitet. Doch die Tatsache, dass ihre Eltern sie nicht vor den Übergriffen des Turntrainers beschützten und diese als Lappalien abtaten, konnten sie bis heute nicht verwinden. Regina musste sogar mit der Ungeheuerlichkeit leben, dass Mutter und Vater mit dem verurteilten Kinderschänder eine freundschaftliche Beziehung – bis hin zu gemeinsamen Ferien – unterhielten. Der Täter hat seine Zuchthausstrafe von 3 ¼ Jahren abgesessen. Aber er hinterlässt zerstörte Existenzen und zerrüttete Familien.

Der Missbrauch überdauert Generationen

Iris Galey brauchte ein ganzes Leben, um die Folgen des Missbrauchs zu verarbeiten: «Wenn ich ihn oral oder manuell befriedigen musste, war ich die Fliege an der Decke, die Wolke am Himmel. Ich habe damals nur funktioniert, nicht existiert.»

Aus diesem Gefühl des Nichtexistierens, entwickelte sich später ein enormer Geltungsdrang, analysiert Iris Galey ihr Leben heute. Mit dieser narzisstischen Störung stiess sie in ihrem Umfeld auf Ablehnung. Die Beziehung zu ihrer Tochter Isy, die heute in Australien lebt, wurde dadurch zerstört. «Wenn meine Mutter da ist, habe ich das Gefühl, dass ich nicht existiere. Ich fühle mich nicht gesehen und nicht gehört – alles dreht sich nur um sie. Das ist keine Beziehung.», sagt Isy über ihre Mutter Iris Galey. So legt sich der Schatten des Missbrauchs, der vor fast 80 Jahren geschah, auch auf die Nachkommen der Missbrauchsopfer und hinterlässt dort weitere schwer verletzte Seelen.

Der Dokfilm von Helen Arnet zeigt, wie der Missbrauch auch Jahrzehnte nach der Tat seine Kreise zieht.

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