Inge Ginsberg: Die rockende Ur-Oma

Lebenskünstlerin Inge Ginsberg hat viel zu berichten und noch mehr zu lachen – im Alter von 94 Jahren macht sie Yoga, schreibt Gedichte und tanzt auf der Bühne. Sie will alles – ausser sterben. Filmautorin Vanessa Nikisch begleitete sie.

Video «Inge – hinter den Kulissen» abspielen

Inge – hinter den Kulissen

22 min, aus Reporter vom 14.2.2016

«Weisst du, Vanessa, wenn du müde bist, siehst du 20 Jahre älter aus.» Das hat gesessen. Es will schliesslich niemand älter aussehen. Besonders nicht, wenn der Hinweis von einer Frau kommt, die mehr als doppelt so alt ist, wie man selbst: 94 Jahre alt, und dabei etliche Jahre jünger scheint.

Inge Ginsbergs Gesicht leuchtet wie ein Fixstern durch die Zeit. Unauslöschlich. Zumindest solange es Publikum hat – und das hat es in der Castingshow «Die grössten Schweizer Talente» von morgens bis abends. Inge Ginsberg nimmt als Sängerin teil, und ich begleite sie.

Statt Schlager, lieber Rock

Der Scheinwerfer leuchtet und Inge strahlt. Da steht sie mit 94 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Eingepackt in ein scharlachrotes Abendkleid, passend zum Lippenstiftmund. Gleich kommt die Posaune und die Big Band wird familienfreundlich-seifige Unterhaltung bieten. Ich bin jetzt schon dösig.

Video ««Ich rede mit meinen Zellen»» abspielen

«Ich rede mit meinen Zellen»

0:36 min, vom 14.2.2016

KRZIIIIIIIRZK! Ich bin wieder hellwach! Eine Elektrogitarre gellt höllenlaut auf, etwas wie Punk oder Metal brettert durch den Saal. Und Inge? Inge schreit: «Wir zertrümmern Atome, wir zertrümmern die Welt.» Eine rockende Ur-Oma, das reisst alle aus ihren Sitzen. Attraktion! Aber warum eigentlich? Muss man im Alter Schlager singen, schunkeln, Stimmungsaufheller schlucken, Stadttauben füttern, sterben. So?

«Habt auch im Alter Sex!»

Inge Ginsberg zeigt: Nein, muss man offensichtlich nicht. Ich weiss auch nicht, weshalb ich bislang das Gefühl hatte: Es ist dann auch mal gut... Tschüss sagen. Bevor man stumpf wird, klein und verdorrt. Ich habe meinen Opa (96) vor Augen, wie er liegt und – wie mir scheint – sonst gar nichts mehr tut. Inge ist der Gegenentwurf. Dank guter Gene, so sehe ich das.

Video ««Das wichtigste ist der Krieger»» abspielen

«Das wichtigste ist der Krieger»

0:43 min, vom 14.2.2016

Sie sieht das allerdings anders und lobt die Langlebigkeitslehre ihres Anti-Aging-Gurus. Dazu gehören nebst Yoga-Übungen auch Gespräche mit den eigenen Körperzellen. Und: Sex. Wie Inge gleich zu Beginn der Castingshow ungefragt in die Kameras verkündet. Botschaft an alle!

Die Überlebenskünstlerin

Es ist nicht unbedingt Inges Gesang oder ihre Performance – nein, das Ticket in die Show ist ihr Alter. Es ist wie bei kleinen Kindern oder Tieren. Die müssen nur da stehen und schon gibt es Punkte. Ach, wie knuffig und goldig! Das ist Inge bewusst.

Sie will ja auch nicht die Jury oder das Publikum bespassen, sondern in erster Linie sich selbst. Schliesslich hat sie so manches überlebt: den Holocaust, Hollywood, drei Ehemänner und mehrere Liebhaber. Das ist schon Leistung genug, ganz klar! Nun will sie noch die nächsten 30 Jahre «überleben», 120 Jahre alt werden. Während ich Inge so zuschaue, denke ich: Ja, die schafft das. Wetten?!

Zur Autorin

Zur Autorin

Vanessa Nikisch (*1971 in Berlin) startete als 23-Jährige bei Tele Züri als TV-Journalistin. 2004 wechselte sie zur «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, 2014 zu «DOK».

«DGST»

Am Samstag 20. Februar startet die vierte Staffel von «Die grössten Schweizer Talente» um 20.05 Uhr auf SRF1. Inge ist mit dabei.

Sendung zu diesem Artikel