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Sexueller Missbrauch Jürg Jegges geschlossenes System

Missbrauchsopfer erheben neue Vorwürfe gegen den «Lehrer der Nation»: Finanzierung von Heroinkonsum, Nicht-Einschreiten nach einem Suizidversuch. Jürg Jegge beschäftigte Schüler, die er sexuell missbrauchte, später als Lehrmeister in der «Stiftung Märtplatz». So schuf er ein geschlossenes System.

Legende: Video Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik abspielen. Laufzeit 51:00 Minuten.
Aus DOK vom 05.10.2017.

Markus Zangger machte im April Schlagzeilen mit dem Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» über den sexuellen Missbrauch des einstigen Starpädagogen. «DOK»-Recherchen zeigen jetzt: Vier weitere Sonderschüler und Opfer waren wie Markus Zangger noch weit bis ins Erwachsenenalter abhängig von Jürg Jegge – psychisch und finanziell.

Einer von ihnen war Markus Zanggers Bruder Daniel. Auch er besuchte Jürg Jegges Sonderklasse in Embrach anfangs der 1970er Jahre und wurde vom Pädagogen missbraucht. Später brach er eine von Jürg Jegge vermittelte Lehre ab und arbeitete als Hilfsarbeiter. Als er 30 Jahre alt war, bot ihm Jürg Jegge eine Lehrstelle in seiner «Stiftung Märtplatz» an. Jürg Jegge gründete die Ausbildungsstätte für junge Erwachsene mit psychischen und sozialen Problemen 1985 und präsidierte sie bis 2011, als er altershalber zurücktrat.

Legende: Video Markus Zangger sieht Filmaufnahmen ehemaliger Jegge-Schüler abspielen. Laufzeit 1:01 Minuten.
Aus DOK vom 05.10.2017.

Daniel Zangger figuriert in der «Märtplatz»-Gründungsphase als stellvertretender Chef. Diese Position aber hatte er faktisch nie inne: «Ich war damals Koch-Lehrling».

Nach der Lehre verliess Daniel Zangger den «Märtplatz», kehrte aber abermals zurück, als Jürg Jegge ihn bat, als Koch-Lehrmeister schwierige Jugendliche auszubilden. In der Privatwirtschaft wäre eine solche Anstellung unmöglich gewesen, sagt Daniel Zangger. Er hatte keinerlei Praxiserfahrung.

Der 'Märtplatz' war wie eine kleine Sekte.
Autor: Daniel ZanggerMissbrauchsopfer

Wurden Steuergelder verschleudert?

Der Geist der 68er war seit 30 Jahren Vergangenheit, am «Märtplatz» aber galt er nach wie vor. Ein ehemaliger Lehrmeister sagt «DOK» gegenüber, dass Lehrlinge oft nur halbtags oder gar nicht erschienen seien.

Laut einer «Märtplatz»-Statistik von 1999 finanzierte die Invalidenversicherung die Ausbildung der Lehrlinge im Schnitt 4 Jahre lang. Vereinzelt bezahlte die IV sogar während sieben Jahren. Das war aber keine Garantie für Erfolg: Nur die Hälfte der «Märtplatz»-Lehrlinge war nach der Ausbildung nicht mehr voll von der IV abhängig. Die IV schreibt, sie erfasse die Ausgaben für «Märtplatz»-Lehrlinge erst seit dem Jahr 2000 elektronisch: Zwischen 2000 und 2012 habe sie insgesamt 24,5 Millionen Franken an den «Märtplatz» bezahlt. Ob damals Steuergelder verschleudert wurden, kann die Versicherung nicht ausschliessen. Erst seit 2012 untersucht sie die Qualität von Institutionen wie dem «Märtplatz» systematisch.

Geschlossene «Märtplatz»-Gesellschaft

«Der 'Märtplatz' war wie eine kleine Sekte», sagt Missbrauchsopfer Daniel Zangger. Die Angestellten hätten sich als Auserwählte in einem speziellen System gewähnt. Gleich wie ihm erging es zwei anderen ehemaligen Sonderschülern und Missbrauchsopfern, die Jürg Jegge ebenfalls als Lehrmeister beschäftigte.

«Märtplatz»-Stiftungsrätin Hanna Brauchli und der langjährige Vizepräsident des Stiftungsrats Werner Ebneter reagieren alarmiert: «Das ist eine Frechheit!» Jürg Jegge habe die Opfer wohl angestellt, um seine Missbrauchspraxis zu verdecken. Ebneter, damals Gemeindepräsident der «Märtplatz»-Standortgemeinde Rorbas, erinnert sich, dass Jürg Jegge den Stiftungsrat zur Mehrheit mit Lehrlingen und Lehrmeistern besetzen wollte. Die kantonale Stiftungsaufsicht habe das aber verhindert.

Damit ich die Schnauze halte.
Autor: Paul SpeckMissbrauchsopfer

Sexueller Missbrauch auch bei Lehrlingen

Jürg Jegges Aussagen, er habe keine «Märtplatz»-Lehrlinge missbraucht, widersprechen ehemalige Lehrlinge und Angestellte.

«So ein Quatsch!» sagt IV-Rentner Paul Speck. Als 16- bis 19jähriger Lehrling sei er von Jürg Jegge auf Reisen nach Wien missbraucht worden. Er wisse darüber hinaus von vier weiteren Lehrlingen, die ihm von sexuellen Übergriffen erzählt hätten.

Legende: Video IV-Rentner Paul Speck spricht über den Missbrauch abspielen. Laufzeit 1:36 Minuten.
Aus DOK vom 05.10.2017.

Finanzierung von Heroinkonsum

Der heute 48jährige Paul Speck wirft Jürg Jegge ausserdem vor, seinen Heroinkonsum mitfinanziert zu haben. Auch er war früher Schüler bei Jürg Jegge, der Missbrauch habe im Alter von etwa 13 Jahren begonnen. Als 16jähriger sei er zum Fixer geworden. Jürg Jegge habe ihm Geld gegeben im Wissen darum, dass er es für Drogen ausgebe.

«Damit ich die Schnauze halte.» Jegge gebe ihm auch heute noch Geld. In den letzten 35 Jahren seien es rund 14'000 Franken gewesen, sagt Paul Speck.

Jürg Jegge hat seine Fürsorgepflicht total vernachlässigt.
Autor: Andreas GuggenbergerMissbrauchsopfer

Vernachlässigung der Fürsorgepflicht

Auch Gelegenheitsarbeiter Andreas Guggenberger wurde von Jürg Jegge sexuell missbraucht. Er habe neun Monate lang als Schüler in Jegges Haus gewohnt, sei aber insgesamt nur während vier Tagen zur Schule gegangen.

Der antiautoritäre Lehrer habe gesagt, sein Schüler ertrage keinen Druck. In den ersten Monaten habe ihm Jürg Jegge viel Aufmerksamkeit geschenkt und lange Gespräche mit ihm geführt. Nachdem sich Jürg Jegge einem anderen Schüler zuwandte, habe er sich oft betrunken und einen Selbstmordversuch unternommen. Andreas Guggenberger zu «DOK»: «Jürg Jegge hat seine Fürsorgepflicht total vernachlässigt.»

Keine Stellungnahme von Jürg Jegge

Der gefallene Starpädagoge nimmt keine Stellung. Er schreibt, er wolle zuerst den Ausgang der Strafuntersuchung abwarten. «DOK»-Recherchen zeigen: Diese steht vor dem Abschluss. Die Zürcher Staatsanwaltschaft will die Strafuntersuchung gegen den Pädagogen voraussichtlich einstellen – der Missbrauch sei verjährt.

«DOK» am Donnerstag

«Das System Jegge – Missbrauch im Schatten der Reformpädagogik», Donnerstag, 5. Oktober 2017, 20:05 Uhr, SRF1

Jegges dunkle Seite

Jegges dunkle Seite

Markus Zangger war ein Schüler Jegges. Im April 2017 machte er den Missbrauch in seinem Buch «Jürg Jegges dunkle Seite – Die Übergriffe des Musterpädagogen» publik.

12 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Ebenso auffällig wie Sexualstraftäter, ist leider immer noch das gesamte Behörden-Ämter-Ärzteschaft-Politik-Umfeld, welche offensichtlich mit der klaren Beurteilung/Verurteilung dieser Täterschaft, 2017 immer noch überfordert und damit unfähig ist, diese für immer zu verwahren, damit es zu keinen Wiederholungstaten und somit weiteren - lebenslänglich traumatisierten - Opfer kommen kann!!
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  • Kommentar von Michael Palomino (Natronheiler)
    GIGAFEHLER AM LAUFMETER Jegge hat 2 Gigafehler gemacht: Die Hilfe zur Selbsthilfe wurde nicht eingehalten - und der Missbrauch geht gar nicht. Gleichzeitig haben auch die Eltern der betroffenen Kinder Gigafehler gemacht, so dass diese Kinder orientierungslos und traumatisiert zu Jegge kamen. Eventuell sind da noch Schandtaten von Kinderheimen mit drin. Und auch die Medien machen einen Gigafehler: Sie zählen nur die negativen Fälle auf, und die all die positiven Fälle werden unterschlagen.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Wer sexuelle Täter straffrei mit ihren abartigen, kriminellen Taten davonkommen lässt, macht sich ebenfalls als Mittäter schuldig an den lebenslänglich traumatisierten Opfern!! Verjährung solcher Taten - wer sich 2017 immer noch dafür ausspricht, macht sich mitschuldig an den Opfern!! Die Frage ist: was sind das für zuständige, teure Verantwortliche im "System" der Rechtsprechung, welche noch immer die Täterschaft schützen und unterstützen in ihrem "krankhaften" Missbrauchstun??
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