«Schicksal? Pfeiff‘ drauf!»

Claude Cueni hat als Schweizer Schriftsteller international Erfolg mit seinen historischen Romanen über Henker, Räuber und Römer. Der heute 60jährige erfindet Geschichten seit einem Kirchenbesuch in früher Kindheit. Seine grösste Geschichte aber ist die seines eigenen Lebens.

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Eine Biographie der Schicksalsschläge

2:08 min, vom 18.9.2016

Ironie? Schicksal? Einfach purer Zufall, würde Claude Cueni sagen und die Sache nicht weiter deuten. Jedenfalls nahm ich nach einer Operation im Spitalbett liegend seine Autobiographie «Script Avenue» zur Hand, die ich mir vor längerer Zeit besorgt hatte. Zwar wusste ich, dass der Cueni mal ziemlich krank war, aber dass er sein Leben selber im Spitalbett liegend niederschrieb, buchstäblich auf den Tod wartend, das wusste ich nicht.

Und dann diese Offenbarung: so kraftvoll, witzig, selbst- und schonungslos haben wohl nur wenige Autoren ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben. Die 640 Seiten haben mir meinen zweitägigen Spitalaufenthalt zum Erlebnis gemacht. Ich kontaktiere Cuenis Verlegerin Gabriella Bauman-von Arx und lerne einige Monate später den Schriftsteller kennen.

Sarkastisch und scheu

Wie alle muss ich mir, zu Besuch bei Cueni in Allschwil/BL, zuerst die Hände desinfizieren. Zwar ist er auf einem zuversichtlichen Weg der Genesung, aber noch ist sein Körper nach den Anti-Leukämitherapien und der Knochenmark-Transplantation äusserst schwach und anfällig. Ich lerne einen bescheidenen Mann kennen, dessen klare Ansichten über das Leben und die Welt scharf mit seinem zurückhaltenden Auftreten kontrastieren. Für mich macht das den Menschen und Autoren Cueni nur noch interessanter. Kraftvolle Sprache, Sarkasmus und schonungslose Offenheit im Buch – scheu und eher schüchtern als reales Gegenüber.

Flucht in die Vergangenheit: Cuenis Geschichten drehen sich oft um historische Ereignisse.

Bildlegende: Flucht in die Vergangenheit: Cuenis Geschichten drehen sich oft um historische Ereignisse. SRF

Und Cueni sagt zu, ohne Wenn und Aber. Ohne Wenn und Aber heisst, dass er alles mitmacht, was ihm gesundheitlich möglich ist. Cueni hat nur noch einen Teil seiner Lunge, ist deshalb schnell erschöpft, was ihn immer wieder ärgert. Ohne Wenn und Aber heisst, dass er mit mir «zurück» reist nach Boncourt/JU in jene Kirche, die ihn zum Geschichtenerzählen inspirierte – eine Reise, die viele unschöne Erinnerungen weckt. Ohne Wenn und Aber heisst auch, dass er mir kaum einen Wunsch ausschlägt, mich machen lässt und mir grosses Vertrauen entgegen bringt.

Kapitän Haddock: Wie die Comic-Figur lässt sich Cueni durchs Schicksal nicht vom Weg abbringen

Bildlegende: Kapitän Haddock: Wie die Comic-Figur lässt sich Cueni durchs Schicksal nicht vom Weg abbringen SRF

Etwas tun fürs Glück

Vertrauen auch, was meine filmische Vision für diesen «Reporter» betraf. Ein Autor lebt von seiner Phantasie, seinen Ideen, seinen Texten – all das lässt sich schlecht filmen, lässt sich nicht einfach so in Bildern erzählen. Deshalb habe ich mir eine besondere Form ausgedacht, um Cuenis Schöpfungskraft als Autor – seine «Script Avenue», wie er es nennt –, visuell darzustellen. Ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, hat sich Claude Cueni auch diesen mehrstündigen Dreharbeiten «unterzogen».

Überzeugter Atheist: Die rabiate Religiosität seiner Mutter machte Cueni zum konsequenten Skeptiker

Bildlegende: Überzeugter Atheist: Die rabiate Religiosität seiner Mutter machte Cueni zum konsequenten Skeptiker SRF

Ich habe einen beeindruckend starken Menschen erlebt, der weiss, was er in seinem Leben will. In unseren vielen Gesprächen hat Claude etwas immer wieder betont: Das Leben ist nicht gerecht. Wenn man das akzeptiert und etwas für sein eigenes Glück tut, dann können trotzdem Träume wahr werden.

Diesen Gedanken habe ich, analog zu Cuenis Buch «Script Avenue», zum Leitmotiv dieser filmischen Biographie gemacht.

Zum Autor

Zum Autor

Michael Perricone arbeitet für die «Rundschau» als Autor und Produzent. Davor war er als Stv. Redaktionsleiter von «10vor10» tätig. Mit dem Film über Claude Cueni zeigt er seinen zweiten «Reporter».

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