Schweiz an vierter Stelle Waffen: So begehrt wie nie zuvor

Weltweit steht die Schweiz in der Rangliste des privaten Waffenbesitzes an vierter Stelle. Fast alle Kantone registrieren massiv mehr Gesuche für Waffenerwerbsscheine. Derweil sinkt die Kriminalitätsrate seit Jahren insgesamt. Zahlen und Fakten zu Waffen in der Schweiz.

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Schütze sich, wer kann – Mit Waffen gegen die Angst

0:30 min, vom 23.3.2017

Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz mehr Waffenerwerbsscheine ausgestellt, als je zuvor. Spitzenreiter sind die beiden Kantone Genf (+49.2%) sowie Uri (+49.36%). Aber auch in anderen Kantonen beantragten 2016 viel mehr Menschen eine Waffe als noch 2015: Aargau (+40.34%), Thurgau (+38.97%), Glarus (+39.5%), Nidwalden (+38.5%) und Zug (+36.75%).

Die meisten anderen Kantone verzeichnen eine Zunahme zwischen 20 und 30 Prozent. Einzig im Kanton Jura wurde 2016 nur gerade ein Waffenerwerbsschein mehr ausgestellt als im Jahr zuvor.

Eine Frau übt sich mit ihrer Waffe.

Bildlegende: Eine Waffe gibt Gaby Niggli ein Gefühl von mehr Sicherheit. SRF

Menschen fühlen sich verunsichert?

Der Bund schätzt, dass in Schweizer Haushalten rund zwei Millionen Waffen lagern. Die in Genf beheimatete Organisation «Small Arms Survey», die die weltweite Verbreitung von Waffen erforscht, geht sogar von 3.4 Millionen Schiesseisen aus, die hierzulande im Umlauf sind.

Weltweit steht die Schweiz auf der Rangliste des privaten Waffenbesitzes an vierter Stelle hinter den USA, dem Jemen und Serbien. Im Rahmen einer SRF-Umfrage unter Waffenbesitzern und Waffenexperten gaben die interviewten Personen als Ursache für die Zunahme der Waffenverkäufe an, dass viele Menschen sich verunsichert fühlen würden. Die Terroranschläge in Europa, die Flüchtlingsströme, die offenen Grenzen und die allgemeine politische Lage wurden als häufigste Gründe angegeben.

Die Kriminalität sinkt insgesamt in der Schweiz

Derweil sinkt in der Schweiz die Kriminalitätsrate seit Jahren kontinuierlich. Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik wurden zwischen 2012 (Anzahl Delikte: 750‘371) und 2015 (Anzahl Delikte: 487‘611) schweizweit 35 Prozent weniger Straftaten begangen.

Auch die Zahl der verurteilten ausländischen Personen nahm 2015 im Vergleich zum Vorjahr 2.24 Prozent ab (2014: 58‘302/ 2015: 56‘995). Statistische Zahlen würden die Menschen aber weniger beeindrucken als beispielsweise Einzeltaten, die in den Medien für Schlagzeilen sorgen, sagt Psychiater Josef Sachs. Laut Sachs habe der Vierfachmord im aargauischen Rupperswil dazu beigetragen, dass viele Leute sich stärker verunsichert fühlen würden.

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«Angst wird durch das persönliche Erleben geprägt.»

0:41 min, vom 23.3.2017

In den USA liegt die Quote zehnmal höher

Trotz Rückgang der Gesamtdelikte haben laut Bundesamt für Statistik (BFS) zwischen 2015 und 2016 die Tötungsdelikte mit Waffen um 100 Prozent zugenommen (von 18 auf 36). Diesen kurzfristigen Anstieg dürfe man aber nicht überinterpretieren, sagt Stephan Gysi, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim BFS. Denn der langfristige Trend zeigt auch bei Tötungsdelikten einen deutlichen Rückgang.

Laut einem UNO-Report aus dem Jahre 2000 waren in der Schweiz pro 100‘000 Einwohnern 0.5 Prozent Tötungsdelikte mit einer Schusswaffe begangen worden. In den USA liegt diese Quote zehnmal höher: fünf Prozent pro 100‘000 Einwohner.

Ein Porträt von Doris L. Ihr Mann erschoss sich vor ihren Augen mit einer Armeewaffe.

Bildlegende: Der Mann von Doris L. erschoss sich vor ihren Augen mit einer Armeewaffe. SRF

Viele Suizide mit Armeewaffe

Abgesehen von Finnland verzeichnet kein Land in Europa eine so hohe Rate an Schusswaffensuiziden wie die Schweiz. Sie liegt fast dreimal so hoch wie der Mittelwert Europas (Studie Värnik, 2008). In der Schweiz werden jährlich rund 200 Suizide mit einer Waffe verübt. In früheren Jahren waren es circa 300 Menschen, die sich mit einer Waffe das Leben nahmen.

Ein sprunghafter Rückgang an Suiziden durch Schusswaffen wurde ab 2003 verzeichnet. Damals wurde der Bestand der Armee im Rahmen der «Armee 21» reduziert. Die Korrelation dieser beiden Werte lässt auf einen starken Zusammenhang mit der Armeereform schliessen.

95 Prozent aller Schusswaffensuizide werden von Männern begangen. Am meisten betroffen von Selbsttötungen mit einer Waffe ist die Altersgruppe zwischen 20 bis 39 Jahren. Insgesamt vier Studien liegen vor, die Schusswaffensuizide untersuchten, die mit einer Armeewaffe begangen wurden. Auch wenn diese Studien unterschiedliche Erhebungsorte und Zeiträume aufweisen, so zeigen sie doch übereinstimmend, dass etwa die Hälfte aller Schusswaffensuizide mit einer Armeewaffe ausgeführt wurden.

«DOK» am Donnerstag

«Schütze sich, wer kann – Mit Waffen gegen die Angst», Donnerstag, 23. März 2017, 20.05 Uhr, SRF1.

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