«Ein Turnverein ist wie eine zweite Familie»

SRF bewegt: «Einstein»-Moderator Tobias Müller ist seit 25 Jahren im Turnverein Mels. Er lebt sein Hobby mit Leidenschaft; der Verein ist für ihn Heimat. Doch wie sehen Jugendliche das traditionelle Vereinsleben heute? Ein Gespräch über Nachwuchssorgen, neue Angebote und die Zukunft des Sportclubs.

«Einstein»-Moderator Tobias Müller turnt in einem Freizeit-Park an Eisenstangen in Zürich.

Bildlegende: Moderator Müller im Hobby-Einsatz: Tobias trainiert auch abseits der klassischen Turngeräte – hier die «Human Flag» im Street-Workout-Park in Zürich. Privat

SRF: Tobias, seit 25 Jahren bist du nun im Turnverein – warum?

Der Turnverein war meine erste Liebe. Mein Vater war Jahrzehnte lang Turner und hat mich schon in zartem Alter ein erstes Mal in die Halle mitgenommen. Von da an war’s um mich geschehen. Das Turnen packte mich sofort und somit war der Grundstein für eine Laufbahn im Turnverein Mels gelegt.

Wie hat sich der Turnverein entwickelt in dieser Zeit?

Die Entwicklung ist enorm. Die klassischen Turn- und Leichtathletikdisziplinen, die ich noch aus meines Vaters Wettkampfzeiten kannte, wurden um etliche neue Disziplinen erweitert. Das geht von Team-Aerobic bis hin zu «Fit for Fun». Der Turnsport ist heute deutlich breiter aufgestellt.

Findest du das das positiv oder negativ?

Einerseits wird es immer anspruchsvoller für Veranstalter, Turnwettkämpfe zu organisieren. Die Angebotsfülle, die geboten werden muss, erfordert einen riesigen Organisationsaufwand. Deshalb kommt es immer häufiger vor, dass keine Veranstalter mehr gefunden werden, die das alles leisten können. In den letzten Jahren mussten gleich zwei Mal die Schweizermeisterschaft im Vereinsturnen ausgelassen werden, weil sich kein Veranstalter fand.

Aber andererseits hält die Angebotsvielfalt der sportlichen Disziplinen die Turnverein-Szene am Leben. Heute wird für den leicht Sportlichen bis hin zum Spitzenturner etwas geboten. Die Turnfamilie lädt jeden ein. Und Hauptsache ist doch, dass der Bewegungsgedanke im Vordergrund steht – in welcher Form auch immer.

Hat sich das Vereinsleben im Allgemeinen verändert?

Hier spielt die gesellschaftliche Veränderung eine grosse Rolle. Das geht vom sportlichen Angebot bis hin zur Mobilität, die in den letzten Jahren zugenommen hat und ganz neue Welten erschliesst. Mein Vater erzählt immer wieder, dass es früher bei uns im kleinen Dorf eigentlich vor allem den Turnverein gab, der den Dreh- und Angelpunkt des Freizeitlebens darstellte.

Heute herrscht ein enormer Angebotspluralismus und man ist viel mobiler geworden. Ich sehe es in unserem Verein. Die jungen Leute wollen nicht mehr nur den Turnverein. Sie probieren alle möglichen Sportarten aus. Der Turnverein ist nicht mehr der unumstrittene Mittelpunkt des Freizeitlebens, sondern einfach noch ein Teil davon.

Hast du die Konkurrenz durch andere Sportarten gespürt?

Ja, sehr. Ich war mehrere Jahre Leiter unserer Akrobatik-Klamauk-Truppe «D’Holmikers», mit der wir unter anderem am Zirkusfestival in Monte Carlo auftreten konnten. Wir mussten in den letzten Jahren immer wieder Auftritte bei anderen tollen Shows absagen, weil wir schlicht nicht genug Leute aus den eigenen Reihen zusammengebracht haben. Das ärgert – allerdings nur im ersten Moment. Heute spielen halt auch andere Interessen mit. Aber ich will nicht klagen. Unser Verein läuft nach wie vor wie geschmiert und erfreut sich grösster Beliebtheit.

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«Einstein»-Moderator Tobias Müller turnt im Zirkus

3:12 min, aus Glanz & Gloria vom 20.11.2012

Wie geht ein Verein mit dieser Konkurrenz um, damit er nicht untergeht?

In unserem konkreten Fall sind beispielsweise die Erfolge ein Anreiz. Der TV Mels gehört mit etlichen Schweizermeistertiteln im Vereinsturnen nach wie vor zur nationalen Spitze. Im Team Jahr für Jahr auf diesen Titel hinzuarbeiten ist ein grosser Reiz für viele sportlich Ambitionierte. Solche Erfolge schweissen zusammen und bewirken, dass die klassischen Disziplinen nicht untergehen. Denn wer einmal im Team Schweizermeister wurde, will es wieder werden. Und ich spreche hier bewusst immer wieder das «Team» an. Den der Teamspirit ist etwas, das man im Turnverein sehr stark geboten bekommt. Mehr noch: Ein Turnverein ist wie eine zweite Familie. Meine engsten Freunde sind alle dabei. Über die Jahre sind unbezahlbare Freundschaften entstanden.

Wohin entwickelt sich der Turnverein in den nächsten zehn Jahren?

Ich denke, es ist richtig und wichtig, dass sich die Turnvereine den sportlichen Trends nicht verschliessen und weiterhin eine breite Angebotspalette bieten. Das muss nicht nur auf Wettkampf-, sondern vor allem auch auf Trainingsebene sein. Im Wintertraining setzt unsere Leichtathletik-Riege unterdessen beispielsweise auf Bodypump, als Abwechslung zum gewöhnlichen Trainingsablauf. Ich glaube, diese Vielfalt, gepaart mit der familiären Komponente eines Turnvereins, ist ein Garant dafür, dass es auch in zehn Jahren noch eine sehr lebhafte Schweizer Turnszene geben wird.

Archivperlen:

Wie sich das Bild vom Turnen in der Vergangenheit wandelte, zeigt unsere Videogalerie mit Beiträgen aus dem SRF-Archiv – von den 50er- bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Zur Person:

Tobias Müller ist in einer Turnerfamilie aufgewachsen. Als er sechs Jahre alt war, hat ihn sein Vater zum ersten Mal in die Turnhalle mitgenommen – ins Zwergenturnen. Kurz darauf wurde er Kunstturner und schliesslich Vereinsturner des Turnvereins Mels. Sein Verein ist mehrfacher Schweizer Meister im Barren und am Boden.

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