Es bleibt spannend: Die Oscar-Prognose von glanz & gloria

Die Urnen sind geschlossen, die Stimmzettel abgegeben, jetzt muss nur noch ausgezählt werden. Denn am Sonntag ist Wahltag. Aber kein politischer und schon gar nicht hierzulande. Sondern es ist Oscar-Zeit in Hollywood. Doch wer macht das Rennen? Hier die Einschätzung des Hollywood-Experten von g&g.

Oscar-Statuen

Bildlegende: Bald gehts los Dekorative Oscar-Statuen stehen in Hollywood für die grosse Preisverleihung am Sonntag bereit. Reuters

Les Jeux sont faits. Bis Dienstag fünf Uhr Nachmittags hatten die 5856 wahlberechtigten Mitglieder der Academy of Motion Pictures Arts & Sciences Zeit, ihre Stimme abzugeben. Erstmals hatten sie dieses Jahr die Möglichkeit auch online abzustimmen. Die Gewinner stehen fest – am Sonntag werden sie im Dolby Theater in Hollywood in einer feierlichen Zeremonie bekannt gegeben.

Dabei dürften ein paar Auserwählte (Daniel Day Lewis, Anne Hathaway) der Show gelassen entgegenblicken und ihre (schon längstens ausformulierte) Dankesrede bereits fleissig am üben sein. Andere (Jennifer Lawrence, Robert de Niro) tun zwecks Konkurrenz gut daran, auch ihre Verlierer-Pose zu trainieren.

Bester Hauptdarsteller: Dritter Oscar für Daniel Day Lewis

Immer wieder gibt es ihn, den absoluten Top-Favoriten, auf den im Vorfeld der Verleihung jeder sein hollywoodsches Anwesen setzen würde. Bei Natalie Portman für «Black Swan» vor zwei Jahren war es so, oder bei Javier Bardem für «No Country for Old Men» 2008. Dieses Jahr ist es Daniel Day Lewis für seine Darbietung als Präsident Abraham Lincoln im gleichnamigen Epos von Steven Spielberg. Lewis hat beinahe ausnahmslos alle Preise der Saison gewonnen und dürfte am kommenden Sonntag seinen dritten Oscar als Hauptdarsteller einheimsen, was vor ihm noch keinem gelang. Auf die Nennung eines möglichen Geheimfavoriten sei an dieser Stelle verzichtet. Oder fällt Ihnen auf Anhieb irgendein Co-Nominierter ein? Eben.

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Daniel Day Lewis in «Lincoln»

2:16 min, vom 10.1.2013

Beste Hauptdarstellerin: Jennifer vs. Jessica

Dafür haben die Academy-Mitglieder bei den Damen die Qual der Wahl. Es ist das Duell von Jessica Chastain («Zero Dark Thirty») gegen Jennifer Lawrence («Silver Linings Playbook»). Die Schauspielerin der Stunde gegen das Schätzchen der Gilde. Rotschopf gegen Blondine. Was die in dieser Saison gewonnen Preise betrifft, liegen beide etwa gleichauf und beide feiern ihre zweite Oscarnominierung.

Nun, wir wagen eine Prognose: Jennifer Lawrence gewinnt. Sie ist einfach Everybodys Darling und der leuchtende Star von «Silver Linings Playbook», der vermutlich dank ihr mit acht Nominationen zum Geheimfavoriten der diesjährigen Oscars avancierte. Sollte aus diesem Zweikampf eine Pattsituation resultieren, lachende Dritte wäre die Französin und älteste Oscar-Nominierte aller Zeiten Emanuelle Riva aus «Amour».

Beste Nebendarsteller: Anne Hathaway und Robert de Niro?

Klare Sache bei den Damen. GANZ klare Sache. Ähnlich wie Daniel Day Lewis bei den Hauptdarstellern, gilt Anne Hathaway bei den Nebendarstellerinen als absolute Top-Favoritin. Für ihre Rolle in der Musical-Verfilmung «Les Misérables» nahm sie 13 Kilos ab und singt sich als leidgeplagte Fantine in einer denk- und oscarwürdigen Szene die Seele vom Leib.

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Anne Hathaway in «Les Misérables»

2:24 min, vom 13.2.2013

Als sehr offen gestaltet sich das Rennen hingegen bei den Männern. Christoph Waltz («Django Unchained»), Tommy Lee Jones («Lincoln») und Philipp Seymour Hoffmann («The Master») gehören zum engeren Favoritenkreis. Alle drei haben im Vorfeld eine Menge Preise gewonnen, Hoffmann am meisten. Trotzdem könnte Oscarveteran Robert de Niro ihnen die Trophäe wegschnappen. Vor 20 Jahren war der zweifache Oscargewinner letztmals nominiert – und war ein Academy-Liebling. Und habe ich schon erwähnt, dass sein Film «Silver Linings Playbook» der Überraschungs-Geheimfavorit ist?

Bester Regisseur: Steven Spielberg, wenn nicht Ang Lee

Steven Spielberg hat seinen dritten Regie-Oscar praktisch auf sicher. Könnte man meinen. Aber die Regie-Kategorie ist sowieso zu einer Farce verkommen und wird den verbleibenden Filmemachern nicht gerecht. Der Grund: Drei hochfavorisierte Regisseure wurden bei den Nominationen nicht mal in Erwägung gezogen. Der Aufschrei war gross in der Traumfabrik, als sowohl Kathryn Bigelow («Zero Dark Thirty»), wie auch Quentin Tarantino («Django Unchained») und vor allem Ben Affleck («Argo») eine Regie-Nominierung verwehrt blieb. Freie Bahn also für Spielberg? Nichts dergleichen. Ang Lee («Life of Pi») wird höher gehandelt. Verdiente Sieger – in einem unverdienten Rennen zwar – wären die beiden allemal.

Bester Film: Umso mehr und erst recht – Argo

Muss Ben Affleck also auf eine Regie-Nominierung verzichten, dürfte er dafür als Produzent von «Argo» den wichtigsten Oscar des Abends in die Höhe stemmen und den 12-fach nominierten Favoriten «Lincoln» als Bester Film schlagen. Es wäre die Kompensation für die Verschmähung Afflecks bei den Regisseuren. Eine Theorie, die sich in den letzten Wochen durchaus bestätigt hat. Alle wichtigsten Vor-Oscar-Preise (Golden Globe, Bafta, Producers Guild Awards) hat Ben Afflecks «Argo» schon mal Steven Spielbergs «Lincoln» weggeschnappt.

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«Argo» von und mit Ben Affleck

2:15 min, vom 14.2.2013

Und sollten die grossen Überraschungen bei den Preisträgern dennoch ausbleiben, für unvergessliche Momente ist an den 85. Academy Awards trotzdem gesorgt. Sei es Barbara Streisand, die seit 37 Jahren wieder auf der Oscar-Bühne stehen wird oder Komiker Seth McFarlane, der erstmals als Show-Moderator frei aufspielen kann. Oder die hochkarätigen Laudatoren (Meryl Streep, Nicole Kidman, Charlize Theron), die es tunlichst zu vermeiden versuchen werden, über den Teleprompter zu stolpern.

Statt in der Wandelhalle pressiert, wird auf dem roten Teppich posiert, statt Wahlversprechen werden Dankesreden abgegeben und auch wenn der Ausgang dieser Wahlen unsere Welt nicht unbedingt nachhaltig verändern wird – ein paar aufregend-schöne Stunden wird uns die Oscar-Gala auf jeden Fall bescheren.