Stromboli, die alte Geliebte

Für die Menschen der Antike waren Vulkane Sitz der Götter, im Mittelalter glaubte man, sie seien der Eingang zur Hölle. Der Gegensatz zwischen überirdischer Schönheit und existentieller Bedrohung ist nirgendwo sonst so greifbar wie auf dem Stromboli, dem Leuchtturm des Mittelmeeres.

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Stromboli, die alte Geliebte

9:45 min, vom 18.12.2015

Es war Liebe auf den ersten Blick. Mario Pruiti erinnert sich genau an das Datum seiner Ankunft auf der Insel Stromboli: 21. Juli 1988. Am 30. September desselben Jahres schaute er zum ersten Mal in das glühende Herz der Erde. Das sei, wie man sich auch an die erste Begegnung mit seiner Partnerin erinnert, lacht er. Seine Geliebte ist nicht mehr die Jüngste – etwa 40‘000 Jahre alt. Aber in der Tat scheint die Beziehung der beiden eine dauerhafte zu sein. Damals war er 20, heute ist er 47 und der Vulkan hat ihn in dieser Zeit nicht nur mit einem Zuhause und mit Arbeit beschenkt, sondern auch mit einer nicht nachlassenden Passion.

Stromboli

Bildlegende: Stromboli Fast 900 Meter hoch, 300 Explosionen pro Tag. SRF

Mit Freunden zusammen gründete der studierte Politologe «Magmatrek», ein Unternehmen, das Touristen auf den gut 900 Meter hohen Vulkan führt. Über 2000 Mal stand Mario Pruiti seither oben und blickte in den Schlund, der alle paar Minuten feurige Lavafontänen 100-200 Meter in die Luft schleudert. Rund 300 Explosionen täglich zählt man auf dem Stromboli. Er ist damit der aktivste Vulkan Europas. Da sich der Krater ständig verändert sei jede Tour anders, erzählt Pruiti. «Wenn mich die Leute fragen, wie das sei, so oft den gleichen Berg zu besteigen sage ich: Ich erinnere mich an das erste Mal und an das letzte.» Wie Mario Pruiti das sagt merkt man, dass die Liebe eine tiefe ist.

Männliche und weibliche Vulkane – unberechenbar sind sie alle

Dreharbeiten am Stromboli

Bildlegende: Dreharbeiten am Stromboli. Nina Mavis Brunner im Gespräch mit Vulkanführer Mario Pruiti. SRF

Der östliche Teil Siziliens gehört zu einer vulkanischen Zone. Der grösste der Feuerspeier, der Ätna, hat den Ruf eines Cholerikers. Kaum ein Jahr vergeht ohne Zwischenfälle, die Häuser, Strassen und Skistationen verschütten, selten auch Menschenleben kosten. Die sieben Liparischen Inseln verdanken ihren Ursprung ebenfalls vulkanischer Tätigkeit, wobei nur noch der Vulcano und der Stromboli aktiv sind. Vulcano bezirzt durch seine stinkenden Gase und die grün-gelben Schwefelgebilde, sein letzter Ausbruch aber liegt über 100 Jahre zurück. Ein Grund zur Beruhigung ist das nicht. Im Gegenteil. Anders als der Stromboli, der immer etwas vor sich hinspuckt, erwarten manche Wissenschaftler, dass eine heftige Entladung, wie sie für den Vulcano typisch ist, fällig sein könnte.

Lange stillhalten und dann umso massiver ausbrechen – das ist der Grund, warum die Inselbewohner Vulcano für einen männlichen Vulkan halten, während der Stromboli, der ständig Dampf ablässt, als weibliches Exemplar gilt. Im Film «la voce del vulcano» («Die Stimme des Vulkans») schwärmt Mario Zaìa, ein anderer Stromboli-Führer, zudem von den weiblichen Formen, die der Lavastrom beim Stromboli bilde. Wie dem auch sei. Unumstritten ist jedenfalls seine Attraktivität. Das beweisen nicht nur die Tausenden von Touristen, die ihn jedes Jahr besteigen, sondern auch die Forscher. Da der Vulkan ständig aktiv ist, die Wucht der Detonationen aber einigermassen vorhersehbar und deshalb das Risiko, auf ihm herumzuspazieren, eher klein ist, eignet er sich besonders gut als Testlabor. Aus der ganzen Welt reisen die Wissenschaftler an, bestücken die Hänge des Berges mit Seismographen, Radaren und Gassensoren und machen ihn so zu einem der bestüberwachten Vulkane überhaupt.

In Tuchfühlung mit der Apokalypse

Vulkanführer Mario Pruiti führte die Crew auf den Gipfel des Stromboli.

Bildlegende: Vulkanführer Mario Pruiti führte die Crew auf den Gipfel des Stromboli. SRF

Denn auch weibliche Vulkane sind nicht harmlos. Ende 2002 öffnete sich eine Flanke des Berges und Millionen Kubikmeter Gestein rutschten ins Meer. Sie lösten auf Stromboli und an der Nordküste Siziliens einen kleinen Tsunami aus. Seither dürfen Touristen nur noch geführt auf den Berg. Glück für das Geschäft von «Magmatrek». Aber gleichzeitig auch schade, findet Mario Pruiti. «Früher konnten Abenteuerlustige noch auf dem Krater campieren, ein einzigartiges Erlebnis. Heute ist das nicht mehr möglich.»

Die Zivilschutzbehörden überwachen streng und schliessen den Berg wenn es Anzeichen von Gefahr gibt. Auch 2007 machte der Stromboli wieder Ärger. Das Frühwarnsystem funktionierte, niemand kam zu Schaden. Aber wer damals auf der Insel war, kam in Tuchfühlung mit der Apokalypse. «Ich habe damals den Mythos um Poseidon verstanden», sagt Mario Pruiti. «Ich dachte für einige Sekunden, alles kommt runter. Wie wenn ein Blitz den ganzen Berg in sich zusammenfallen lässt.» Angst? Nein, Angst vor dem Berg habe er nicht. «Höchstens habe ich Angst davor, diesen Ort verlassen zu müssen und nie mehr zurückkehren zu können.»

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