Bürgler: «Spielen besser mit dem Messer am Hals»

Dario Bürgler ist momentan Luganos bester Torschütze. Im Interview spricht der 28-Jährige über fehlende Siegermentalität, seine wiedergefundenen Skorerqualitäten und seine Italienisch-Kenntnisse.

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Bürglers Höhenflug in Lugano

0:49 min, vom 5.10.2016

Sie haben am Dienstag das erste 1/16-Finalspiel in der Champions Hockey League gegen Pilsen mit 4:1 gewonnen. Haben Sie sich gut erholt?

Dario Bürgler: Noch nicht ganz! Es war ein ziemlich intensives Spiel, unsere zwei Tore im letzten Drittel waren wichtig. Ich bin aber froh, dass wir erst am Samstag wieder spielen. Bis dann sollten die Batterien wieder aufgeladen sein.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem Eishockey auf der europäischen Bühne und in der NLA?

Pilsen gehört nicht zu den absoluten Topmannschaften in Europa. Je nach Gegner kann es aber schon sehr intensive Spiele geben. Das Niveau in der Schweiz ist aber mittlerweile so gut, dass wir uns bei internationalen Einsätzen nicht zu verstecken brauchen.

«  Ich spiele lieber, als zu trainieren. »

In der NLA gehört Lugano auf dem Papier zu den stärksten Mannschaften. Trotzdem liegt Ihr Team aktuell unter dem Strich. An was liegt das?

Wir hatten einen relativ schwachen Saisonstart. Das betrifft die Punktausbeute, aber auch die Leistung an sich. Wir spielen besser mit dem Messer am Hals. Wir haben teilweise mit der Einstellung gespielt, dass man gewinnen darf, aber nicht gewinnen muss. So ist es schwierig Punkte zu holen. Dafür ist die NLA schlicht zu gut. Die letzten Spiele haben aber gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Ist die NLA-Qualifikation zu lang?

Mit Cup und Champions Hockey League wird die Belastung natürlich immer grösser. Aber ich spiele lieber, als zu trainieren, deshalb finde ich das gar nicht so schlimm.

Dario Bürgler mit einem Slapshot.

Bildlegende: Der «Torhüter-Schreck» Dario Bürgler hat in der laufenden Saison schon 7 Tore erzielt. Keystone

Was kann Lugano dieses Jahr erreichen?

Ich bin nicht der Typ für Prognosen. Mir ist natürlich bewusst, dass wir eine gute und talentierte Mannschaft haben. Wichtig ist, dass wir unser Spiel finden, eine Siegermentalität und Selbstvertrauen aufbauen. So ermöglichen wir uns eine gute Ausgangslage für die Playoffs. Bis jetzt hatten wir die letzte Entschlossenheit noch nicht.

Ihnen persönlich läuft es bislang wie geschmiert. In der vergangenen Saison haben Sie beim EVZ in 51 Spielen 10 Tore geschossen. In der laufenden Spielzeit in 10 Partien schon 7. Was hat sich verändert?

Ich bin logischerweise froh über meinen guten Saisonstart. Ich mache mir aber nicht so viele Gedanken darüber. Eishockey ist ein Mannschaftssport, da freut man sich nicht über den persönlichen Erfolg. Schliesslich befinden wir uns immer noch unter dem Strich. Ich habe in der Vorbereitung auch nicht härter trainiert als in den vergangenen Jahren. Manche Dinge bleiben manchmal besser unerklärt. Ich hoffe einfach, dass es so weiter geht.

«  Die Identität eines Teams ist immer abhängig vom Trainer. »

Sie haben alle Treffer aus dem Slot, direkt vor dem Tor, erzielt. Ist das eine Rolle, die Sie in Lugano einnehmen?

Diese Rolle hatte ich schon früher. Ich würde auch gerne Tore von der blauen Linie oder sogar von der roten Linie schiessen. Von dort ist es nur nicht so einfach (lacht). Ich stehe im Powerplay vor dem Tor, viele Abpraller fallen dahin. Bis jetzt hatte ich einfach das Glück, dass ich sie manchmal gefunden habe. Und dass sie dann auch reingegangen sind. Die sieben Tore bringen mir aber nichts, wenn ich in den nächsten 20 Spielen keins mehr schiesse.

Dario Bürgler versucht direkt vor dem Torhüter einen Puck ins Goal zu bugsieren.

Bildlegende: Gewohntes Bild Dario Bürgler sorgt im Slot für Gefahr. EQ Images

In der vergangenen Saison sind Sie mit Zug an Lugano im Viertelfinal gescheitert. Was hatten Sie damals für ein Bild von den Bianconeri?

Lugano ist immer eine starke Mannschaft. Meiner Meinung nach gehören sie zu den vier grossen Klubs in der Schweiz. Sie sind immer zu vielem fähig. Mit dem Wechsel hat sich daran für mich nicht viel verändert. Ich habe auch schon viele Spieler von früher oder von der Nationalmannschaft gekannt. Die Identität eines Teams ist immer abhängig vom Trainer. Man sieht die Handschrift von Doug Shedden allmählich, wir müssen uns aber noch etwas finden. Wir sind langsam aber sicher auf einem guten Weg.

Am Samstag steht in Ambri das zweite Tessiner-Derby an. Ist das für Sie als Neuzugang eine besondere Erfahrung?

Das erste Derby in Lugano war schon speziell: Beim Einlaufen sind die Stehplätze schon gefüllt und die Fans machen Radau. In der Valascia wird es für mich insofern speziell, weil ich in Brunnen aufgewachsen bin und viele Freunde von mir Ambri-Fans sind. Es werden wohl einige im Stadion sein. Sie werden aber insgeheim hoffentlich trotzdem mir die Daumen drücken (lacht).

«  Ich brauche noch die Hilfe von Händen und Füssen. »

Dario Bürgler
Über seine Italienisch-Kenntnisse

Vor Ihrem Wechsel haben Sie jahrelang in Zug und in Davos gelebt. Wie hat sich Ihr Leben im Tessin verändert?

In Davos habe ich immer den Schnee und das Wintergefühl genossen. Mir gefällt es aber hier und ich bin gut von der Mannschaft aufgenommen worden. Es haben mich auch schon viele Freunde besucht, die im Tessin Ferien gemacht haben. Allein das zeigt ja schon, wie schön es hier ist.

Sprechen Sie schon ein bisschen italienisch?

Seit dem Saisonstart besuche ich einen Sprachkurs. Ich hoffe, dass ich mich schon bald besser verständigen kann. Momentan brauche ich noch die Hilfe von Händen und Füssen (lacht).

Letzte Frage: Wer ist in Ihren Augen momentan der beste Spieler auf Schweizer Eis?

(Überlegt lange) Andres Ambühl. Er ist der Beste und der Wichtigste. Für mich ist er ein typischer Leader, genau so, wie ich mir einen Führungsspieler vorstelle. Er hat keine grosse Klappe, aber grossen Kampfgeist. Er ist ein kompletter Eishockeyspieler.

Sendebezug: Laufende NLA-Berichterstattung