Trotz Bundesliga-Star im Niemandsland

Bis vor 10 Jahren waren die Schweizer Handballer regelmässig an Grossanlässen vertreten. Wieso kam es danach zum Absturz? Ex-Nati-Trainer Urs Mühlethaler liefert Erklärungen.

Andy Schmid mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden

Bildlegende: Schmerzhaft Bundesligaprofi Andy Schmid erlebte im Nati-Dress schon mehr Niederlagen, als ihm lieb ist. Keystone

Einst war Handball in der Schweiz sehr populär, die Nati Dauergast an Grossanlässen, die mediale Präsenz gross. Wieso ist die Sportart in der Versenkung verschwunden? Urs Mühlethaler, 1995 als Nati-Coach zum Schweizer Trainer des Jahres erkoren, nimmt im Interview dazu Stellung.

Urs Mühlethaler, überrascht sie das klägliche Ausscheiden in der WM-Quali?

Mühlethaler: Ich dachte zwar nicht, dass es dermassen in die Hose geht. Aber ich wusste, dass es gegen die Niederlande extrem schwierig wird.

Hat der scheidende Trainer Rolf Brack versagt?

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Die Niederlande demütigen die Nati in der WM-Quali

3:11 min, aus sportpanorama vom 17.1.2016

Ich würde es nicht an Rolf Brack festmachen. Die aktuelle Nati ist im internationalen Vergleich bezüglich Körpergrösse und Körpergewicht unterlegen. Wir haben zwar im U-20-Bereich Spieler, die physisch in der Lage sind, international mitzuspielen – aber nicht schon morgen.

Warum verpasste die Schweiz seit der Heim-EM 2006 alle Grossanlässe?

Überspitzt formuliert setzt man seit Jahren auf die Spieler, die aktuell grad am besten drauf sind und hofft auf Losglück. Aber man muss ein Team aufbauen, und das dauert. Wenn nach einem Jahr kein Erfolg da war, hat der Verband sein Konzept jeweils bereits wieder gekippt.

«  Auf einen Messias zu hoffen bringt ja nichts. »

Wo sollte man den Hebel ansetzen?

Man sollte ein Vierjahreskonzept starten, ohne sich unbedingt für die EM 2018 qualifizieren zu wollen. Man muss jetzt mit den 18 bis 20-Jährigen anfangen, die sich körperlich im Spitzenhandball behaupten können. Olympia 2020 in Tokio könnte ein Zielpunkt sein.

Wie sähe dieses Konzept aus?

Ich denke da an mehrjähriges Qualitätstraining auf verschiedenen Gebieten. Zum Beispiel mit Jean-Pierre Egger – dem einstigen Trainer von Kugelstösser Werner Günthor - zum Thema Kraft und Athletik. Oder mit Jae-Won Kang – dem südkoreanischen Welthandballer von 1989 und jahrelangen Profi bei Pfadi Winterthur – zum Thema Eins-gegen-Eins-Situationen.

Bundesliga-MVP Andy Schmid ist Erfolg gewohnt. Wäre er für ein langfristiges Vorgehen zu erwärmen?

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Zu Besuch bei Andy Schmid

5:30 min, aus sportaktuell vom 15.12.2015

Ich könnte mir vorstellen, dass er einem guten Konzept zustimmt. Einfach zu hoffen, der nächste Nationaltrainer könne als grosser Messias etwas bewegen, bringt ja nichts. Das hat Schmid selbst schon in Interviews angetönt.

Was könnte darüber hinaus für Aufschwung sorgen?

Der Schweizer Handball kann sich nur über Erfolg ins Gespräch bringen. Er muss etwas bewegen, muss gut sein. Warum kommt Langlauf am Fernsehen? Wegen Dario Cologna. Warum Biathlon? Wegen Selina Gasparin.

«  Der Verband sollte zuerst die Strategie ausarbeiten, und erst dann den dazu passenden Trainer wählen. »

Welche Eigenschaften braucht der nächste Nati-Coach?

Der Verband sollte erst eine Strategie ausarbeiten und dann auf dem internationalen Markt die dazu passende Person suchen. Und nicht umgekehrt. Ein grosser Name allein ist keine Garantie für die erfolgreiche Umsetzung eines Konzepts.

Reizt es Sie selbst, dieses ein drittes Mal zu übernehmen?

Ich versuche jetzt mit viel Enthusiasmus und Leidenschaft, zusammen mit anderen den Schweizer Frauenhandball ein Stück weiterzubringen. Die angesprochenen Baustellen haben wir hier zwar auch, aber ich glaube, wir sind ein kleines bisschen weiter als die Männer.

Was ist Ihre Prognose für den Schweizer Handball?

  • Mit einem guten Konzept und Geduld ist der Aufschwung möglich

    73%
  • Der Schweizer Handball wird weiterhin chronisch erfolglos bleiben

    26%
  • 585 Stimmen wurden abgegeben

Sendebezug: SRF zwei, sportaktuell, 22:20, 22.1.2016

Urs Mühlethaler

Porträt Urs Mühlethaler

Der erfahrene Handballcoach betreute unter anderem zweimal die Nati und war in der Bundesliga tätig. 1995 wurde er zum Schweizer Trainer des Jahres gewählt. Aktuell trainiert er die NLA-Handballerinnen von Spono Nottwil.