75 ist das neue 65: Die Verlangsamung des Alterns

Wir leben immer länger – und vor allem immer länger gut. Dank Medizin und Hygiene. Trotzdem hinterlässt der Alterungsprozess Spuren: am Einzelnen und in der Gesellschaft. Der renommierte Altersforscher Rudi Westendorp trägt in seinem jüngsten Buch viele Fragen und vorläufige Antworten zusammen

Er ist 56, völlig ergraut und braucht eine Brille. Und: Er ist schlagfertig, hat ein spitzbübisches Auftreten, ist auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Karriere und damit ein typischer Vertreter der jungen Alten. Rudi Westendorp, Altersmediziner an der Universität Leiden verkörpert, worüber er schreibt: Das Altern hat sich in den Ländern des Westens in den vergangenen Jahren sichtbar verlangsamt. Alt werden bedeutet nicht notwendigerweise auch alt zu sein.

Das ist offensichtlich. Doch die biologischen Prozesse des Alterns liegen noch heute in vielerlei Hinsicht im Dunkeln. Genauso wie die Ursache dafür, dass manche Menschen unter denselben Bedingungen schneller altern und früher sterben als andere.

«  Innerhalb von lediglich 100 Jahren hat sich die Lebenserwartung im Westen verdoppelt. »

Hochaltrigkeit, also das Leben über 80, liegt zwar zu einem guten Teil in den Genen und tritt daher in manchen Familien gehäuft auf. Tatsache aber ist: Wir alle haben heute gute Chancen, älter zu werden als unsere Eltern und erst recht als unsere Grosseltern. Innerhalb von lediglich hundert Jahren hat sich die Lebenserwartung im Westen verdoppelt. In der Schweiz werden Frauen im statistischen Mittel 85 und Männer 80,5 Jahre alt.

Die verbesserte Hygiene und der medizinische Fortschritt halten uns länger am Leben. Viele akute körperliche Krisen wie Herzinfarkt oder Hirnschlag lassen sich heute weit besser behandeln als noch vor wenigen Jahren. Chronische Krankheiten wie Bluthochdruck sind gut zu managen – und selbst Krebs oder HIV/Aids haben heute in vielen Fällen den Stellenwert eines chronischen Leidens.

Es sind viele Faktoren in einem komplexen Zusammenspiel dafür verantwortlich, dass sich in unserem Körper minimale Schädigungen summieren, bis wir gebrechlich werden. Westendorp beschreibt die bis anhin entdeckten biologischen Ursachen dieses vielgestaltigen Alterungsprozesses genauso wie die bisherigen Erkenntnisse, von denen viele später relativiert oder sogar aufgegeben mussten.

So meinte man etwa, dass die Telomere der Schlüssel zum Altern seien. Telomere sind die Endstücke der Erbgut-Moleküle. Sie verkürzen sich bei jeder Zellteilung und irgendwann – so die Annahme – geht den Telomeren der Stoff aus. Aber bald zeigte sich: Mäuse habe längere Telomere als Menschen und altern trotzdem schneller.

75 ist das neue 65

Doch es ist nicht die Biologie allein, die den Altersmediziner Westendorp interessiert. Sein Buch ist besonders da stark, wo er über sein Fachgebiet hinaus- und über die die persönlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen der steigenden Lebenserwartung nachdenkt – jenseits von Schlagworten wie Rentenkrise und Pflegenotstand. Westendorp spricht von einem Umbruch, an den wir uns bisher weder emotional noch sozial angepasst hätten. Denn es fehlen die Vorbilder. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es eine Gesellschaft, in der die meisten Menschen alt werden. Mehr noch: In der die meisten Menschen das erste Lebensjahrzehnt nach der Pensionierung bei guter Gesundheit verbringen und 75 das neue 65 ist.

Was tun mit der geschenkten Zeit?

Diese zehn geschenkten Jahre haben sich so rasch in unseren Lebenslauf geschoben, dass uns für deren Ausgestaltung die Konzepte fehlten, so der niederländische Altersforscher. Er meint damit persönliche und gesellschaftliche Konzepte, um diese Zeit nicht bloss mit hedonistischen Freizeit-Aktivitäten, mit Weltreisen und Wellnessen, sondern auch mit Sinn zu füllen. Oder in den Worten von Rudi Westendorp: mit Arbeit.

Denn für ihn ist klar: Wenn wir länger leben, sollten wir auch länger arbeiten, gesellschaftlich länger aktiv sein – ehrenamtlich oder beruflich. Im Gegenzug müsste die Wirtschaft altersgerechte Stellen anbieten. Vorbei die Zeiten, wo man sich ab Mitte 50 auf die Pensionierung einstellte. Vorbei aber auch die Zeiten, wo Menschen mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess in der sozialen Versenkung verschwanden.

Sendehinweis

«Müssen Grosseltern ihre Enkel hüten?»: Thema in «Forum», am 9. April ab 20:03 Uhr auf Radio SRF 1. Diskutieren Sie hier online mit.

Buchangaben

Buchangaben

Rudi Westendorp (Bild): «Alt werden, ohne alt zu sein. Was heute möglich ist». Verlag C.H.Beck, 2015