Das Erbe der Neandertaler: Depression und Nikotinsucht

Sex zwischen Homo Sapiens und Neandertalern – das war die Wissenschaftssensation des Jahres 2010. Mittlerweile weiss man: Neandertaler-Gene machen bei Menschen mit eurasischer Abstammung zwischen ein und vier Prozent des Genoms aus. Das hat weitreichende Folgen.

Fotomontage von einem Homo Sapiens, der DNA-Doppelhelix und einem Neandertaler.

Bildlegende: Viele Menschen tragen Neandertaler-Gene in sich: Erstmals hat nun eine Studie genau untersucht, welche Auswirkungen das auf die Gesundheit hat. Michael Smeltzer, Vanderbilt University

Manche Verhältnisse haben Langzeitfolgen. Vor 50'000 Jahren stiessen moderne Menschen aus Afrika nach Europa und Asien vor, wo sie sich prompt mit Neandertalern einliessen. Evolutionsstrategisch an sich ein kluger Zug, erklärt Tony Capra von der Vanderbilt University in Nashville in den USA. Denn die immer als grobschlächtig und tölpelhaft dargestellten Urmenschen waren an die nördliche Umwelt – vom Klima bis zu den Krankheitserregern – bestens angepasst. «Ich würde es so formulieren: Eine Nacht mit einem Neandertaler ist schon auszuhalten, wenn man sich so Jahrtausende an Anpassung an die Umwelt aneignet.»

Neandertalergene mit gesundheitlichen Folgen

Ob Neandertalergene uns nützten oder schadeten, war bisher spekulativ. Der Evolutionsgenetiker Tony Capra und sein Team gingen die Sache daher erstmals systematisch mithilfe einer Medizindatenbank an. Von 28'000 anonymisierten Patienten lagen auch DNA-Daten vor. Bei Menschen mit Neandertaler-Genen analysierten die Forscher, welche Krankheiten damit einhergingen. Auf der Jahrestagung der AAAS (American Association for the Advancement of Science) in Washington präsentierten sie nun ihre überraschenden Ergebnisse.

Neandertaler-Gene können weitreichende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Sie beeinflussen etwa die Haut oder das Immunsystem. «Die bei weitem grösste Überraschung war für uns die Verbindung zwischen Neandertaler-DNA und Depression sowie Nikotinsucht.» Damit hatte niemand gerechnet.

Melancholische Höhlenmenschen?

Es ist freilich unwahrscheinlich, dass die Neandertaler trübsinnig in ihren Höhlen sassen. Und sollten sie geraucht haben, war es gewiss nicht Tabak. Denn dieser ist eine ursprünglich in Südamerika beheimatete Pflanze, die erst mit Christoph Kolumbus nach Europa kam. «Auch wenn die Gene der Neandertaler mit Depression assoziiert sind, müssen die Menschen damals nicht darunter gelitten haben», eklärt Tony Capra. Man müsse nämlich eines bedenken: Bloss weil etwas für uns, in unserer industrialisierten Welt einen Risikofaktor darstellt, muss das nicht notwendigerweise für die Neandertaler gegolten haben.

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Bildlegende: Die Einflüsse der Neandertaler-Gene. Deborah Brewington, Vanderbilt University

Der Forscher identifizierte unter anderem Neandertaler-Gene, die die Blutgerinnung fördern, was als Risikofaktor für Herzinfarkt gilt. Doch wenn man in einer Umwelt lebt, wo man sich häufig verletzt, dann schützt ein schneller Wundverschluss den Körper vor bakterieller Infektion. Welchen Vorteil aber könnte eine Neigung zur Depression vor 50'000 Jahren gehabt haben? Darüber will der Evolutionsgenetiker nicht einmal spekulieren.

«Bisher muss man leider sagen,dass uns die Neandertaler-Gene dem Anschein nach mehr schaden als nützen», so Capra. Er räumt ein, dass man damit unseren Vorfahren möglicherweise unrecht tut. Denn es ist verhältnismässig einfach, Gene in Bezug auf Krankheiten dingfest zu machen. Doch was ist mit positiven Merkmalen wie, beispielsweise, Resilienz gegen Kälte? Eine besondere Effizienz beim Laufen? Komplexe Tätigkeiten oder Eigenschaften hängen immer mit vielen Genen zusammen. Ob dabei das eine oder andere Neandertaler-DNA-Stück im positiven Sinn mitwirkt, wird man wohl nie erfahren.

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Das Thema am Radio:

Im «Wissenschaftsmagazin» am Samstag, 13. Februar um 12:40 Uhr auf SRF 2 Radio Kultur.