Gehirnjogging: oft nur leere Versprechungen

Wer regelmässig mit speziellen Computerspielen sein Gehirn trainiert, erhöht dessen Leistungsfähigkeit. Das versprechen zahlreiche kommerzielle Anbieter mit Verweis auf wissenschaftliche Studien. Das seien leere Versprechungen, kontern nun über 70 weltweit führende Experten in einer Erklärung.

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Nutzloses Gehirnjogging

25 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 26.10.2014

Vielen Wissenschaftlern ist es zu viel geworden mit dem Hochjubeln des Gehirnjoggings unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft. Sie wehren sich dagegen, dass ihr Forschungsfeld überverkauft wird.

Mit ihrer Erklärung wollen sie sich klar gegen jegliche Scharlatanerie abgrenzen, insbesondere gegen diejenigen, die Gehirnjogging-Spiele als Mittel gegen Altersvergesslichkeit oder sogar Demenz verkaufen.

Die Forschung hat noch nichts bewiesen

Auch der Psychologie-Professor Klaus Oberauer von der Universität Zürich hat die Erklärung mit unterschrieben. Er beobachtet mit Sorge, dass immer mehr Personen sowohl ausserhalb der Wissenschaft als auch Leute, die an angesehenen wissenschaftlichen Institutionen arbeiten, mit weit übertriebenen Versprechungen an die Öffentlichkeit treten: «Sie erwecken dabei den Eindruck, als sei es schon wissenschaftlich erwiesen, dass diese Trainingsprogramme unser Gehirn oder unseren geistigen Apparat in genereller Weise fit halten oder fit machen. Aber die empirische Forschung gibt das eigentlich nicht her», sagt der Experte.

Keine einfachen Lösungen

Es gibt durchaus Studien, in denen sich das Training des Kurzzeitgedächtnisses am Computer auf die Intelligenz auswirkt. Führend in dieser Forschung ist eine Gruppe um die Psychologin Susanne Jäggi von der University of California Irvine. Ihre Studien zeigen jedoch auch, dass es ganz bestimmte Aufgaben am Computer braucht, die nur bei ganz bestimmten Menschen funktionieren und nur ganz bestimmte Teilaspekte der Intelligenz ein klein wenig verbessern.

«Das Publikum möchte gerne so eine einfache Lösung haben. Man spielt ein wenig am Computer und verbessert damit seine Intelligenz. So einfach ist das nicht. Man kann Bereiche verbessern, die über die Trainingseinheit hinausgehen, aber die Effekte sind relativ klein», sagt Susanne Jäggi. So klein und mitunter so unbeständig, dass auch Jäggi die Erklärung gegen den Hype um das Gehirnjogging unterschrieben hat.

Wandern statt Joggen

Doch es gibt durchaus etwas zu tun, wenn der Geist nachlässt. Der Psychologe Klaus Oberauer rät: «Viel laufen, vor allem in freier Natur. Sich viel bewegen und körperlich fit halten geht mit längerer geistiger Fitness einher».

Oberauer rät davon ab, sich nur auf Trainingsprogramme am Computer zu fokussieren. Statt dessen sollte man sich auf möglichst vielfältige Weise geistig betätigen. Lesen zum Beispiel, Menschen treffen und mit ihnen diskutieren. Also lieber Gehirnwandern, als auf der immer gleichen Strecke Gehirnjogging zu betreiben.

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Sturz-Risiko: Senioren wappnen sich mit Computer-Spielen

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