Gurgeln mit Mumienpulver

Wir essen keine Menschen – der Kannibalismus ist allenfalls ein längst überwundenes Relikt aus der Kolonialzeit. Tatsächlich? Vor rund 400 Jahren fand auch in der westlichen Welt eine besondere Form von Kannibalismus statt: zu medizinischen Zwecken.

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«Mumia vera» und andere Arzneimittel aus Menschen

3:11 min, vom 9.4.2014

Viele Bestandteile des Menschen gehörten einst als Heilpräparate zum Fundus jeder guten Apotheke: Knochen zum Beispiel, Schädel, Haut, Fett oder Blut. Sie wurden in kleinsten Mengen pulverisiert oder getrocknet; als Wundtrank oder als Beigabe in Tees geschluckt. Schliesslich war die Einnahme über den Mund im 16. Jahrhundert noch der gängigste Weg, wie eine Arznei überhaupt in den Körper gelangen konnte.

«Diese menschlichen Präparate entsprachen durchaus dem damaligen aktuellen Wissensstand in der Medizin», sagt die Historikerin Janine Kopp von der Uni Luzern, «sie gingen einher mit der Signaturenlehre von Paracelsus, bei der man Gleiches mit Gleichem heilen sollte». Janine Kopp kennt sich gut aus in der Welt der menschlichen Arzneien. Der Mensch galt als höchstes aller Tiere und als Ebenbild Gottes, deshalb lagen menschliche Präparate damals hoch im Kurs. Menschliche Komponenten galten am geeignetsten, um ein menschliches Leiden zu lindern.

Ein Glas mit menschlichem Fett in gelber Flüssigkeit.

Bildlegende: Arzneimittel Menschenfett: Es wurde vor allem als Salbenbestandteil verwendet, aber auch als Wundtrank zur inneren Stärkung. SRF

Gurgeln mit Mumienpulver

Janine Kopp kennt auch ein Präparat der besonderen Art sehr genau: die «Mumia vera», was nichts anderes war als echte Mumie aus Ägypten. Diese wurde – getrocknet in Brocken – nach Europa importiert. Sie galt als Universal-Heilmittel und wurde bei verschiedenste Leiden eingesetzt: etwa gegen Milzstechen, Blähungen oder Menstruationsbeschwerden. Aber auch bei Lähmungserscheinungen, Epilepsie und Schwindel. Mit Ölen in die Ohren geträufelt, sollte sie Ohrenschmerzen lindern. Gegurgelt sollte sie gar chronischen Husten stillen. Aber auch gegen Kopfschmerzen, Skorpionstiche, Blutungen oder Inkontinenz sollte Mumien-Arznei helfen. Es gab kaum ein Leiden, welches nicht mit «Mumia» behandelt werden konnte. So beschrieben im Buch «Mumienharz und Schädelmoos – der Mensch als Arzneimittel» von Jürgen Mischke, welches vom Pharmazie-Historischen Museum Basel herausgegeben wird.

Finger auf dem Schwarzmarkt

Im Zuge der Kommerzialisierung von «Mumia» wurden aber, anstelle von kostspielig zu beschaffenden ägyptischen Mumien, vermehrt Hingerichtete zu Mumien verarbeitet. Den Henkern kam dabei eine besondere Rolle zu: Sie fungierten als Mittelsmänner zwischen Schafott und Apothekerschrank. «Laienheiler haben direkt beim Henker etwa Zehen oder Finger bezogen», so die Historikerin Kopp, «und es kam nicht selten vor, dass mit menschlichen Präparaten – eben weil sie eher teuer waren – auch auf der Strasse gedealt wurde».

Henker kamen direkt und oft als einzige an die frischen Toten heran – und somit an das menschliche Material zum Mumifizieren. Hingerichtete waren oft noch jung, körperlich gesund und galten deshalb als erste Wahl für die Herstellung von «Mumia»; zudem galten sie trotz ihrer Vergangenheit als geläutert, weil sie durch den Tod ihre grösstmögliche Busse vor Gott abgelegt hatten.

Im 16. und 17. Jahrhundert war die Hoch-Zeit für Arzneien aus menschlichen Bestandteilen. Im 18. Jahrhundert verschwanden die menschlichen Präparate dann zunehmend aus den Apotheken, jedoch wurden sie vereinzelt bis ins frühe 20. Jahrhundert noch gehandelt. Der «medizinische Kannibalismus» wird als solcher heute weitgehend ausgeblendet, dennoch gehört er unwiderruflich zur Geschichte unserer eigenen, frühen Neuzeit.

Janine Kopp

Janine Kopp

Die Historikerin der Uni Luzern schrieb ihre Dissertation zum Thema «Hingerichtet und als Medizin verkauft: Der menschliche Körper als medizinische Ware in der Schweiz der Frühen Neuzeit».

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