Kitsch in der Wissenschaft

Kitsch kennen wir aus der Kunst – als banale, übersentimentale und missratene Vartiante. Doch es gibt auch Wissenschafts-Kitsch. Das zumindest behauptet der Physiker, Philosoph und freie Publizist Eduard Kaeser.

Ein Strassenmaler mit einem kitischigen Bild von Albert Einstein.

Bildlegende: Albert almighty: Der berühmte Physiker muss nicht nur für die Vermarktung seiner Arbeit herhalten, sondern als Weltweiser und Original. Keystone

Definitionen von Kitsch gibt es viele. Kitsch ist geschmacklos, ist sentimental, ist nicht authentisch. Das gelte nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft, so der Physiker, Philosoph und freie Publizist Eduard Kaeser. «Wissenschaft ist ein Unternehmen, das nach Wahrheit sucht», sagt er, «nun gibt es aber gewisse Elemente der Wissenschaft, die man eben auch zweckentfremden kann, von der Wahrheitssuche weg».

Eine Briefmarke mit Albert Einstein erinnert an einen Besuch des Physik-Nobelpreisträgers in Kuba.

Bildlegende: Einstein zum Zweiten: Diese Briefmarke erinnert an einen Besuch des Nobelpreisträgers in Kuba. Colourbox

Zu grosse Versprechen

Kitsch in der Wissenschaft missbrauche die Erkenntnissuche zu anderen Zwecken – zum Beispiel, um gewisse Gefühle beim Publikum zu wecken. Forschungs-Kitsch hat laut Kaeser immer mit der Überspannung des Erkenntnisanspruchs zu tun. Wissenschaft sei unter anderem immer dann Kitsch, wenn zu viel versprochen werde.

Typen von Wissenschafts-Kitsch

Kaeser hat nun in der Fachzeitschrift «Public Understanding of Science» eine kleine «kitschologische» Erkundung gemacht und dabei einige Arten von Wissenschaftskitsch zusammengetragen. Als Beispiele nennt er unter anderem die folgenden Varianten:

Entzauberungs-Kitsch:

«Unser Bewusstsein ist nichts als ein Gewitter von feuernden Hirnzellen»: Solche Aussagen der Art «x ist nichts anderes als y» werden in der Wissenschaft reduktionistisch genannt. Ein Phänomen wie das Bewusstsein wird auf ein anderes – in diesem Fall die Hirnzellen – reduziert. Zu Kitsch werden solche Aussagen laut Kaeser dann, wenn sie emotional gefärbt sind: «Wenn man sich damit in die Pose des Ernüchterten wirft, der uns endlich sagt, wie die Welt ‹wirklich› tickt: Hört ihr Leute, was ihr bisher zu wissen glaubtet ist Ignoranz, Irrtum, Illusion!»

Denn mit diesem «Nichts anderes als...» werde mehr behauptet als wissenschaftlich redlich sei. Dass es kein Bewusstsein ohne Hirnzellen gibt, heisse noch lange nicht, dass Bewusstsein auch vollständig mit den Gesetzmässigkeiten der Hirnzellen erklärt werden könne. Und trotzdem werde es mit Triumph verkündet. Das bezeichnet Kaeser als Kitsch.

Theorie-Kitsch:

Theorie-Kitsch verwendet eine Theorie – zum Beispiel aus der Quantenphysik –, um Dinge aus einem ganz anderen Gebiet zu erklären – etwa aus der Psychologie. Das liest sich dann so: «Der Geist ist wie eine Elektronenwolke, die den Atomkern umhüllt. In gleicher Weise kann man sich eine Möglichkeitswolke vorstellen, die dem Gehirn jederzeit offen ist. Wenn der Geist ein Zeichen gibt, gerinnt eine dieser Möglichkeiten zu einem Gedanken im Gehirn, so wie Energiewellen zu einem Elektron kollabieren.»

Die moderne Physik scheine einen ergiebigen Weidegrund abzugeben, auf dem Nicht-Physiker grasen könnten, konstatiert Kaeser. Dabei sei an der Übertragung von Begriffen aus der Quantenphysik auf zum Beispiel eben psychologische Phänomene meist wenig dran ausser einer Behauptung und viel windschiefer Metaphorik. Darum sei auch das Wissenschafts-Kitsch.

Welterklärungs-Kitsch:

«Welterklärungs-Kitsch wird getragen vom Hochgefühl, aus dem tiefen Verständnis einer Theorie heraus endlich ‹den› Erkenntnisschlüssel für alles in Händen zu halten: eine ungeheure Revolution, ein nie dagewesener Durchbruch im Denken, ein Jahrhundert-Paradigmenwechsel», schreibt Kaeser.

Solcher Welterklärungs-Kitsch zeichne sich dadurch aus, dass er mit einem einzigen wissenschaftlichen Konzept die ganze Welt zu erklären versuche – ein völlig überzogener Anspruch. «Wahrlich, ich sage euch, Gott ist ein Neuropeptid! Er sitzt im frontalen Cortex!» – auch solche Aussagen seien nichts als Wissenschafts-Kitsch.

Kaeser plädiert dafür, auch in wissenschaftlichen Texten mehr nach solchem Kitsch Ausschau zu halten. Denn solche Äusserungen und Gedanken untergraben auf die Dauer die Glaubwürdigkeit des Unternehmens Wissenschaft als Ganzes.

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